Georg Büchners „Leonce und Lena“ in Bremen: Mirja Biel und Joerg Zboralski inszenieren den Klassiker des Müßiggangs

Das tut ihnen leid: Sie sind breit

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Langeweile ist seine Profession: Prinz Leonce (Jan Byl) findet sein inneres Gleichgewicht. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierWenn deutsche Dramatiker Lustspiele hinterlassen, raufen sich Theaterregisseure die Haare. Die Lustigkeit nämlich ist nicht gerade eine ausgewiesene Qualität der hiesigen Dichtkunst. Nur wenige Komödien haben Klassikerstatus erreicht. Und selbst diese paar Exemplare sind in Wahrheit Trauerspiele, entstanden mehr aus höhnischer Verbitterung denn aus entspannter Heiterkeit.

Man kann so etwas auf der Bühne gar nicht zeigen: diese mit Bedeutung aufgeladene Ironie, die sich selbst beim Lesen des gedruckten Wortes erst nach drei oder vier Lektüreversuchen offenbart. Es gibt deshalb auch keine gelungene „Leonce und Lena“-Inszenierung, das Stück ist unspielbar, sein Scheitern bereits einprogrammiert, fragt sich nur noch auf welchem Niveau.

In Bremen lässt die Vorankündigung auf der Homepage Schlimmes befürchten. Als Appell zum Nichtstun wird das Stück darin interpretiert, als Kritik an der faustischen Strebsamkeit der aufgeklärten Gesellschaft – als wollte Büchner seinen feistfaulen Prinzen Leonce uns zum Vorbild empfehlen. Das Programmheft führt dann auch noch den Journalisten Eberhard Straub als Gewährsmann an. Dessen eher schwammiges Essay hatte bereits zur Untermauerung von Sibylle Bergs dürftigem Stück „Hauptsache Arbeit!“ gedient: Straub, der neue Vordenker des Bremer Theaters. Und „Leonce und Lena“ also als politisches Lehrstück?

Im Schauspielhaus ist davon zunächst einmal nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Derart distanziert blicken Mirja Biel und Joerg Zboralski auf das Stück, dass sie für den Abend einen Mittelsmann benötigen. Knarf Rellöm heißt der Conférencier, der mal musizierend, mal moderierend die Gemütszustände des adligen Personals erläutert.

Da ist etwa König Peter vom Reiche Popo (Glenn Goltz), der gleich zu Beginn – pardauz! – beinahe von einem bühnenfüllenden Buchstaben „P“ erschlagen wird. Es ist ein prachtvolles „P“ voller Glitzerlampen, eines, das vielleicht eben noch den Palast des Reiches Popo zierte und von nun an als Bühnenbild den allmählichen Verfall des maroden Staates kennzeichnen wird. Der Herrscher selbst tapert mit wirrem Haar und schiefer Brille orientierungslos umher, sucht seine Hose, sein Hemd und klagt – vom Regieteam hinzugedichtet – über das Regieren, an welchem ihm wegen der ständigen politischen Hetzerei der Spaß abhanden gekommen sei.

Deutlich mehr bei Sinnen ist sein Sohn Leonce (Jan Byl), eine gelangweilte, selbstmitleidige Erscheinung unter einem meterhohen Zylinderhut. Im herumstreunenden Skater Valerio (Alexander Swoboda) findet er einen Bruder im Geiste, der sich über die Arbeitswut der bürgerlichen Gesellschaft erregt und erst im Klappstuhl vor seinem am rechten Bühnenrand geparkten Wohnwagen bei einer zünftigen Dose Bier wieder zur Ruhe findet. „Tut uns leid, wir sind breit“, singen die Freunde zu Knarf Rellöms Gitarrenspiel: Müßiggang kennt keinen Standesunterschied. Das ist unbedarft, das ist naiv. Aber gesellschaftskritisch? Keine Spur.

