Inklusionsprojekt will Schülern mit Förderbedarf Ballett nahebringen

Haltung nach innen und außen

Schüler und Mitglieder des Bundesjugendballetts proben.
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Schüler und Mitglieder des Bundesjugendballetts proben.

Hamburg - Von Ulrike Cordes. Klaviermusik klingt durch den lichtdurchfluteten Saal, in zwei Reihen stehen sich dort zwanzig junge Menschen gegenüber – Ballettprofis und Schüler einer Förderschule. „Die eine Seite ist der Spiegel“, ruft Ballettmeister Yohan Stegli (35), „jeder dort muss kopieren, was sein Partner auf der anderen Seite tut.“

Fast synchron heben die Teilnehmer nun schwungvoll die Beine, werfen die Arme und wiegen die Hüften. Besonders fantastisch gelingt es zwei jungen Männern – verschlungen und in anspruchsvollen Figuren drehen sie sich mehrfach um sich selbst. Zufrieden lachend klatschen sie sich danach mit den Händen ab.

„Das ist gut“, sagt der 17-jährige „Spiegel“ Eddy lächelnd, „dabei fühle ich mich wohl.“ Und sein Partner Kristian (22), ein ausgebildeter Tänzer aus Finnland, merkt an: „Ich habe gleich gemerkt, dass Eddy viel kann. Deshalb habe ich ihn gefordert.“

Solche glücklichen Situationen gibt es viele bei der Zusammenarbeit des renommierten Bundesjugendballetts im Hamburger Ballettzentrum John Neumeier mit 14- bis 19-Jährigen von der Heinrich-Ernst-Stötzner-Förderschule Hannover. Die zwölf Jugendlichen mit sind zusammen mit vier Lehrerinnen angereist. Zuhause in Hannover proben sie einmal pro Woche zwei Stunden unter Leitung der Pädagogin Almut Püschel. Sogar in der Staatsoper sind sie dort bereits aufgetreten.

Und auch wenn die Schüler selbstverständlich nicht über das professionelle Niveau des achtköpfigen, 2011 vom Hamburger Ballettchef Neumeier gegründeten und aus Bundesmitteln finanzierten Bundesjugendballetts verfügen: In ihrer begeisterten energischen Ausstrahlung wirken sie alle gleich.

Zum Programm der Compagnie gehört es seit Anbeginn, nicht nur die gewohnten Aufführungen zu tanzen, sondern auch soziale Projekte zu pflegen, um den Tanz mitten in die Gesellschaft zu tragen. Dankbar registriert Püschel die Zusammenarbeit. „Fördern heißt eben fordern. Und den Balletttänzern gelingt es immer wieder, das Potenzial unserer Jugendlichen zu erkennen und ihnen etwas abzuverlangen“, lobt sie. Das stärke Disziplin, Selbstbewusstsein und nicht zuletzt die innere und äußere Haltung, sagt die Pädagogin, die an ihrer Schule die Tanz-AG vor zehn Jahren gegründet hat.

„Haltung bedeutet, stolz durch das Leben zu gehen. Zu zeigen, was man kann und wer man ist. Sich nicht klein zu machen“, betont Püschel.

Immer wieder ist sie erstaunt, wie schnell die Kinder aus oft sehr schwierigen familiären Verhältnissen durch ihre Balletterlebnisse förmlich aufblühen. So ist es auch der 17-jährigen Nina ergangen, einer zierlichen, anmutigen Person, die bereits in etlichen Vorstellungen aufgetreten ist. „Sie ist unsere Primaballerina. Dabei war sie anfangs ganz schüchtern“, sagt Püschel.

„Ich finde immer auch unsere Kostüme so schön“, erzählt Nina, die schon bei einem kleinen „Schwanensee“-Projekt mitgewirkt hat. „Die weißen Federn auf meinem Kopf und der Tütü – das war toll“, erinnert sie sich und erzählt, dass sie sich beim Applaus immer besonders stolz fühle. An den Treffen mit dem Bundesjugendballett gefalle ihr, dass sie sich dabei kleine Tricks abgucken könne.

Das wird auch beim griechischen Bauerntanz so sein, denn Stegli nach gemeinsamen Aufwärmübungen und dem Spiegelspiel einstudiert. Alle Teilnehmer stellen sich dazu im Kreis auf und folgen seinen Anweisungen: Seitwärtsbewegungen, lautes Stampfen und Vor- und Zurückhüpfen werden voller Elan ausgeführt. Die Förderschüler werden auch ermuntert, eigene Ideen einzubringen. So baut man – wohl als Inspiration aus dem Hip-Hop-Bereich – eine Rolle vorwärts ein, weil Eddy das vorgeschlagen hat. Am Ende wird es ein großer, temperamentvoller und sehr emotionaler Sirtaki sein, zu dem alle etwas beigetragen haben.

dpa

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