„Immer offen für gute Wortspiele“

Interview: Hamburger Musiker Niels Frevert verkauft mehr Platten als Konzertkarten

„Mir geht es gut“: Niels Frevert beim Musikfestival „Heimspiel Knyphausen“. Foto: Imago Images / Opokupix
+
„Mir geht es gut“: Niels Frevert beim Musikfestival „Heimspiel Knyphausen“.

Bremen - Von Reinhard Franke. Jedes Jahr ein neues Album? Das ist nicht die Sache von Niels Frevert. Mit der Band Nationalgalerie machte er sich einen Namen als Liederschreiber. Für „Spiegel“-Kritiker Andreas Borcholte ist Frevert „einer der besten Songschreiber dieses Sprachraums“. Mit „Putzlicht“ hat der Gelobte in diesem Jahr ein neues Album veröffentlicht, das ihn nun für ein Radiokonzert in den Bremer Sendesaal führt. Im Gespräch mit unserem Autor blickt Frevert auf seine Solo-Karriere und erklärt, warum zwischen seinen Alben so viel Zeit vergeht.

Herr Frevert, was bedeutet „Putzlicht“, der Titel Ihres neuen Albums?

Das ist ein Begriff aus der Gastronomie. Er wird auch im Theater benutzt. Das ist das Licht, das angeht, wenn die Vorstellung, das Konzert oder die Party vorbei ist. Wenn der Club schließt, dann geht das sehr nüchterne Neonlicht an. Dann wird aufgeräumt und aufgeklart. Die Leute gehen nach Hause oder ziehen weiter. Es ist das Ende, aber auch der Anfang von etwas Neuem.

Von Ihnen stammt der Satz „Ich möchte nicht zu viel sein“. Wie ist das zu verstehen?

Ich möchte aber auch nicht zu wenig sein. Der Satz fiel in einem bestimmten Zusammenhang. Ich wurde gefragt, warum ich nicht so oft in Hamburg spiele. Doch ich habe es schon immer so gehalten, dass ein Konzert etwas Besonderes sein soll. Ich wollte nie ein lokaler Held sein. Deswegen halte ich mich in Hamburg eher zurück. Ich halte mich auch bei Social Media eher zurück. Ich bin tatsächlich der etwas zurückhaltende Typ. Das ist mein Naturell. Das heißt aber nicht, dass ich vom Erdboden verschluckt werden will.

Wie zufrieden sind Sie mit ihren Jahren als Solokünstler? Sie haben 1997 begonnen.

Manchmal bin ich ganz zufrieden, manchmal nicht so sehr. Ich bin nicht so zufrieden damit, dass ich jetzt fünf Jahre gebraucht habe bis zur Veröffentlichung der neuen Platte. Wenn ich aber vor zwei oder drei Jahren schon ins Studio gegangen wäre, dann hätte die Platte so etwas Leidendes gehabt. Und das wollte ich nicht. Ich wollte eine starke, kräftige Platte auf die Beine stellen. Ich wünsche mir aber, dass ein paar mehr Leute zu meinen Konzerten kommen. Ich bin selbst ganz erstaunt, dass ich einer der wenigen Künstler in Deutschland bin, der mehr Platten verkauft als Konzerttickets. Ich weiß gar nicht, woran das liegt. Klar wünsche ich mir manchmal auch mehr Unterstützung von Seiten der Medien, speziell der Radiosender. Ich würde lügen, wenn ich mich da nicht manchmal wundern würde. Manchmal habe ich das Gefühl, bei mir passieren die Dinge mit Verspätung. Wenn ich zurückdenke an die Veröffentlichung von „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“, da hat kaum eine Zeitschrift über diese Platte geschrieben. Die Platte hat sich dann aber weiterhin verkauft und verkauft und verkauft. Das hörte gar nicht mehr auf. Zehn Jahre später sehe ich in den Zeitschriften, die die Platte damals nicht erwähnt hatten, dass dieses Album in den Listen der 50 besten Platten aller Zeiten auftaucht, die aus Deutschland kommen. Das finde ich natürlich ganz erstaunlich. Ich will hier jetzt auch nicht kokettieren, aber manchmal braucht es dann vielleicht auch etwas Zeit, bis manche Sachen wahrgenommen werden.

Wie sehr glauben Sie mit der neuen Platte an den nächsten Schritt? Sie haben mit Grönland Records das Label von Herbert Grönemeyer im Rücken.

