Museum für Kunst und Gewerbe zeigt „Amateurfotografie. Vom Bauhaus zu Instagram“

Innovation durch Spleens

Tanzikone steigt Kunstikone aufs Dach: „Palucca sulla casa di Lyonel Feininger“, um 1928. Foto: T. Lux Feininger

Hamburg - Von Radek Krolczyk. Fotografie ist das klassische Medium für die Aneignung der Welt. In gewisser Hinsicht ist Fotografie eine demokratisierte Variante des Malens. Für die Wiedergabe einer erlebten oder vorgestellten Wirklichkeit braucht es weniger Zeit, weniger Übung und – was den Vorgang deutlich entmystifiziert – auch weniger Talent. Natürlich gibt es gute und weniger gute Fotografie. Es gibt beispielsweise solche Fotografie, die dazu imstande ist, uns etwas zu zeigen, was wir bisher nicht kannten.

Das müssen nicht unbedingt fremde Lebenswelten sein, es können auch fremde Gedanken sein. Denn Fotografie muss nicht gegenständlich sein, auch wenn sie auf Gegenstände im weitesten Sinne angewiesen ist. Zu ihrem demokratischen Charakter gehört nicht nur die vergleichsweise einfache Handhabe, sondern auch die Verfügbarkeit ihrer technischen Mittel. Ein derart leicht anzueignendes Medium entwickelt auf der einen Seite natürlich ästhetisches Regelwerk, mit allerlei Klischees, festgefahrenen Motivwelten, Bildaufbauten und Farbfiltern. Auf der anderen Seite aber werden diese Systeme immer wieder, unberechenbar schnell über den Haufen geworfen.

Denn wenn sich viele Menschen einer bestimmten Apparatur bedienen, bearbeiten sie auch den Umgang mit dieser Apparatur und bleiben niemals bloße Konsumenten: In der Masse, durch Zufallsentdeckungen und mit ihren individuellen Spleens, wirken sie innovativ. Die Kameras der verschiedenen Smartphonemodelle verfügen heute über Heerscharen freiwilliger, kostenloser Tester und Optimierer.

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg widmet aktuell der innovativen Kraft gerade der Amateurfotografie eine umfangreiche Ausstellung. Sie führt, wie es ihr Titel sagt, vom Bauhaus zu Instagram, umfasst etwa 100 Jahre Geschichte eines Mediums, aber auch einer Gesellschaft, von der seine Nutzung schließlich abhängt. Die Amateurfotografie, so viel sei vorangestellt, unterscheidet sich grundlegend vom „Knipsen“. Sie ist ambitioniert, oftmals autodidaktisch, folgt vor allem aber in ihrem Tun einer gewissen selbstgesetzten Systematik.

Amateure tun das, was sie tun, meist ohne Ausbildung und nicht gewerbsmäßig. Das verschafft ihnen gewisse Freiheiten – weder waren sie „verbildet“, wie man es am Bauhaus im Umfeld von László Moholy-Nagy formulierte, noch war die Arbeit einem äußeren Zweck unterworfen. In den 20er-Jahren legten Künstler wie Werner Graeff die Grundbedingungen der Fotografie frei, indem sie mit Perspektiven, Makroansichten, Spiegelungen, Farben und Licht spielten. In der Hamburger Ausstellung ist eine seltsame Fotografie von Paul Edmund Hahn zu sehen. Das kleine, beinahe quadratische Format zeigt in einer Aufsicht die extreme Nahaufnahme einer Nase. Man schaut in die Nasenlöcher hinein, sieht darin Härchen und Poren auf der Nasenspitze. Von Otto Umbehr, der unter dem Namen Umbo einige Bekanntheit erlangt hat, hängt in der Ausstellung ein Selbstporträt, das ihn beim Sonnenbaden zeigt, mit einer Sonnenbrille und dem Schatten seiner Kamera auf der Brust. Prägend für die experimentelle Fotografie der frühen Weimarer Zeit ist die Abweichung von der Zentralperspektive der Landschaftsaufnahmen und Studioporträts. Über die Neue Sachlichkeit der späten 20er-Jahre geriet das Experiment dann bereits selbst zum Teil eines neuen Kanons, etwa der Werbefotografie.

An der besonderen Vielfalt der Medien, die in der Ausstellung zu sehen sind, wird deutlich, wie stark sich die Fotografie und ihr Gebrauch in 100 Jahren gewandelt haben. So findet man hier schwarzweiße Handabzüge, Farbbilder in Standartformaten, Karteikästen, Fotoalben und Diashows. Neben formalen Experimenten sind die selbstgewählten, inhaltlichen Setzungen von Bedeutung. Was von Relevanz ist, bestimmen nur sie selbst. Häufig entstammt dies der unmittelbaren eigenen Erfahrungswelt. Maria Reh etwa hat in der Nachkriegszeit immer wieder ihre Schäferhündin Dixie fotografiert. In blassen, schwarzweißen Handabzügen folgt man ihr vom Hundezüchter bis zum Grab im eigenen kleinen Garten. Die Fotos sind trostlos in ihrer langen Reihung. Meist sieht man die Hündin im Garten, im selben Garten, in dem sie später begraben wird. Einmal blickt sie einem Zeppelin hinterher. Kein Profi hätte uns wohl diese Bilderserie hinterlassen, und wir hätten nichts erfahren von einem normalen Leben nach dem Faschismus. Von Niels Auler stammen die auf Karteikarten montierten Ansichten aus Hamburg. Sie sind nummeriert, datiert, und auch der Standort ist genannt. Man erfährt so, wie verschiedene, auch unbedeutende Plätze in den 70er-Jahren ausgesehen haben. Das Vorgehen und die Auswahl allerdings bleiben schleierhaft, sie scheinen willkürlich, obwohl Objektivität suggeriert wird.

Von Eckhard Schaar, dem langjährigen Kustos im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, ist eine umfangreiche Sammlung von Aufnahmen halbnackter Bodybuilder zu sehen. Während der 80er-Jahre traf er die Männer in seiner Freizeit, um sie beim Training abzulichten. Besonders beeindruckend sind zwei einander gegenüber montierte Diashows. Zu sehen sind beide Male Bilder, die während verschiedener Reisen aufgenommen wurden. Auf der einen Seite sieht man die bildungsbürgerlichen Reisebilder der DDR-Lehrerin Hildegard Schneider. Gegenüber wechseln Aufnahmen des BRD-Bürgers Axel Hermann, der seine Frau, eine Stewardess, auf ihren Flügen begleitet. Beide betreiben ihre Sache mit einer gewissen Akribie. Im Vergleich heute, fast 50 Jahre später, geben sie Aufschluss über den systematisch dokumentierten privaten Bildkosmos aus Ost- und Westdeutschland im Vergleich.

Sehen

Bis zum 12. Januar, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg.

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