Innig und wild

Liszts Oratorium „Christus“ im Bremer Dom

Tobias Gravenhorst - Foto: Nikolai Wolff
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Tobias Gravenhorst

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Das textlose gewaltige Orchesterbild „Das Wunder“ aus dem 1873 in Weimar uraufgeführten Oratorium „Christus“ von Franz Liszt zeichnet gemäß den kompositorischen Prinzipien der sogenannten „neudeutschen Schule“ unmissverständlich einen Seesturm und seine Beruhigung nach.

Eigentlich käme niemand auf die Idee zu glauben, dass eine andere Nummer dieses Werkes, der Oster-Hymnus, ein Unisono-Choral für drei Frauenstimmen, vom selben Komponisten ist. Und doch ist es so, und der Dirigent der Bremer Aufführung am vergangenen Sonntag, Tobias Gravenhorst, machte mit dem Domchor und den Bremer Philharmonikern auch gar keinen Versuch, die krassen stilistischen Unterschiedlichkeiten zu glätten – im Gegenteil.

Dem 55-jährigen Komponisten war es einst egal, ob sein großdimensionales Werk ein Publikum findet. Und so fand „Christus“ kaum einen Platz im Konzertleben. Vor diesem Hintergrund ist die Aufführung im Dom als eine kulturpolitische Großtat zu bezeichnen. Nicht immer ist es beim Hören einfach, die gehäuften Widersprüche anzunehmen, so auch das merkwürdige Textbuch, das weder einen Inhalt erzählt, noch eine theologisch glaubwürdige These vertritt. 

Denn Liszt reiht einfach und völlig unverbunden Assoziationen aus christlichen Texten aneinander: die Seligpreisungen, das Vaterunser, gleich zwei Stabat Mater, als sinfonische Dichtungen den Hirtengesang an der Krippe, mit einer enormen Steigerung die Ankunft der Heiligen Drei Könige und die Gründung der Kirche.

Die Anforderungen sind riesig. Bewundernswert, wie klangschön der große Domchor das bewältigt, wie die Mädchenkantorei am Bremer Dom (Markus Kaiser) ihn räumlich verteilt ergänzt, wie sensibel und homogen sich die Solisten Tanya Aspelmeier, Cornelia Salje, Knut Schoch und Raimonds Spogis da einfügten. 

Über den Chor hinaus verlangt Liszt ein erstklassiges Orchester, und da ist es gut, dass der Dom sich die Bremer Philharmoniker „leistet“. Deren wieder einmal genussvolle Kompetenzen kann Gravenhorst bestens ausnutzen, indem er die wildeste Sinfonik ebenso betont wie auf der anderen Seite die innigste Chormusik, wie es der Dirigent ausdrückt. 

Es ist wunderbar nachzuvollziehen, was Heinrich Heine schon 1837 über Liszt sagte: „Dass ein so unruhiger Kopf, der von allen Nöten und Doktrinen der Zeit in die Wirre getrieben wird, der das Bedürfnis fühlt, sich um alle Bedürfnisse der Menschen zu bekümmern, und gern die Nase in alle Töpfe steckt, worin der liebe Gott die Zukunft kocht: dass Franz Liszt kein stiller Klavierspieler für ruhige Staatsbürger und gemütliche Schlafmützen sein kann, versteht sich von selbst.“

Leider ist das Konzert nicht sonderlich gut besucht. Die Verantwortlichen im Dom sollten sich davon allerdings nicht abhalten lassen, eine große Anzahl Raritäten und Experimente auf das Programm zu setzen, so wie es der neue Flyer für die musikalischen Veranstaltungen des nächsten Jahres in seiner überwältigenden Vielfalt mustergültig zeigt.

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