Und da bin ich auch sehr happy und fühle mich sehr wohl. Den nächsten Schritt zum kommerziellen Erfolg kann ich momentan gar nicht richtig einschätzen. Wir haben uns von der letzten Platte, „Paradies der gefälschten Dinge“, alle etwas mehr erhofft. Im Nachhinein kann ich es verstehen, dass dieses Album nicht so der Renner war. Es ist keine einfache Platte. Sie hört sich heute selbst für mich etwas hin- und hergerissen an. Ich weiß auch, woran das liegt. Ich war persönlich mit ein paar Dingen beschäftigt, die es mir damals nicht leicht gemacht haben, die Platte zu Ende aufzunehmen und auf Promo-Tour zu gehen. Die großen Drama-Balladen sind super geworden. Die Songs, die etwas mehr Leichtigkeit transportieren sollten, sind mir nicht so leicht von der Hand gegangen. Das ist der größte Unterschied. Ich hatte zwei große Vorgaben für die neue Platte. Für mich selbst. Erstens, dass ich genügend Uptempo-Nummern mit Single-Potenzial auf der Platte habe. Diese liegen mir wirklich am Herzen. Ich denke mit denen kann ich mich draußen sehen lassen. Und zweitens, dass ich auch jeden einzelnen Song alleine auf der Gitarre spielen kann. Weil ich dann auch mal wieder alleine durch Österreich und die Schweiz touren und da schöne Solo-Konzerte spielen kann. Da freue ich mich schon drauf. Das hat mir gefehlt. Ich denke der Plan mit den beiden Vorgaben ist ganz gut aufgegangen. Beides wurde erfüllt.

Wie groß ist ihre Sehnsucht nach einem Hit?

Der wichtigste Song auf dem neuen Album ist „Immer noch die Musik“. Es würde mich schon enttäuschen, wenn er sang- und klanglos untergehen würde und nicht von den Radiosendern wahrgenommen werden würde. Ich glaube nämlich, dass in dem Song alles drin ist. Aber für die Radiostationen, die ein bisschen alternativ angehaucht sind, müsste „Immer noch die Musik“ interessant sein.

Wie wichtig ist Ihnen Kritik in den Medien?

Ich lese mir natürlich die großen und wichtigsten Sachen durch. Da bin ich zu neugierig. Und dafür hat man auch zu viel Zeit und Liebe in die Songs reingesteckt. Ich will das schon wissen, wie es aufgenommen wird. Aber ich lese mir nicht jeden Kommentar bei Youtube durch. Für mich ist Musik-Journalismus auch ein Handwerk. Und ich interessiere mich dafür, wenn jemand das Handwerk beherrscht. Dann ist es interessant. Es tummeln sich aber in jeder Branche auch Menschen, die das Handwerk nicht so verstehen und das auch nicht so wichtig finden. Ich möchte aber jetzt auch nicht zu viel meckern.

Eines der schönsten Zitate auf dem neuen Album ist: „Ich sehe keine dunklen Wolken mehr, da ist kein dunkles Wolkenmeer“. Fallen Ihnen solche Wortspiele einfach zu?

Ich bin tatsächlich immer offen für gute Wortspiele und schreibe diese dann auf. Im Fall der Fransen vom Nachttisch-Lampenschirm hatte ich es danach durchgelesen und mich gefragt, ob ich das schreiben kann. Wenn ich mir diese Frage aber schon stelle, dann weiß ich auch, dass ich es aufnehmen muss. Ich weiß, dass es am Ende meine Lieblingszeilen sind.

Das neue Album klingt harmonisch und leicht. Fühlen Sie sich gerade so?

Mir geht es gut. Die Zusammenarbeit mit Philipp Steinke war eine tolle Erfahrung. Ich habe unheimlich viel gelernt und glaube auch, dass sich dies für mich im Songwriting nochmal widerspiegelt. Das war eine spannende Zeit, denn wir sind wirklich sehr ins Detail gegangen. Es hat viel Energie gekostet. Ich habe fast den kompletten Winter und das halbe Frühjahr in Berlin verbracht, habe dort in einer sehr kleinen Wohnung gelebt, mit kaltem Wasser und einem Kohleofen. Ich fand es super, und es hat mich irgendwie weitergebracht. Ich bin auch so, dass ich mit Luxus in Form eines Sterne-Hotels nicht so viel anfangen kann. Das hat bei meinem Platten-Aufnahmen nichts zu suchen. Ich brauche das ein bisschen, die Basis zu spüren.

Stimmt es, dass Sie Ihre Gitarre anderthalb Jahre nicht angefasst haben?

Ja. Ich habe es immer mal versucht. Auch Dinge für mich festgehalten, aber ich habe das alles in die Tonne getreten. Es klang mir zu leidend.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Meistgelesene Artikel

Amazon Prime Video im Juli 2021: Diese Neuheiten dürfen Sie nicht verpassen

Amazon Prime Video im Juli 2021: Diese Neuheiten dürfen Sie nicht verpassen

Amazon Prime Video im Juli 2021: Diese Neuheiten dürfen Sie nicht verpassen

Kommentare