Die innere Kolonie

Béatrice Lachaussée inszeniert Puccinis „Madama Butterfly“

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Besonders viel Applaus gab es für Patrizia Häusermann (Suzuki), Judith Kuhn (Cio-Cio-San) in der Bremerhavener „Madama Buterfly“.

Bremerhaven - Von Rolf Stein. Er ist jung – und er ist begehrt: Leutnant Pinkerton sonnt sich in der Zuneigung der Geisha Cio-Cio-San, die sich „Butterfly“ nennt – Schmetterling. Das japanische Gesetz erlaubt es den beiden, eine Ehe auf Zeit einzugehen, und im Grunde ist die junge Frau Teil des Mietvertrags. Weil Pinkerton einen guten Deal zu schätzen weiß, schlägt er ein.

Man muss nicht einmal einen Opernführer bemühen, um sich ausrechnen zu können, wie diese Geschichte ausgeht, die auf beiden Seiten sehr hoffnungsvoll beginnt, auch wenn die Hoffnungen fundamental unterschiedlichen Inhalts sind.

Giacomo Puccini verarbeitete diese Geschichte mitsamt ihrem bitteren Ende in seiner 1904 uraufgeführten Oper „Madama Butterfly“, die nach einem etwas holprigen Start zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Repertoires avancierte.

Am ersten Weihnachtstag feierte nun eine Inszenierung der französischen Regisseurin Béatrice Lachaussée am Stadttheater Bremerhaven Premiere. Mit klaren Bildern vor grauer Sichtbetonästhetik verpasst sie dem strapazierten Stoff keine grundstürzend neue Lesart, legt aber das unheilige Interessengeflecht der Figuren frei, ohne zu moralisieren.

Der Pinkerton von Costa Latsos ist dabei ein ganz besonders oberflächlicher Luftikus. Und Cio-Cio-San wird bei Judith Kuhn zu einer ganz besonders fanatischen Verfechterin der Idee von der großen Liebe – neben Geschlechter- und Machthierarchien die zweite Ebene der Inszenierung: Denn ganz aus der Verantwortung entlassen hat Lachaussée ihre Hauptfigur nicht. Wo Pinkerton der Konsul Sharpless (Alexandru Aghenie) als moralisches Gewissen gegenübertritt, steht Cio-Cio-San die Dienerin Suzuki (Patrizia Häusermann) zur Mäßigung mahnend zur Seite, wie der Konsul das böse Ende machtlos erahnend. Der Selbstbetrug der beiden ungleich Liebenden ist zu stark. Am Ende wird Cio-Cio-San tot sein und Pinkerton bereuen.

Das ist auch feinster Taschentuchstoff, was sich Lachaussée freilich nicht entgehen lässt. Sehr eindrucksvoll lässt sie beispielsweise Cio-Cio-San mit Suzuki und dem Kind (Clarissa Madoka Shiga, die sich mit Naomi Kihenanea Gallinger abwechselt) auf das Schiff warten, das ihr den Pinkerton zurückbringen soll.

Was aber, ließe sich natürlich fragen, soll denn dann eigentlich noch die japanische Kostümierung, die bis in die Bewegungen der Sänger hinein betrieben wird, wenn es doch eigentlich um Machtverhältnisse geht?

So wie sich Pinkerton und Cio-Cio-San fatal ergänzen, so komplementär hat Nele Elligiers Bühne und Kostüme gestaltet. Wuchtig umgeben hohe, sehr graue Mauern das Liebesnest, in dem sich die Geisha eingerichtet hat, wobei die Tradition und damit sozusagen das Gesellschaftliche sich immer wieder machtvoll ins Bild schiebt, ganz besonders farbenprächtig in Gestalt des Onkels Bonzo (Leo Yeun-Ku Chu), der die unbelehrbare Cio-Cio-San verstößt. Vielleicht ist es gerade diese Verlegung des Konflikts ins Exotische, die Mechanismen sichtbar macht, die so fremd nicht sind. Was beispielsweise an dem fiesen Goro (MacKenzie Gallinger) sichtbar wird, der im Grunde ja ein Zuhälter ist. Lachaussée lässt ihn ganz unverhohlen sein Angebot per Leporello anpreisen. Dass sich die beiden Frauen Pinkertons schließlich als beinahe Identische begegnen, ließe sich als Konsequenz dieser Idee verstehen, die Folklore als intern zu verstehen.

So zufrieden wie mit der gut durchdachten Inszenierung darf man derweil musikalisch sein. Vor allem Suzuki und Pinkerton sind exzellent besetzt, Judith Kuhn verleiht der Titelrolle eine Intensität, die das Wahnhafte der Figur andeutet, anstatt sie als bloßes Opfer zu zeigen. Solide bis sehr gute Leistungen gab es auch in den übrigten Abteilungen zu begutachten.

Die nächsten Vorstellungen: Sonnabend, 5. Januar, Donnerstag, 10. Januar, Sonnabend, 19. Januar, jeweils 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven.

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