Verdis „Nabucco“ zur Eröffnung der italienischen Opernwochen in Hamburg

Inszenierung per USB-Stick

Hinter den Kulissen der Macht: Kirill Serebrennikov verlegt die Handlung in den UN-Sicherheitsrat. FotoS: BRINKHOFF/MÖGENBURG

Hamburg - Von Markus Wilks. Bilder, die unter Haut gehen – Realität in der Traumwelt der Oper. Dass Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ wegen der Flüchtlingsthematik regelmäßig aktualisiert wird, ist bekannt. Die Staatsoper Hamburg geht nun in ihrer ambitionierten Neuinszenierung noch einen Schritt weiter und fügt zwischen die einzelnen Szenen „Intermedien“ mit syrischer Musik und teilweise nur schwer zu ertragenden Fotografien zum Thema Krieg und Flucht ein.

Eine Inszenierung per USB-Stick? Klingt bizarr, aber wenn der Regisseur physisch nicht anwesend sein kann, geht es wohl kaum anders. Dank vieler engagierter Helfer und unter entsprechendem Medienwirbel bringt die Staatsoper Hamburg „Nabucco“ in der Inszenierung und Ausstattung von Kirill Serebrennikov heraus. Der russische Künstler steht seit fast zwei Jahren unter Hausarrest, von wo er das Konzept entwarf und per Videobotschaften an der Einstudierung teilnahm. Vor Ort sorgten Evgeny Kulagin (Co-Regie), Olga Pavluk (Mitarbeit Bühne) und Tatyana Dolmatovskaya (Mitarbeit Kostüme) für die Umsetzung der Ideen. Es war wohl zugleich mühsam wie inspirierend, quasi über USB-Stick zu kommunizieren und gemeinsam am „Nabucco“ zu arbeiten.

Nun besitzt Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ nicht die psychologische Tiefe großer Meisterwerke, dafür aber neben dem berühmten „Gefangenenchor“ Szenen rund um Vertreibung, Hass und Machtpolitik, die man mit effektvollen Bildern darstellen kann. So gesehen überraschte es nicht, dass Regie auch ohne Regisseur funktionieren kann. Serebrennikov verlegt die Konflikte zwischen Babyloniern und Hebräern, verkörpert durch Nabucco und Zaccaria, in unsere Welt. Zu Beginn nehmen wir an einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates über Flüchtlingspolitik teil, die vom überheblichen Nabucco negativ geprägt wird („Assyria first“), und erhalten dann Einblicke hinter die Kulissen der Machtzentren. Man spürt Serebrennikovs Wut auf die Trumps und Putins unserer Tage sowie seine Ohnmacht, allerdings klagt er oftmals mit der Holzhammermethode an.

Zum Kern der Inszenierung wird der „Gefangenenchor“, bei dem zum Gesang des Opernchores echte Flüchtlinge aus ihren Zelten kommen. Das Leid und die Sehnsucht nach Heimat, die in diesem Stück ausgedrückt werden, sind hier ein Bild für die globalen Flüchtlingsströme und die damit einhergehenden Tragödien. Später singen die echten Flüchtlinge als Projektchor sogar selbst das berühmte „Va pensiero“. Dass sich hinter diesem Kollektiv individuelle Schicksale verbergen, wird durch die projizierten Fotos überaus deutlich – sogar schwer verwundete oder tote Kinder sind in den Bildern des russischen Kriegsjournalisten Sergey Ponomarev dabei. Verdi und die oft (bewusst?) plakativ umgesetzten Intentionen des Regisseurs harmonieren dabei erstaunlich gut miteinander. Allerdings geht bei diesem Ansatz die eigentliche Handlung unter, die von den vier langen Intermedien unterbrochen wird.

Der von Eberhard Friedrich einstudierte Opernchor sang das „Va pensiero“ himmlisch schön, das Philharmonische Staatsorchester spielte in Bestform. Gastdirigent Paolo Carignani befreite die oft martialisch interpretierte Partitur von roher Klanggewalt und legte eine fein nuancierte Interpretation vor, die leider auch viele allzu langsame Tempi einschloss.

In der Titelpartie brachte Dimitri Platanias gekonnt seinen klangvollen, zumeist kultiviert geführten Heldenbariton ein – ihm hätte man nur an den entscheidenden Stellen noch mehr Farben und Kraft gewünscht. Mit nahezu grenzenlosen Reserven in der hohen Lage und schier unendlicher Stimmkraft meisterte Oksana Dyka respektabel die heimtückisch schwere Partie der Abigaille. Neben ihr konnte sich Alexander Vinogradov mit seinem großen Bass behaupten, wobei er im Dauerforte einige Feinheiten der Partitur überdeckte. Aus dem übrigen Ensemble ragte Dovlet Nurgeldiyev (Ismaele) mit lyrischen Tönen voller Schmelz heraus. Fazit: Aktueller und relevanter kann Oper nicht sein – allerdings auf Kosten einer psychologischen Personenführung und Eingriffen in die Substanz des Werkes.

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