Theater Bremen zeigt Stück von Wajdi Mouawad als deutsche Erstaufführung

Im Monolog platzt keine Bombe

Zeitsprung: Patrick Balaraj Yogarajan als Wahab in „Im Herzen tickt eine Bombe“.
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Zeitsprung: Patrick Balaraj Yogarajan als Wahab in „Im Herzen tickt eine Bombe“.

Bremen – Mit „Verbrennungen“ und „Vögel“ schuf der libanesisch-französische Autor Wajdi Mouawad echte Theaterhits. Letzteres gehört zu den erfolgreichsten Inszenierungen der vergangenen Spielzeit am Theater Bremen. Inszeniert hatte es Hübner-Preisträgerin und Hausregisseurin Alize Zandwijk. Zandwijk hat nun auch Mouawads „Im Herzen tickt eine Bombe“ als deutsche Erstaufführung auf die Bühne des Kleinen Hauses am Theater Bremen auf die Bühne gebracht.

Das Stück ließe sich als so etwas wie ein Schlüssel zum Werk des Autors lesen. Ausgangspunkt ist der Angriff einer christlichen Miliz auf palästinensiche Zivilisten im Libanon im April 1975 in Beirut. Das Massaker gilt nicht nur als Auslöser für den Bürgerkrieg, der bis 1990 den Libanon zerrüttete. „Bei allem, was ich beschreibe, geht es nur darum“, zitiert das Programmblatt den Autor gar. Und tatsächlich geht es ja auch in seinen anderen Stücken immer wieder um die auch seelischen Verwüstungen der Konflikte im Nahen Osten, deren Vergangenheit Mouawad kunstvoll und höchst komplex mit der Gegenwart verschränkt. Wobei sein Timing an die Erzähltechniken eines Quentin Tarantino erinnert.

Auch „Im Herzen tickt eine Bombe“ springt immer wieder zwischen Zeiten und Orten, von der Kindheit des Protagonisten Wahab im Libanon bis in eine nicht genau bestimmte, aber eindeutig zeitgenössische Gegenwart an einem nicht genau bestimmten, aber eindeutig kalten Ort. Vermutlich ein Exil, wo es schneit – und Wahabs Mutter im Krankenhaus im Sterben liegt.

Patrick Balaraj Yogarajan, ganz neu am Theater Bremen, hat die Aufgabe, den Text, der zwischen derber Umgangssprache, eher profaner Erzählung und einem poetischen Ton schillert, lebendig zu machen. Zandwijk spendiert ihm dazu nicht allzu viel: Eine weiße Wand als Projektionsfläche, auf der Thomas Rupert (Ausstattung und Video) hübsche Krickelbilder zeichnet, ein Dreirad, schwarze Papierschnipsel, die Yogarajan als Schnee um sich wirbeln lässt. Und ab und an ist leise Musik zu hören (Oleg Fateev).

Wo Mouawads Schachtelszenen immer wieder Cliffhanger setzen und so beträchtliche Spannung erzeugen, herrscht hier allerdings über weite Strecken eher Monotonie, auch wenn der Text anderes erzählt. Die szenische Reduktion könnte zwar den Text umso intensiver hervortreten lassen. Yogarajan scheint allerdings im Verlauf des eineinviertelstündigen Abends – zumindest bei der Premiere am vergangenen Wochenende – ein wenig die Puste auszugehen.

Die Verzweiflung seiner Figur ist da, bricht immer wieder aus ihm heraus – über den Verlust der Mutter, die traumatischen Erinnerungen an die Gewalt in seiner Kindheit. Auch die Frage, wie er das alles verarbeiten will und soll. Dann wieder verfällt der Text in hoch poetische Verdichtungen. Beides erweist sich offenbar als hilflose Strategien, die Wirklichkeit zu verarbeiten – während erst die Bilder an der Wand – bei Mouawad sind es Gemälde – dem jungen Mann die Möglichkeit geben, sich der Zukunft zuzuwenden.

Das ist auf der textlichen Ebene plausibel. Doch die Katharsis, die Mouawad anstrebt, jener Moment, „in dem jeder, willens oder nicht, anerkennen muss: Etwas in mir hat sich bewegt“, löst sich nicht so ohne Weiteres ein. Das Publikum honorierte die Premiere und Yogarajans Leistung immerhin mit langem Applaus.

Sehen

Morgen, 20 Uhr, Sonntag, 20 Uhr, Freitag, 30. Oktober, 20 Uhr, Sonntag, 22. November, 20 Uhr, Sonntag, 20. Dezember, 15 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

Von Rolf Stein

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