„Für uns soll es ein Fest werden“

Interview: Dirk Darmstaedter über die Reunion seiner Band The Jeremy Days

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The Jeremy Days mit Sänger und Gitarrist Dirk Darmstaedter (2. v. l.). 

Hamburg – Von Reinhard Franke. In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre waren sie Deutschlands Antwort auf Bands wie The Smiths oder Lloyd Cole & The Commotions: Die Hamburger Band The Jeremy Days verkaufte von ihrem 1988 erschienenen Debüt-Album 150 000 Exemplare, ihre Single „Brand New Toy“ erreichte Platz elf in den Charts. 1996 war Schluss, die Musiker gingen ihrer Wege. Am 18. Januar stehen sie im Hamburger Club Docks fast in Originalbesetzung wieder auf einer Bühne. Wir sprachen mit Sänger und Gitarrist Dirk Darmstaedter über die Gründe für die Reunion und das, was danach geplant ist.

Wann ist der Entschluss gereift, die The Jeremy Days wieder aufleben zu lassen?

Im Laufe der Jahre haben immer wieder Leute angefragt. Damals schien es uns unmöglich. Ich habe immer gesagt, dass es die The Jeremy Days nicht mehr geben wird. Doch im vergangenen Jahr schrieb mir unser damaliger Booker und Tour-Manager. Er sagte, er würde gerne zu unserem 30-jährigen Jubiläum ein paar Konzerte für uns buchen. Er wollte das schon 2018 machen, weil unsere erste Platte 1988 veröffentlicht wurde. Ich habe ihm damals gesagt, dass ich nicht wirklich glaube, dass das klappen wird, doch ich habe seine Mail einfach an die Jungs weitergeleitet.

Wie haben die reagiert?

Ich war sehr erstaunt, als ich positive Rückmeldungen bekam. „Oh, klingt ja interessant, lass uns mal treffen“, war der Tenor. Wir haben uns dann in Hamburg getroffen, bis auf Louis Oberlander, der seit 20 Jahren in Los Angeles lebt. Wir haben uns richtig nett unterhalten und uns dann zwei, drei Mal getroffen. Irgendwann kristallisiert sich heraus, dass alle Lust auf ein Konzert haben. Und nicht nur Lust, sondern auch Zeit. Bis auf unseren Bassisten Christoph Kaiser waren auch alle bereit dafür. Man muss sich auch da wieder reinbegeben, es ist eine kleine Zeitreise für uns. Die wahrscheinlich sehr emotional wird. Ich habe nie geglaubt, dass es dazu kommen wird.

Hatten Sie all die Jahre Kontakt mit Ihren Bandkollegen?

Kaum. Wir haben zehn Jahre lang miteinander gearbeitet, zusammengewohnt und jeden Tag Musik gemacht. Als wir uns getrennt haben, war es für alle schwierig sich nur mal auf einen Cappuccino zu treffen. The Jeremy Days waren immer eine Band zu 100 Prozent oder gar nicht. Das Schöne an der Sache jetzt ist, dass andere Vorzeichen und andere Spielregeln gelten. Jeder hat seit 1995 sein eigenes Leben ohne The Jeremy Days aufgebaut. Jetzt ist die Band nicht mehr 100 Prozent das, was wir machen. Und soll es auch nie wieder werden. Es ist ein bisschen wie Urlaub. Sich reinfallen lassen können, in die alten Songs. Und auch in die Freundschaft, die uns damals verbunden hat.

Wie war es, das erste Mal wieder gemeinsam im Proberaum zu stehen?

Das wird erst im Januar passieren. Ich habe mich bislang erst mit unserem Gitarristen Jörn Heilbut getroffen und wir sind die Songs durchgegangen. Das war krass, denn obwohl wir beide an Akustikgitarren saßen, hat sich sofort wieder ein Sound herauskristallisiert.

Respekt, dass Sie erst so kurz vor dem Konzert mit den Proben anfangen!

Wir werden fünf ganze Tage von morgens bis abends im Hafenklangstudio sein. Dann sind zwei Tage Pause, danach spielen wir noch einen privaten Probe-Gig mit dem ganzen Set. Also sind es sechs volle Probetage. Jeder muss sich natürlich vorbereiten. Nach sechs Tagen muss das dann auch passen. Sonst stimmt irgendwas nicht. Wir haben auch ein bisschen Muffensausen. Das gehört dazu. Aber das Ganze muss man auch sportlich sehen. Ich glaube wir kriegen das schon hin.

Worum wird es beim Proben gehen?

