Susanne Rings Wesen und ihre Gliedmaßen sind selten klar identifizierbar / Ausstellung in der Galerie Kramer

Irgendwas zwischen Flossen und Seetang

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Wo sich nun der Himmel zeigen soll, lässt sich nicht erahnen. Susanne Ring hat ihn im Titel ihrer Ausstellung der Hölle gegenübergestellt.

Doch wer die Galerie Kramer betritt, fühlt sich der Unterwelt deutlich näher als himmlischen Gefilden. Okkulte Figuren aus Keramik sitzen im Raum verteilt: Gesichtslose Wesen, beschädigte Gestalten. Ein kleines, dickes Etwas kauert im Eck, ein mit Beulen übersäter Klumpen. Sind es Warzen? Oder Narben? Zwei links und rechts ausgestreckte Beine lassen auf Leben schließen. An ihren Enden aber befinden sich statt der Füße eigentümliche Gebilde, irgendwas zwischen Flossen und Seetang. Man wird den Verdacht nicht los, dass hier ein Opfer liegt: ein einstmals kerngesundes Tier, dem ein schweres Unglück widerfahren ist.

Noch beunruhigender nimmt sich die Vase im hinteren Bereich der Galerie aus. Ihre fleischige Farbe lässt die Rundungen schon von weitem einem lebendigen Wesen zuordnen. Tritt man näher heran, bemerkt man unten zwei Beinstummel: nach vorne offene Stummel wohlgemerkt, wodurch die Eignung des Objekts als Vase vollends in Frage steht. Blutrot leuchtet in diesen kurzen Röhrchen die innen aufgetragene Lasur hervor. Wer assoziiert da nicht schwere Verletzungen, Kriegswunden, Invalidität? Oben gähnt weit offen der Schlund des Gefäßes. Wer hineinblickt, sieht rot: blutig triefend, als sei die Keramikskulptur in Wahrheit ein eben erst geschlachtetes Tier.

Derweil starrt den Besucher ein totenkopfähnliches Gebilde herausfordernd an. Kein Rot, kein Blut, im Gegenteil: Hier scheint es fast, als sei das vordergründig Tote quicklebendig. Kaum zu ergründen ist, was sich in den dunklen, geweiteten Augenhöhlen verbirgt. Und im offenen Schnabel, der auch ein Ofenrohr sein könnte, ragen spitz zwei Zähne empor.

Susanne Ring konfrontiert den Betrachter mit seinen eigenen Definitionsgewohnheiten. Denn wo Leben beginnt und wo es endet, erscheint mit Blick auf ihre Skulpturen nicht mehr eindeutig erkennbar. Zugleich erweckt sie in ihm Empfindungen, die objektiv nicht erklärbar sind. Schlechtes Gewissen angesichts vermeintlichen Leids, Mitleid vor einem Klumpen Keramik: Unsere Gefühle hängen offenbar weniger von dem ab, was wir sehen, als von dem, was wir assoziieren.

Bis 20. Juni in der Galerie Kramer, Bremen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 15-19 Uhr, Samstag 10-16 Uhr.

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