Dirigent Olof Boman über Vivaldis „Orlando furioso“ am Theater Bremen

Irre Geschichte

Einsame Menschen: Olof Boman dirigiert Vivaldis „Orlando furioso“. ·
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Einsame Menschen: Olof Boman dirigiert Vivaldis „Orlando furioso“.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Liebesverrückt sind sie alle, die sieben, die auf der Insel der Verführerin Alcina gestrandet sind. Am schlimmsten trifft es Orlando, den die unerfüllte Liebe zu Angelica gar in den Wahnsinn treibt.

Geliebt hat Antonio Vivaldi seine Oper „Orlando furioso“, die er nach einem ersten Misserfolg in Venedig gleich ein zweites Mal schrieb. Nach Fertigstellung der neuen Fassung meinte er, wenn auch diese erfolglos bleibe, dann höre er auf zu komponieren.

Das Theater Bremen bereitet den seelischen Wirrwarr nach dem Epos „Der rasende Roland“ von Ludovico Ariost in der Regie von Anna-Sophie Mahler vor. Vivaldis kraftvolle Musik wurde dem 40-jährigen Schweden Olof Boman anvertraut, der sich in der historischen Aufführungspraxis einen Namen gemacht hat, inzwischen aber seine Kenntnisse durchaus auch „ganz normalen” Orchestern zur Verfügung stellt.

Herr Boman, in den vergangenen Jahren hat es eine Reihe von hoch ambitionierten Aufführungen gegeben. Können Sie auf das Material der Kollegen zurückgreifen oder gestalten Sie sich Ihr eigenes?

Olof Boman:Es gibt eine Edition von Ricordi, aber sie ist nicht quellenkritisch. Man muss sich seine eigene Fassung machen – das muss man bei Barockopern aber fast immer. Unsere Fassung hat die bremischen Umstände berücksichtigt: die Besetzung komplett mit Sängern des Ensembles, und – mit Ausnahme von zwei Lauten und zwei Cembali – auch im Orchester keine Fremdengagements von alten Instrumenten. Früher war ich da mal sehr puritanisch, heute sehe ich das eher pragmatisch. Ich möchte das realisieren, und da richte ich mich nach den Voraussetzungen.

Die Oper dauert über drei Stunden mit über dreißig Arien – was ja der Sinn der „opera seria“ war. Nach welchen Kriterien kürzen Sie?

Boman:In drei langen Tagen Arbeit mit der Regisseurin Anna Sophie Mahler und der Dramaturgin Sylvia Roth ist die Fassung entstanden. Wir haben versucht, diese irre Geschichte zu verstehen, wobei ich natürlich mehr musikalisch argumentiert habe: Welche Arien sind die schönsten? Aber: Alle Arien sind so schön.

Sie haben ein Orchester des 19. Jahrhunderts vor sich, wo liegen die Probleme?

Boman:Ich wollte das einfach mal ausprobieren: zu entdecken, was eigentlich automatisch von so guten Musikern kommt. Denn sie erfassen die Musik ja ganz schnell. Schwierig aber sind die barocken Gesten, weil sie ungewohnt sind und man automatisch dazu neigt, sie wie die Ausdrucksmusik des neunzehnten Jahrhunderts in großen Bögen zu spielen. Die Noten selbst sind nicht so knifflig, umso mehr ist es, diese so andere Musik in den Körper zu bekommen. Deshalb habe ich Dynamik und Artikulation in die Orchesterstimmen hineingeschrieben.

Es geht ja nicht um einen Inhalt, schon mal gar nicht um eine Logik, es geht – das ist eben die Gattung – um eine Vorlage für heftigste Affekte. In diesem Fall um eine Handvoll vollkommen Liebesverrückter, das ist ja nicht nur Orlando. Wie wichtig ist da für Ihre Musikinterpretation die Ab- und Aussprache mit dem Regisseur?

Boman:Als Dirigent muss und will ich mich mit der Regie beschäftigen, sonst könnte ich es ja einfach konzertant machen. Musik und Regie gehören zusammen, weil die Musik eben das Gefühl ist. Für diese Oper ist wichtig, dass es nur Arien gibt, jeder hat seinen eigenen Weg. Es handelt sich um einsame Menschen, nicht nur Orlando ist das. Und Anna Sophie Mahler zeigt diese Menschen: Es sind bei ihr keine Psychopathen, sondern wir selbst.

Die Musikwiedergabe verlangt Kenntnis der historischen Aufführungspraxis. Gibt es denn so etwas auch für die Szene? Wie hat man denn das damals in Venedig gespielt? Wie würde das aussehen?

Boman:Es ist immer gut, wenn wir wissen, wie es war. Aber es ist genauso wichtig, dass die Regisseure neu schauen und nach der Bedeutung eines Werkes von und für heute fragen. Und wir spielen diese – sagen wir einmal – modernen Gefühle nicht minder emotional als damals.

Wo sehen Sie persönlich denn die Aktualität – oder besser Aktualisierbarkeit – dieser Musik?

Boman:Die Affekte sind doch die gleichen. Meine Erfahrung ist: Wenn Barockmusik gut gemacht ist, findet sie oft einen viel direkteren Weg zum Publikum als spätere Musik, in der es dann so viel zu rätseln und zu deuten gibt.

Wie sehen Sie die außerordentliche musikhistorische Bedeutung Vivaldis?

Boman:Die Bedeutung seiner Musik ist ihre Kraft, ihre Lebensfreude und ihre Energie. Ich bin ein großer Händel-Fan, aber Vivaldis Musik ist viel direkter als Händel. Sie ist nicht besser und nicht schlechter, sie ist anders. Wenn Orlando beispielsweise in den Wahnsinn verfällt, löst Vivaldi die Formen auf und geht von der Arie über in Rezitative, die unglaublich ausdrucksstark begleitet sind – aber genau so brüchig und zerrissen wie Orlandos Seele.

Antonio Vivaldi: Orlando furioso. Regie: Anna-Sophie Mahler, musikalische Leitung: Olof Boman. Premiere am kommenden Samstag um 18 Uhr im Theater Bremen.

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