Wir müssen nicht Ton für Ton das Ding durchspielen. Uns geht es vielmehr um die Vibes, also die Stimmung zwischen uns. Es sind alles brillante Musiker. Das ist auch nicht die Frage. Wichtig wird sein, dass wir viel Spaß haben und man uns das beim Konzert ansieht. Die Leute kommen, um sich an eine Zeit und an Songs zu erinnern, die man noch im Herzen hat. Vielleicht eine sehr wichtige Zeit in ihrem Leben. Letztlich ist das auch unser Beweggrund, das zu machen. Wir machen das nicht, um unsere neuesten Werke vorzustellen, sondern um uns in diese alten Songs fallen zu lassen. Wichtig sind unsere Freundschaft und die Gemeinschaft. Es waren zehn Jahre in unserem Leben, die prägend waren.

Was war damals der Trennungsgrund?

Wir haben zehn Jahre intensiv zusammengearbeitet. Ich wurde damals gerade 30. Und in dem Alter gibt es einen Wendepunkt. Jeder musste und wollte sich damals auch anders positionieren, wollte nicht nur ein Teil der The Jeremy Days sein. Es gab nicht diesen einen großen Streit. Es gab bei jedem von uns das Gefühl, dass man rausgehen und schauen muss, wer man sonst noch so ist und was man sonst noch kann. Seit 1995 hat jeder von uns sein eigenes Leben gelebt, nun haben wir die Chance, viel entspannter und lockerer zurückblicken und zu versuchen daran anschließen, was uns damals verbunden hat.

Welche Platte hätten sich The Jeremy Days sparen können?

Die Platte, an der wir fast alle wahnsinnig geworden sind, war ganz klar unser viertes Album, „Re-Invent Yourself“. Es war die Platte, an der wir viel zu lange im Studio rumgetüftelt haben und die wir auch selbst produziert haben. Wir dachten, dass wir keine fremde Hilfe brauchen. Daran sind wir fast kaputt gegangen. Danach hat sich auch unser Schlagzeuger Stefan Rager verabschiedet. Das war krass. Aber auch diese Platte und diese Erfahrung, die nicht immer nur positiv war, möchte ich rückblickend nicht missen. Ich bin auch stolz, dass wir uns diesen Wahnsinn gegeben und voll gelebt haben. Ich glaube, jeder von uns hat für sein späteres Leben hier viel herausgezogen und gelernt. Aber auch auf „Re-Invent Yourself“ sind ein paar perfekte Stücke enthalten wie „Victory Over Vanity“. Dieser Song konnte nur in diesem Wahnsinn entstehen.

Wie planen Sie den Abend im Docks?

Wir werden selbstverständlich eine Setlist machen und wissen, welche Stücke wir spielen. Und das werden wir so gut wie möglich proben. Ich muss ein bisschen aufpassen ob der Emotionen, die sich da im Publikum ankündigen. Es werden zum Beispiel Fahrgemeinschaften aus Süddeutschland gebildet. Leute, die sich seit 25 Jahren nicht mehr gesehen haben, treffen sich und verabreden sich über Facebook. Es kommen Menschen aus Amerika und Frankreich. Da wird es brodeln im Publikum. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu emotional werde, und werde versuchen, ordentlich meine Songs zu singen.

Steht die Setlist schon?

Noch nicht komplett. Jeder von uns hat aber eine Liste mit seinen Favoriten erstellt, bei denen er denkt, dass wir diese auf jeden Fall spielen sollten. Die Schnittmenge war relativ groß. Wir haben circa 30 Lieder, die in Betracht kommen.

Sie haben schon viele Konzerte gegeben. Werden Sie aufgeregter sein als sonst?

Ja. Wenn ich solo auftrete, muss ich das nur mit mir selbst ausmachen. Band-Konzerte sind anders, da kommen so viele Faktoren ins Spiel. Und dieser Abend im Januar wird für uns alle sehr emotional werden. Da kann man sich fast gar nicht darauf vorbereiten. Du kannst das proben, aber wenn wir nach 30 Jahren als The Jeremy Days wieder auf die Bühne kommen und unten stehen 1 400 Leute, muss man den Moment erst mal aufnehmen können. Und was dann mit uns passiert, weiß ich nicht.

Können Sie ausschließen, dass es weitergeht mit The Jeremy Days?

Ausschließen kann ich gar nichts. Wir machen jetzt dieses eine Konzert, und dann schauen wir mal. Wir wissen gar nicht, ob wir uns noch verstehen. Wieder zusammen auf der Bühne stehen: Macht uns das Spaß? Wie wird das alles? Eine Woche danach wird dann vielleicht jeder von uns sehen, ob es weitergehen kann.

Was ist Ihr größter Wunsch für diesen Abend?

Manchmal ist man bei Konzerten so aufgeregt, dass das wie in einem Rausch an einem selbst vorbeizieht. Mein größter Wunsch für diesen Abend ist, dass wir es als Band und Freunde so richtig genießen können. Für uns soll es ein Fest werden.

Das Konzert:

Freitag, 18. Januar, 20 Uhr, Docks, Hamburg.

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