Intellekt und Ausdruck

Musikfest: Christian Gerhaher gibt in der Glocke einen intensiven Liederabend

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Christian Gerhaher

Bremen - Von Wolfgang Denker. Die vierzehn Lieder von Franz Schuberts Zyklus „Schwanengesang“ wurden erst nach seinem Tod von dem Wiener Verleger Tobias Haslinger zu einem solchen zusammengefasst. Es sind Schuberts letzte Lieder aus dem Jahr 1828 auf Texte von Ludwig Rellstab, Heinrich Heine und Johann Gabriel Seidl. Sie standen im Zentrum des Liederabends von Christian Gerhaher, ergänzt um die fünf Lieder, die Schubert auf Texte von Friedrich Rückert schrieb.

Christian Gerhaher zählt zu den profiliertesten Liedinterpreten unserer Tage. Seinen eher hell timbrierten, schlanken Bariton führt er mit Eleganz und Noblesse. Die Stimme hat vielleicht nicht so viel „Fleisch“ und nicht den samtenen Klang, den man einst bei Hermann Prey bewundert hat, aber Gerhaher besticht in seinen Interpretationen durch Intellekt und Ausdruck. Da liegt er nahe bei Dietrich Fischer-Dieskau, bei dem er auch Meisterklassen besucht hat.

Die Rückert-Lieder, darunter „Lachen und Weinen“ und „Du bist die Ruh“, stehen am Anfang des Programms. Gerhaher singt sie mit klarer Stimme in ruhigem Erzählton und da, wo es angebracht ist, auch mit zärtlicher Süße. Seine Diktion und Textverständlichkeit ist vorbildlich.

Bei den Liedern aus dem „Schwanengesang“ sind die Kontraste größer. Der heiteren, perlenden „Liebesbotschaft“ gibt Gerhaher eine wunderbar entspannte Grundstimmung, während Pianist Gerold Huber das Fließen des Bächleins imaginiert – ein häufiges Motiv in Schuberts Liedern.

„Kriegers Ahnung“ ist von düsteren Gedanken an den drohenden Tod geprägt. Hier führt Gerhaher die Stimme metallischer und expressiver, bis zum erschütternden Aufschrei. Das schnelle Lied „Frühlingssehnsucht“ wird mit drängendem Impetus und mit vollem Überschwang der Gefühle genommen. Das „Ständchen“ („Leise flehen meine Lieder“) ist aus jedem Wunschkonzert bekannt. Gerhaher kostet die Schönheit der Melodie mit lyrischer Poesie voll aus. Im Wechselbad der Gefühle folgt mit „Aufenthalt“ wieder ein Lied mit düsterer Stimmung.

Gerhaher führt seine Stimme hier sehr expressiv und findet hier zu heldischen Tönen im Fortissimo. „In der Ferne“ wechselt zwischen Resignation und Zorn, während „Abschied“ wieder einen leichtfüßigen Gegensatz bildet. Gerhaher kann den jeweiligen Charakter der Lieder eindringlich verdeutlichen, wobei er die großen dynamischen Unterschiede klug und eindrucksvoll gestaltet.

Nach der Pause dann Heinrich Heine. Diese Lieder sind schon noch ein anderes Kaliber und erweisen sich als Höhepunkt des Abends. „Der Atlas“ ist eine expressive Klage voller Weltschmerz, die Gerhaher mit großer Stimme und voll Expressivität formuliert. „Das Fischermädchen“ hingegen ist eine von Gerhaher voller Anmut gesungene Barkarole. Dunkle Farben gibt Gerhaher dem Lied „Die Stadt“, das den Verlust der Liebsten thematisiert. 

„Am Meer“ beginnt idyllisch, aber Huber lässt das Klavier allmählich so bedrohlich grummeln, dass das Unglück greifbar wird. „Der Doppelgänger“ ist eines der ergreifendsten und suggestivsten Lieder innerhalb Schuberts gesamten Schaffens. Es handelt von der Vision eines Mannes, der nachts vor dem Haus der verlorenen Geliebten sein zweites Ich erblickt – eine gespenstische Stimmung, die erschauern lässt.

Gerhaher wechselt zwischen deklamatorischem Ton und erschütternden Ausbrüchen. Hier ist die Intensität seiner Interpretation auf den Höhepunkt getrieben. Das letzte Lied „Die Taubenpost“ ist dann ein heiterer Blick in die Idylle des Biedermeiers.

Die Leistung eines Liedbegleiters wird oft unterschätzt oder unterbewertet. Aber der beste Liedsänger ist verloren, wenn er keinen zuverlässigen Begleiter hat. Im Fall von Christian Gerhaher und dem Pianisten Gerold Huber ist eine ideale Partnerschaft gegeben. Beide kennen sich seit Studienzeiten und arbeiten seitdem zusammen. Wie gut sie aufeinander eingespielt sind, ist in jedem Moment des Konzerts zu hören. Gerhaher und Huber bilden quasi eine Einheit. 

Zwei Zugaben gab es: Das reizvolle „Der Einsame“ („Wenn meine Grillen schwirren“) und den „Abschied“ („Über die Berge zieht ihr fort“) nach einem Text von Johann Mayrhofer. Gerade das letzte Lied berührt durch seine Schlichtheit und seinen verinnerlichten, friedvollen Ton. Ein ganz uneitles „Schlusswort“ ohne Effekthascherei.

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