Auch von Prinzessin Lena vom Reiche Pipi (Johanna Geißler) ist wahrlich nicht viel zu lernen. Als sie von ihrer bevorstehenden Zwangsverheiratung erfährt, versucht sie, anhand des Blütentests, die Gefühle ihres Bräutigams zu erraten: „Er liebt mich nicht, er liebt mich nicht, er liebt mich nicht...“ Was bei dieser Variation am Ende herauskommt, lässt sich leicht erraten, und so beschließt sie kurzerhand, die Flucht anzutreten. Ins Ausland, wo sie auf Leonce trifft, der inzwischen seinerseits vor dem geplanten Hochzeitsfest geflohen ist. Dass sich die beiden Flüchtlinge ineinander verlieben, dass sie damit exakt jene Beziehung eingehen, der sie eigentlich entkommen wollten: Das ist der Clou in Büchners Stück. Biel und Zboralski erzählen davon zwar mit erheblichen Eingriffen in den Dramentext, ohne dabei aber eine politische Neudeutung zu bemühen.

Bei allen Modifikationen bleibt es nicht mehr als eine vorsichtige Annäherung, und es scheint, als hätten die Regisseure dem Lustspiel damit noch den größten Dienst erwiesen. So können nämlich zumindest die darstellerischen Leistungen über Gelingen und Misslingen des Projekts entscheiden. Und weil diese sehr unterschiedlich ausfallen, ist auch das Ergebnis durchaus gemischt; nicht mehr, aber – und das ist bei diesem schwierigen Werk zu betonen – eben auch nicht weniger.

Glenn Goltz zum Beispiel bringt Facetten zur Geltung, die vieles aussagen über das Leben mit und das Leiden an der Macht. Sein König Popo ist mehr als ein gelangweilter Monarch. Er ist ein Mann der Minderwertigkeitskomplexe: Nicht Faulheit hindert ihn am Regieren, sondern das Gefühl, der Sache nicht gewachsen zu sein, insbesondere bei öffentlichen Ansprachen. „Wenn ich so laut rede“, spricht er dann zu sich selbst, „so weiß ich nicht, wer es eigentlich ist, ich oder ein anderer, das ängstigt mich“. Das klingt nach Poststrukturalismus und Jacques Lacan, ist aber tatsächlich Georg Büchner. Man kann nicht genug von diesem König sehen und hören, der selbst im groteskesten Spreizgang nicht albern, sondern im besten Sinne komisch ist.

Auch Johanna Geißlers Prinzessin Lena vom Reiche Pipi gehört zu den interessanten Figuren dieses Abends. Weil sie naiv augenrollend ihre Flucht als bloße Folge romantischer Schwärmerei kennzeichnet: Hauptsache keine Zwangsheirat, ganz gleich, um welchen Bräutigam es sich handeln mag. Allein von dem fragwürdigen Versprechen ihrer Gouvernante (Irene Kleinschmidt) lässt sie sich zwischenzeitlich fast umstimmen. Der vermeintlich biedere Hochzeitskandidat, so verrät diese, sei vielmehr ein „wahrer Don Carlos“. „Echt?“, fragt Lena ebenso hoffnungsfroh wie ahnungslos. Auch diese Pointe ist übrigens ein Dichter-Original.

Weil es Jan Byl dagegen nicht gelingt, eine Begründung für die Selbstgenügsamkeit des Prinzen erahnbar werden zu lassen und weil Irene Kleinschmidt Lenas Gouvernante wie Leonces Geliebte gleichermaßen unscharf interpretiert, bleibt Büchners Lustspiel auch in Bremen ein Stück der Höhen und Tiefen, ständig am Rande des Abgrunds.

Immerhin: Ein paar ironische Glanzlichter hat das Ensemble an diesem Abend gesetzt. Wem das nicht genügt, der muss dieses so schwierige und zugleich so großartige Stück lesen statt sehen. Es lohnt sich.

Weitere Vorstellungen: am 30. November sowie am 3. und 10. Dezember, jeweils um 20 Uhr.

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