„Das Konzept bin ich“ blickt in der Schwankhalle auf Euthanasie

Irgendwie bescheuert und beängstigend

Auch Musik spielt in dem Stück eine Rolle. Foto:2x zwei fotografie

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Da führt ein Künstlerkollektiv engagiert und formvollendet vor, was Inklusion heißt: Es spielt nämlich so Theater, dass es meisten völlig egal ist, wer da nun mit und wer ohne Behinderung auf der Bühne steht. Und dann kommt der Journalist und fängt trotzdem sofort wieder von Trisomie 21 an. Das ist zugegebenermaßen wirklich ein Ärgernis, an dem in diesem Fall allerdings die Nazis schuld sind.

Die Rede ist vom Bremer Besuch der Dortmunder Gruppe I Can Be Your Translator, die am Wochenende ihre Stück „Das Konzept bin ich“ in der Schwankhalle aufführt. Das handelt von der „Euthanasie“, also der systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderung. Und davon fühlt sich Schauspielerin und Musikerin Linda Fisahn dann doch auch gerade wegen ihres Downsyndoms speziell betroffen. Es tue ihr nämlich weh, an die Toten zu denken, „die auch so sind“, wie sie sagt, „genauso wie ich es bin“.

Fisahn hat mit den anderen Performern an historischen Schauplätzen und heutigen Gedenkstätten recherchiert, das Stück entwickelt – und dann ganz ohne Regie im Kollektiv inszeniert. Aus dem Ansatz klingt eine Vielstimmigkeit, die bei dem Thema überraschen muss. Sehr spielerisch ist das, manchmal richtig witzig, und ambibalent vor allem in der Frage, wie „richtiges“ Gedenken heute aussehen sollte. Selbst die Frage, was im Stück genau gesehen soll, wird auch auf der Bühne immer wieder diskutiert und ausgefochten.

In nüchternem Ton werden die Stationen des Massenmords vorgetragen, wobei Linda Fisahn diesen entlang der Daten vorgibt: 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, dann die Planung der systematischen Ermordung, die Inbetriebnahme der Tötungsanstalten – die ersten „Trostbriefe“ an die Angehörigen, in denen Ärzte neben dem Todeszeitpunkt erlogene Todesursachen formulieren – und dazu raten, den Verlust als Erlösung zu begreifen.

Mit 1945 hört es nicht auf. Es folgen Episoden zur verweigerte Entschädigung der Zwangssterilisierten, nach wie vor offene Fragen zur ethischen Dimension der modernen Pränataldiagnostik, oder die AfD, die im Bundestag aktuelle Zahlen Schwerbehinderter mit Migrationshintergrund abfragt. Zwischendurch wird „Reise nach Jerusalem“ gespielt. Und weil sich tatsächlich jede Aufführung aufs Neue im Handgemenge entscheidet, wer da einen Platz bekommt, wird es dabei auch etwas ruppig. Und sehr finster, wenn man im Publikum über mögliche Bedeutungen des Spektakels grübelt.

Besonders wichtig für diese Gemengelage aus Mord, Behinderung, Trauer, Witz und Reflexion ist die Musik. Noch bevor I Can Be Your Translator mit dramaturgischen Konzepte experimentierte, hatte man sich als Band zusammengetan. Für den musikalischen Teil des Abends ist der Hamburger Christian Fleck verantwortlich, der auch über die Szene hinaus mit der inklusiven Band Station 17 bekannt geworden ist – spätestens seit man mit Acts wie Fettes Brot, DJ Koze oder Stereo Total musizierte. Die Musik in „Das Konzept bin ich“ macht Stimmung – es ist nur gar nicht so leicht zu sagen, was für eine. Mal brummt da melancholisch der Kontrabass, dann knarzt die Elektronik irritierende Ambientsounds zusammen. Und immer wieder Pop: jenseitig verträumt und ganz und gar gelogen klingt Andreas Bouranis Hit an: „Wer friert uns diesen Moment ein / Besser kann es nicht sein“. Oder völlig abgedreht DAF aus vier schrillen Blockflöten plus Triangel: „Drehe dich nach rechts / und klatsch in die Hände / und mach den Adolf Hitler“.

Einfache Antworten gibt es jedenfalls nicht. Oder höchstens die eine, die Linda Fisahn in einem Video von der Gedenkstättenexkursion ins Off gesprochen hat: „Nazis“, sagt sie da, „sind irgendwie bescheuert und beängstigend.“

Selbst sehen

Samstag, 20 Uhr, sowie Sonntag, 19 Uhr, Schwankhalle

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