Opernregisseur Sebastian Baumgarten über seinen Bremer „Freischütz“

Immer brav dem Geld nach

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„Inhaltliche Arbeit ist kaum mehr möglich“: Sebastian Baumgarten hadert mit dem Musiktheater. ·

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze1821 in Berlin uraufgeführt und allein dort bis zum Jahr 1884 über 500 Mal gespielt: „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber ist die düstere Geschichte nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, die deutsche Oper schlechthin, die Oper, an der Richard Wagner sein Musikdenken geschult und orientiert hat.

Die Geschichte spielt zwischen archaischer Finsternis und christlichem Licht, wo der Jägersbursche Max sich mit Caspar, der seinerseits einen Pakt mit dem Teufel Samiel geschlossen hatte, verbündet, um einen erfolgreichen Probeschuss abzuliefern. Nun hat die Oper Premiere am Theater Bremen – in einer Inszenierung von Sebastian Baumgarten, der sich mit aufregenden und zutiefst reflektierenden Arbeiten einen Namen gemacht hat: Gerade ist der 44-Jährige auf eine Professur an der Münchener Musikhochschule berufen worden. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Baumgarten, Sie haben Opernregie studiert, inszenieren aber genauso viel Schauspiel. Was ist der Unterschied? Welche Spannungen gibt es da? Und welchen Stellenwert hat die Musik für einen Regisseur?

Sebastian Baumgarten: Ich habe im Augenblick mehr zu tun mit meinem Zweifel an unserem Opernsystem: die Arbeits- und Finanzbedingungen sind so, dass inhaltliche Arbeit kaum mehr möglich ist. Das System Oper versteht sich wieder als Repräsentationsveranstaltung, wird immer mehr von der Macht der Verlage, Agenturen, von Lobbyismus und geschmäcklerischer Kritik bestimmt. Kultur ist ein gesellschaftlicher Auftrag, und wir sind dabei, ihn zu verschleudern. Neue Ideen für die Stücke reichen nicht, die Arbeitsstrukturen müssen sich ändern: so, dass die Radikalität der Stoffe und der Musik wieder erkennbar wird. Da sind die Bedingungen im Schauspiel schon moderner und besser.

Im Freischütz gibt es sozusagen drei Zeiten: die Spielzeit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, die Entstehungszeit 1820 und die Zeit der Interpreten, also heute. Wo siedeln Sie sich an?

Baumgarten:Wir erfinden eigentlich eine eigene Zeit, die sich aus der Entstehungszeit des Stoffs, dem Stoff selbst und unserer Gegenwart zusammensetzt. Es geht um die Erfindung eines Märchens, das eng an unsere deutsche Geschichte gekoppelt ist, an die Zeit der Kolonialisierung, bei der die Deutschen zu spät gekommen sind und die in ihrer Aggressivität den Boden für den Faschismus bereitet hat. Vielleicht kann ich auch sagen, es geht um die Welt der Söhne, denen die Geheimnisse der Väter verborgen bleiben. Dabei hilft Aktualisierung, wie man sie in der Oper als Zeichen für Modernität ständig findet, nicht weiter. In den Figuren steckt eine Naivität, die es in eine Welt einzubinden gilt, die sie in ihrer Unbedarftheit nicht denunziert.

Auf welche musikalischen Argumente stützen Sie Ihre Inszenierung?

Baumgarten:Ich beziehe mich stark auf die Heterogenität der Musik: Es gibt den Kontrast zwischen wilder Musik, Kirchenmusik, Staatsmusik. Und es gibt die beiden Arien als musikalischer Innenraum der Hauptfiguren.

Was bedeutet für Sie der deutsche Wald?

Baumgarten:Er ist ein sehr mehrdeutiges Zeichen. Wald steht für Natur, Geheimnis, auch Sexualität.

Welche Rolle spielt der gerade vorbeigegangene Krieg, was hat er mit den Menschen im Freischütz gemacht?

Baumgarten:Es gibt keine Männer mehr. Und dem eigentlich vorgesehenen Expektanten Kaspar trauen die Väter nicht mehr. Man weiss nicht, wem und wo er gedient hat.

Was haben Max und Caspar für ein Verhältnis?

Baumgarten:Max ist nicht so schwach, wie er aussieht und Caspar ist nicht nur der gemeine Intrigant. Der Pakt ist absolut existenziell für beide: Misslingt Max der Probeschuss, wird er vogelfrei. Misslingt Caspar sein Angebot an Samiel, ihm Max auszuliefern, dann wäre er tot. So funktioniert Drama.

Wer ist „der Teufel“ Samiel?

Baumgarten:Das will ich noch nicht verraten, es hat etwas mit der mythisch-historischen Seite Deutschlands zu tun.

Spielt die Oper auf beginnenden Kapitalismus an?

Baumgarten:Ganz stark! Es geht immer um dieses Preußen, das seine Identität gegenüber dem überlegenen Frankreich sucht. Weber hat den „deutschen Ton“ getroffen, das macht den Stellenwert dieser Oper aus. Ich muss dazu sagen, dass wir den „Freischütz“ als den ersten Teil dieser Problematik verstehen: Ich werde in der nächsten Spielzeit den „Fliegenden Holländer“ inszenieren, in dem es um die schnelle Eroberung von Handelswegen geht. Über allem steht: das „Wilde“ aus dem Leben auszugrenzen und brav dem Geld hinterher zu rennen.

Sie machen vier Inszenierungen pro Jahr, 2012 sogar fünf. Wie schaffen Sie das?

Baumgarten:Ich empfinde das nicht als Arbeit, nichts macht mir mehr Spaß, als mit meiner Fantasie nach außen zu gehen. Nur mein vierjähriger Sohn leidet darunter.

Carl Maria von Weber „Der Freischütz“, Premiere am Samstag um 19.30 Uhr am Theater Bremen.

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