Michy Reincke über sein neues Album und die eingeschränkte Musikauswahl der deutschen Rundfunksender

„Immer nur Sonne ist Wüste“

Symbolträchtig ins Bild gesetzt: Michy Reincke auf dem berühmten Sofa von Loriot. ·
+
Symbolträchtig ins Bild gesetzt: Michy Reincke auf dem berühmten Sofa von Loriot. ·

Von Ulf KaackHAMBURG · In den Achtzigern war er die Stimme, das Gesicht und der Komponist von „Felix de Luxe“ – Michy Reincke. Mit seiner Komposition „Taxi nach Paris“ landete das Ensemble 1984 einen Charterfolg, der Kult wurde und auch heute noch eine kaum gebremste Präsenz genießt. Seit 1988 ist der 52-jährige als Solokünstler unterwegs.

Am Tag vor Heiligabend erschien unter dem Titel „Der Name kommt mir nicht bekannt vor“ sein zehntes Album, eine ausgedehnte Deutschland-Tournee startet Anfang März.

Wie sehr nervt Sie meine erste Frage, die ich gar nicht zu stellen wage?

Michy Reincke: In nehme an die Frage fragt nach dem „Taxi nach Paris“, die ewige erste Frage? Nein, diese Frage nervt mich nicht, und ich fühle mich nicht in meiner künstlerischen Wertstellung auf diesen Hit reduziert. Ja, ich spiele ihn immer wieder gerne live. Ich empfinde ihn weder als Schlager noch als Neue Deutsche Welle. Auf den Punkt: Ich war 23 als ich das Stück schrieb. Seitdem begleitet es mich und ist dabei zeitlos geblieben.

Schubladisierungen lehnen Sie strikt ab. Was stünde drauf, wenn Sie sich für ihr neues Album selber eine Schublade zimmern würden?

Reincke: Ich würde „Der Name kommt mir nicht bekannt vor“ als populäre, kluge, deutschsprachige Erwachsenen-Musik beschreiben, die sich mit Rockmusik im zeitgenössischen Sound mit dem der sechziger und siebziger Jahre zu einem farbigen akustischen Cocktail verbindet. Das ganze ist angereichert mit Elementen aus Chansons und Zirkusmusik. Dafür ein Etikett zu finden, dürfte schwierig werden.

Ihre Songs haben oftmals einen frankophilen bis mediterranen Charakter, manchmal ist es Großstadtpoesie. Kleben Ihre Inspirationen an bestimmten Orten auf dieser Welt?

Reincke: Nicht unbedingt. Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen und die liebte französische Chansons und Schlager. Edith Piaf, Juliette Gréco und solche Sachen. Damit wurde ich groß, das hat mich inspiriert. Ich fand damals die populäre Musik aus Frankreich deutlich spannender als das, was von der Insel oder über den Atlantik kam. Und was die urbanen Elemente angeht: Natürlich sauge ich den Puls der Großstadt in mir auf, und das reflektiert sich in meinen Songs. Ein gutes Beispiel ist die aktuelle Single „Erzähl mir nicht“, eine Betrachtung über das komplizierte Liebesleben neurotischer Großstädter – wie eine Szene aus einem alten Truffaut-Film.

In Ihren Liedern tauchen auch immer wieder Bilder von Clowns, vom Zirkus und aus der Manege auf.

Reincke: Das ist eine faszinierende Welt. In ihrem Wirken so wunderbar unperfekt und gerade dadurch doch so vollkommen. Hier darf es klappern, es muss nicht alles gerade und rechtwinklig sein. Es herrscht Leben und Farbigkeit. Dieses Ambiente versuche ich in meiner Musik widerzuspiegeln.

Perfektion steht bei den Produktionen von Michy Reincke nicht im Vordergrund?

Reincke: Nein, das stimmt so nicht. Ich mache eine deutliche Trennung zwischen Perfektion und Präzision. Im Studio wird auch mit moderner digitaler Technik gearbeitet – so exakt es geht, aber eben nicht steril. Kontrollierte Macken sind in bestimmten Grenzen durchaus erwünscht. Ich bemühe mich, im Ausdruck präzise zu sein, damit ein kluger Vers auch morgen noch Bestand hat.

Wie entstehen Ihre Kompositionen?

Reincke: Wie ein Theaterstück, das am Ende verfilmt wird. Es beginnt ganz klein mit einer Akkordfolge auf der Gitarre oder einem Textfragment und beginnt dann dynamisch zu wachsen. An irgendeinem Punkt muss ich mich von der Vielzahl der kreativen Entwicklungs-Möglichkeiten trennen und mich stilistisch festlegen: was Flottes oder eine Ballade, Reggae oder Richtung Jazz? Ab da zieht es nur noch in eine Richtung.

