„War da was?“: In Bremen herrscht Kurt-Hübner-Nostalgie

Irgendwie vorbeigerauscht

Wie zu Hübners Zeiten: Susanne Schrader probiert das Maria-Stuart-Kostüm. ·
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Wie zu Hübners Zeiten: Susanne Schrader probiert das Maria-Stuart-Kostüm. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Die Kunst des Schauspielers, bemerkte einmal Gotthold Ephraim Lessing, sei von Natur aus eine transitorische: „Sein Gutes und Schlimmes rauschet gleich schnell vorbei.“ Es mag in diesem Umstand so mancher Vorteil zu finden sein.

Fehler geraten binnen Tagen in Vergessenheit, von diversen ästhetischen Verirrungen wird die Nachwelt nie erfahren. Die Nachteile jedoch wiegen schwer. Denn so schnell wie der Makel verblasst auch der Ruhm. Dichter wie Homer vermögen Jahrtausende zu überdauern. Wer aber kennt heute noch Caroline Neuber oder August Wilhelm Iffland? Die Schauspielstars des 18. Jahrhunderts?

Am Theater Bremen sorgt man sich derzeit um das öffentliche Gedenken seiner größten Ära: die Jahre, als Intendant Kurt Hübner mit Regisseuren wie Peter Zadek und Peter Stein sowie Schauspielern wie Jutta Lampe und Bruno Ganz bundesweit Aufsehen erregte. So hat man Regisseur Gernot Grünewald keine geringere Aufgabe auferlegt als die Quadratur des Kreises. Was in diesem Fall bedeutet: mit den Mitteln des Theaters gegen das flüchtige Wesen desselben anzuspielen. Wie sich Grünewald bei diesem Versuch geschlagen hat, war mit der Premiere seines Stücks „War da was? Die Hübner-Jahre“ am Freitagabend erstmals zu erleben.

Die Bühne selbst erinnert zunächst mehr an Ionesco als an Hübner: Jede Menge Stühle sind auf ihr zu sehen, anfangs noch zu einem Haufen gestapelt, später ordentlich aufgereiht. Außerdem liegt da noch ein Haufen Kostüme bereit, jedes einzelne per Seil mit dem Schnürboden verbunden (Ausstattung: Michael Köpke).

Im fahlen Licht atmet dieser Raum Dachbodenatmosphäre, zumal die fünf Protagonisten des Abends darin wie neugierige Kinder in einer fremden Gerümpelkammer agieren. Cornelia Dörr, Peter Fasching, Guido Gallmann, Lisa Guth und Susanne Schrader durchblättern alte Fotoalben und posieren in historischen Kostümen. Vor allem aber erzählen sie von ihren Gesprächen mit Zeitzeugen, berichten von leuchtenden Augen und nostalgischen Gefühlen.

„Ach, das war heftig, wie Hübner da oben stand und die Schauspieler angeschrien hat!“, heißt es dann. Oder: „Ich weiß gar nicht mehr, wie der hieß, der nach ihm kam. Stolzenburg oder so. Na ja, dagegen war das natürlich kalter Kaffee!“ Es ist die Rede von der roten und der grünen Taschenlampe, mit der Hübner seinen Schauspielern Signale gegeben haben soll, sowie von den Schreiorgien im Probenalltag. Wir hören die Geschichte von seiner Absetzung der „Frauenvolksversammlung“ und natürlich auch von seiner eigenen Demission durch Kultursenator Moritz Thape: All die Anekdötchen und Geschichtchen, die seit Jahr und Tag in Bremen die Runde machen. Die Sache zieht sich.

Theatergänger, die sich damals zur Avantgarde zählten, wohnen heute in feinen Villen, wollen aber nichts vom Verrat an ihren Idealen wissen. Eine Schauspielerin wähnt sich heute noch von ihrem einstigen Intendanten verfolgt. Und ein Zuschauer von Zadeks „Frühlings Erwachen“-Inszenierung erkennt heute beim Betrachten der Filmaufnahme nach all den Jahren das Stück nicht wieder. Das alles ist allenfalls leidlich unterhaltsam, auf neue Erkenntnisse ist nicht zu hoffen.

Weil der Abend zwischen Fiktion und Dokumentation beliebig changiert und statt Charaktere bloße Rechercheure zeigt, bleibt er darstellerisch belanglos. Warum die Kostüme irgendwann halbhoch im Raum schweben und weshalb ausgerechnet ihre faltenreiche Oberfläche als Leinwand für verschwommene Filmaufnahmen dienen soll, lässt sich nicht ergründen. Das Ambiente der Gerümpelkammer dominiert auf fatale Weise die künstlerische Substanz, alles mutet an wie ein großes Irgendwie.

Lessing soll Recht behalten an diesem Abend, und gegen das flüchtige Wesen der Theaterkunst ist tatsächlich kein Kraut gewachsen. Mit dem Titel hat Grünewald diese Einsicht schon vorweggenommen. Als sein Ensemble auch die letzte Anekdote erzählt hat, der Mythos Hübner also endlich rundum erschlossen scheint, hinterlässt der Abend nicht viel mehr als diese eine Frage: War da was?

Weitere Vorstellungen: am 9. Juni um 18.30 Uhr sowie am 13. und 15. Juni jeweils um 20 Uhr am Theater Bremen, Kleines Haus.

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