Opulenz aus 50 Projektoren

Illuminations-Biennale „Lichtsicht“ bei Osnabrück verlängert

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Keine Angst, hier ertrinkt niemand – das Auto ist nur Teil der Installation „Prime Time“ von Claudia Wissmann.

Bad Rothenfelde - Von Ulla Heyne. Geht gerade ein veritables Stück Lichtkunst im Schmuddelwetterdunst des norddeutschen Winters unter? Fast hatte man am vergangenen Wochenende beim Besuch der „Lichtsicht-Biennale“ in Bad Rothenfelde diesen Eindruck. Vermeintlich zum letzten Mal liefen die mehr als 50 Hochleistungs-Beamer an, um die mit Salzwasser beronnenen rauen Wände des ehemaligen Gradierwerks in Projektionsflächen zu verwandeln.

Ursprünglich war der Superlativ der Illuminationskunst nur bis Mitte Januar angesetzt worden. Die Organisatoren hatten ein Einsehen: Unlängst wurde das in seinem Umfang wohl einmalige Lichtspektakel bis Ende des Monats verlängert, vor einigen Tagen sogar bis zum 11. Februar.

Und das ist gut so, beschert der Rückblick zum Zehnjährigen auf das „Best of“ der seit 2007 im Zweijahrestakt gezeigten Werke vom „Who is Who“ der internationalen Video- und Medienkunst doch ein Wiedersehen mit einigen gewichtigen Lichtinstallationen der vergangenen fünf Ausgaben: Zeitkritisch zugespitzte, reflektierende Werke geben einen einmaligen Rückblick auf die junge Kunstform „erweiterte Projektion“, wie die offizielle Gattungsbestimmung heißt.

Da gibt es ein Wiedersehen mit Ryoji Ikedas plakativem „Radar“ von 2015, in dem der Japaner sich mit astronomischen, elektromagnetischen und quantenphysikalischen Phänomenen beschäftigt und die visualisierten Daten, Radarbilder und Kartografie des Universums mit elektronischem Rauschen und dem Piepen eines Radars unterlegt. Oder mit William Kentridges wegweisendem „More sweetly play the Dance“, einer ebenfalls 2015 eigens für Bad Rothenfelde geschaffenen Prozession von Schattenfiguren zur südafrikanischen Brassband, in der, wer will, die politischen und historischen Zeitläufte des Landes wiederfindet – von der Demonstration mit roter Fahne bis zum Totentanz der Geknechteten. Opulent: „Heitere Landschaft – Welcome Mr. Courbet“ von 2012, in dem das koreanische Künstlerpaar Moon Kyungwon und Jeon Joonho zwei Turner vor der leer geräumten Landschaftskulisse des französischen Malers Courbet agieren lässt.

In „With or without You“ verwandeln Min Kim und Moon Choi die Wand des Neuen Gradierwerks in Osnabrück in eine Parallelwelt im Puppenhausformat.

Doch nicht nur die elf Meter hohen Gradierwände werden auf mehr als einem Kilometer Länge zur Projektionsfläche; auch der umgebende Park mit seinen Gebäuden, Wasserflächen und Fontänen wird in die Lichtkunst einbezogen. Verstörend: Das in den See gefahrene Auto in Claudia Wissmanns „Prime Time“ von 2011; die Bildschirme aus der Fahrerkabine zeigen Aufnahmen der Insassen voller Entsetzen und Panik beim dem Versuch, sich aus dem sinkenden Unfallwagen zu befreien.

Poetischer geht es einige Meter weiter zu: Aus einer von hinten beleuchteten Wasserfontäne schält sich der Koloss eines Mannes, kraftvoll wirbelnde Tropfen lassen die Urgewalt der sich verflüssigenden Materie erahnen. Eyal Gevers Projektion „Water Dancer“ wurde erst durch modernste 3D-Simulationstechnik möglich. Dann wieder – an den meisten Spielorten wechseln sich mehrere Filme und Installationen ab – erscheinen bei „Phantom“ von Katarina Veldhues und Gottfried Schumacher von 2009 auf dem Lichtervorhang Alltagsgesichter in Schwarz-Weiß, um nach einigen Minuten die nächste Reiz-Offensive in Form einer pink-bunten Farbexplosion organischer Strukturen zu weichen (Robert Seidel: Advection, 2013).

„With or without You“ als Neuheit

Aber auch Neues ist zu entdecken: In „With or without You“ lassen Min Kim und Moon Choi auf der Wand des Neuen Gradierwerks wie beim Röntgenblick in ein Puppenhaus vielfältige Einsichten in die Parallelität scheinbar alltäglicher, scherenschnittartiger Lebenswelten zu – Einblicke, die in ihrer Gleichzeitigkeit das Erfassungsvermögen des Zuschauers auf eine Probe stellen, wie so oft in dieser opulenten, innovativen XXL-Schau.

Mit der Verlängerung wird dem großen Interesse der Zuschauer aus nah und fern – Hunderttausende sollen es nach Veranstalterangaben gewesen sein –, nun Rechnung getragen. Gut so, schließlich profitiert die sonst vor allem mit Rollatortourismus gesegnete Gemeinde auch von zusätzlichen Übernachtungen. Nur ist davon am Sonntag, nach dem Samstag traditionell einer der stärksten Besuchstage, kaum etwas zu spüren: Nach dem Kaffee, wenn die Projektoren um 17 Uhr hochfahren, wirkt der Kurort wie ausgestorben.

Fast schade, könnten die großartig in Szene gesetzten historischen Salinen doch zum letzten Mal visuelle Mediengeschichte schreiben: Der Hauptsponsor, ein Unternehmer aus der Gemeinde, hat sich zurückgezogen, ein neuer Geldgeber für das Projekt, dessen Kosten die Millionenmarke knacken, wurde bislang nicht gefunden; man denkt über alternative Finanzierungsmodelle mit Einzelsponsoren für eine abgespeckte Version nach. Hoffentlich versinkt Bad Rothenfelde nicht bald wieder im Dunkel visueller Bedeutungslosigkeit – schade wär‘s.

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