Sie leben und arbeiten in Hamburg, einer pulsierenden musikalischen Metropole mit Künstlern wie Achim Reichel, Lindenberg, Volker Lechtenbrink, Torfrock, Stefan Gwildis, Gunter Gabriel und Truckstop. Wie homogen ist die Szene an der Elbe?

Reincke: Man kennt sich, und man begegnet sich immer mal wieder. Aber das bedeutet nicht, dass man auch zwangsläufig permanent zusammenarbeitet. Hamburg war lange Jahre das Zentrum der Musikindustrie, darum leben hier so viele altgediente Künstler. Mit Stefan Gwildis verbindet mich seit der gemeinsamen Schulzeit eine jahrzehntelange Freundschaft. Unter anderem texte ich für ihn und habe seine frühen Alben produziert. Meine besondere Aufmerksamkeit gilt aber dem künstlerischen Nachwuchs in der Elbmetropole.

Wie schwer hat es deutschsprachige Popmusik angesichts von Quoten, Formatradio und einer exzessiven Kommerzialisierung der Medien?

Reincke: In dieser Branche ist es generell schwer. Und wer deutsch singt, hat es noch schwerer. Heute wird Qualität über den Begriff Quantität definiert. Prominenz heißt die Relevanz, auch wenn sich der Künstler die öffentliche Aufmerksamkeit durch Maden kauen im Dschungel erworben hat. Im Rundfunk läuft nur noch „das Beste“, überall Superlative. Doch immer nur Sonne ist Wüste! Wer sich in dieser Kultur neu und unangepasst etablieren will, steht vor geradezu Unmöglichem.

Macht das Ihnen Angst?

Reincke: Angst weniger. Ich halte es nur als zukünftige Perspektive für unergiebig. Nach dem Verschieben der Qualitätsparameter geht es in weiten Teilen ausschließlich um Unterhaltung und einem Kopieren des kommerziell Erfolgreichen. Dabei bleibt der geistige und seelische Nutzen auf der Strecke. Eine gute Kultur sollte seine Gesellschaft klug und aufgeklärt halten, sollte sie fordern. Denn Fordern inspiriert und vermittelt aufrichtige Gefühle. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Kommerz. Aber wenn keine Haltung und keine Werte mehr vermittelt werden, dann fährt der Zug in die falsche Richtung.

Sie sind als Sänger, Instrumentalist und Komponist nicht nur in eigener Sache unterwegs. Welche Projekte gibt es abseits Ihrer Solokarriere?

Reincke: In Hamburg habe ich mein Studio und meinen eigenes kleines Label „Rintintin Musik“. Heimat einer ganzen Reihe von Künstlern, die ich produziere und für die ich teilweise auch Texte und Musik schreibe. Außerdem habe ich zusammen mit Freunden vor sieben Jahren die „Lausch Lounge“ ins Leben gerufen, die dem talentierten Nachwuchs aus Norddeutschland ein Forum bietet. In dieser Entdeckungsschmiede waren schon vor ihrem Erfolg unter anderem Annett Louisan, Gisbert zu Knyphausen, Pohlmann und Johannes Oerding zu Gast.

Frage zum Schluss: Was verbirgt sich hinter Ihrem ominösen Hochzeitsgeschenk an Stefan Gwildis?

Reincke: Eine Leiche, die ich noch im Keller habe. Als Stefan vor einigen Jahren heiratete, habe ich ihm versprochen, ihn und seine Frau im Taxi nach Paris zu chauffieren. Dieses Versprechen will ich in diesem Jahr unbedingt einlösen: vielleicht der Stoff für ein kreatives Roadmovie.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Meistgelesene Artikel

Rainer Beßling über sein neues Buch „Bildersprachen – Reden über Kunst“

Rainer Beßling über sein neues Buch „Bildersprachen – Reden über Kunst“

Rainer Beßling über sein neues Buch „Bildersprachen – Reden über Kunst“

„Frei im Genießen!“

„Frei im Genießen!“
Theaterhafen in Oldenburg startet mit „Alice im Wunderland“

Theaterhafen in Oldenburg startet mit „Alice im Wunderland“

Theaterhafen in Oldenburg startet mit „Alice im Wunderland“
Staatsoper Hannover eröffnet die Spielzeit mit „Die Jüdin“

Staatsoper Hannover eröffnet die Spielzeit mit „Die Jüdin“

Staatsoper Hannover eröffnet die Spielzeit mit „Die Jüdin“

Kommentare