Niklaus Helbling inszeniert am Oldenburgischen Staatstheater Mozarts Oper „Così fan tutte“

Isoliert und gut gelaunt

Unglaubwürdig und doch aktuell: Szene aus „Così fan tutte“. ·
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Unglaubwürdig und doch aktuell: Szene aus „Così fan tutte“.

Oldenburg - Von Ute Schalz-Laurenze. „Das albernste Zeug der Welt“ war die gängige zeitgenössische Meinung über Wolfgang Amadeus Mozarts „Così fan tutte“. Und immer wieder gibt es noch heute harte Urteile über die unglaubwürdige Geschichte, in der der Philosoph Alfonso seine beiden Freunde Ferrando und Guglielmo darüber belehren will, dass ihre Verlobten ihnen innerhalb kürzester Zeit untreu werden.

Natürlich ist das Textbuch von Lorenzo da Ponte unglaubwürdig, denn die Männer erscheinen kurz nach ihrem Abgang in den Krieg als verkleidete „Ausländer“ – „Sind‘s Walachen, sind‘s Türken?“ fragt Despina – wieder und werben um die Damen. In unterschiedlichen Intervallen gelingt die Verführung auch – bei der lebenslustigen Dorabella schneller und bei der moralisch scheinbar gefestigten Fiordiligi weniger schnell – und dann stehen alle vier vor einem emotionalen Chaos ohnegleichen, das Mozart einfach beendet mit gegenseitigen Verzeihungen und der Wiederherstellung der alten Paarungen. Das aber ist genau nicht der Fall, die Musik erzählt etwas ganz anderes: Ferrando und Fiordiligi haben sich – als neues Paar – wirklich verliebt, und Guglielmo möchte Gift in den Champagner des Hochzeitstostes gießen: Das Experiment hat sein Leben zerstört.

Dass nichts mehr so ist wie früher, das haben alle Così-Regisseure gestalten müssen, eine enorm schwierige Aufgabe, denn es gibt ja von Mozart auch nur die zutiefst skeptische Anfrage an die Moralvorstellungen des neuen Bürgertums: Seine Komposition hört einfach irgendwie auf. Zwei Inszenierungen in Bremen sind in Erinnerung: Guglielmo erschießt den Alfonso, denn der hat seine Leben zerstört (Anthony Pilavachi). Die Paare arrangieren sich in einem flotten Vierer (Laurent Chétouane). Zudem gab es einmal die vollständige Verwirrung und Verzweiflung, wenn alle orientierungslos auseinanderlaufen.

Niklaus Helbling hat jetzt in Oldenburg in einer begeistert angenommenen Premiere den Schluss insofern offengelassen, als alle isoliert und gut gelaunt an die Rampe treten. Wie‘s weitergeht, weiß niemand. Vorausgegangen war nur die Zerstörung der Vorstellung von Liebe und Treue. Und da hat Helbling durchweg schöne Bilder gefunden für Mozarts feine Unterschiede von Ironie, Komik und bitterstem Ernst. Wunderbar selbstironisch singen die beiden Damen ihre Treueversprechen, der Abschied der Männer ist eine amüsante Parodie. Dann nimmt das Drama seinen Lauf und da gelingen Helbling überzeugende Bilder seelischer Tiefen – wie zum Beispiel dem, dass Guglielmo sich am neuen Hochzeitsfest betrinkt. Eine schöne Idee auch, dass einige Arien sich an das Publikum richten, als wären wir mitverantwortlich an dem großen Betrug. So unglaubwürdig die Konstruktion, so aktuell die Wahrheit, die sie ausspricht.

Alfonso fotografiert das alles. Was ein bisschen auf der Strecke bleibt, ist die Tatsache, dass Ferrando und Fiordiligi sich wirklich verlieben, was Mozarts Musik so eindeutig sagt, und was uns eigentlich den Atem stocken lassen muss. Das ist nicht der Fall, ebenso wenig wie die Despina kein ausreichendes Profil bekommt. Die lebenserfahrene junge Frau tingelt als Leichtgewicht durch die Szene und die tiefe Erschütterung, die auch sie am Ende durchmacht, ist kaum zu sehen. Das Geschehen ist eingebaut in ein „Atelier“ von Alfonso, der historische Kostüme nachbaut. Warum, bleibt unerklärt.

Musiziert und gesungen wird unter der Leitung von Roger Epple auf ganz hohem Niveau. Tolle Tempi – manchmal an der Grenze – , scharfe und farbenreiche Akzente, virtuose und blühende Bläser und makellos gesungene Partien – Inga-Britt Andersson als Fiordiligi, Linda Sommerhage als Dorabella, Stefan Heibach als Ferrando, Joachim Held als Guglielmo, Monika Reinhard als Despina und Derrick Ballard als Alfonso – machen den Abend musikalisch zu einem Ereignis. Die Aufführung ist eine Reise wert.

Die kommenden Aufführungen: am 5., 7., 14. und 20. Februar, jeweils um 19.30 Uhr am Oldenburgischesn Staatstheater.

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