Städtische Galerie zeigt Christine Prinz und Claus Haensel

Dem Idyll misstraut

Dieser Akt von Christine Prinz entstand noch in der DDR. Fotos: Städtische Galerie

Bremen - Von Rolf Stein. Ein Künstlerpaar aus der DDR, „rübergemacht“ in den 80er-Jahren – da rattert die Klischeemaschine. Dissidenten, Verfolgte des SED-Regimes, unter Lebensgefahr geflohen in die Freiheit! Christine Prinz und Claus Haensel hätten solch ein Paar wohl sein können. Aber die Geschichte stimmt leider nicht so recht. Haensel, der die Presse vor der Eröffnung von „Haensel und Prinz – definitiv figürlich“ mit Kurator Ingmar Lähnemann durch die Ausstellung führt, ist da ganz dezidiert: Das Paar konnte den anderen deutschen Staat ganz legal verlassen.

Es war – neben einem umfassend dokumentierten Interesse der Staatssicherheit an Haensel – nicht zuletzt die Reiselust, die das Künstlerpaar auswandern ließ. Den Louvre sehen, das Moma in New York sehen – das und mehr wollten die beiden sehen. Und an den Arbeiten in der restrospektiven Ausstellung „Haensel und Prinz – definitiv figürlich“, die heute eröffnet wird und bis zum 20. Oktober in der Städtischen Galerie besichtigt werden kann, lässt sich das ohne Weiteres nachvollziehen – und übrigens auch in den beiden, parallel veröffentlichten Katalogen der beiden Künstler.

„Definitiv figürlich“ – das legt schon die zentrale Spur: Christine Prinz, 1944 als Christine Hilda Mauksch in Radebeul geboren und 2013 gestorben, hat sich schon während ihrer Ausbildung an der Dresdner Kunstakademie und während ihrer künstlerischen Arbeit immer wieder mit dem menschlichen Körper befasst, wobei Paula Modersohn-Becker bereits früh eine Leitfigur gewesen sei, sagt Haensel. Eine lose an die Wand der Galerie gelehnte Reihe früher Werke belegt das ebenso wie spätere fotografische Arbeiten, bei denen sie sich mit dem Selbstakt auseinandersetzte.

Vergleicht man die Selbstporträts aus Studienzeiten mit späteren Akten, ließe sich zwar eingedenk der bereits angesprochenen Klischees eine Geschichte von sozialistischem Realismus und westlicher Freiheit imaginieren. Sie offenbarte sich allerdings bald als Ideologie: Zeugt der „Akt liegend“ zwar von beherzter malerischer Dekonstruktionsarbeit am intakten menschlichen Körper, ist er doch keineswegs Zeugnis der BRD-Libertinage, sondern entstand 1983, dem Jahr, bevor das Paar den Arbeiter- und Bauernstaat Richtung Bremen verließ, wo es in der Szene über lange Jahre das Geschehen belebte. Im Raum nebenan lässt sich das übrigens auch anhand der Arbeiten von Claus Haensel nachvollziehen. In den 70er-Jahren und erst recht danach habe sich im realsozialistischen Kulturbetrieb niemand mehr so recht für den sozialistischen Realismus interessiert, sagt Haensel.

Was Haensel, 1942 in Dresden geboren und dort an der Akademie ausgebildet, wie Prinz mitgenommen hat, ist ein solides kunsthistorisches Fundament, auf das er sich immer wieder stützt. In „Versuche“, dem Katalog zur aktuellen Ausstellung, formuliert er im Vorwort: „Der intakten menschlichen Figur im Bilde galt – resümierend ließe sich vielleicht so sagen – meine Aufmerksamkeit der letzten Jahre. Das hat auch mit Kunstgeschichte zu tun, deren Unerschöpflichkeit ich zu erkennen glaube.“ Wobei freilich der intakte Körper ohne dessen Angreifbarkeit schlichtweg nicht zu denken ist.

Das gilt durchaus auch für das Idyll. Im hinteren Teil des großen Galerieraums, in dem die Arbeiten von Christine Prinz ausgestellt sind, ist eine Reihe von Landschaftsbildern zu sehen. Zum einen Strandansichten, bearbeitete Fotografien, die gar ein wenig an Gerhard Richter erinnern mögen, aber auch Landschaften, bei denen man eher an Paula Modersohn-Becker denkt. Definitiv nicht figürlich sind diese, zumindest im Sinne des menschlichen Körpers, dessen Abwesenheit im Zusammenhang der Schau regelrecht frappiert. Sie sind in den letzten Lebensjahren der Künstlerin entstanden. Elbe, Oder und Wümme, „die Flüsse ihres Lebens“, so heißt es im Katalog, stehen im Zentrum dieser Werkphase. Kraftvoll hat sie die Flusslandschaften bearbeitet verdichtet, verfremdet, fernab jeglicher Verkitschung. Was sich eben auch als Skepsis gegenüber dem Idyll lesen lässt, dem sie in diesen späten Arbeiten nachspürt.

Nicht nur biografisch mit Christine Prinz eng verbunden ist das Werk Claus Haensels, für das – auch wenn es an dieser Stelle etwas kürzer kommen mag – sich der Besuch dieser Ausstellung lohnt. Nicht nur, dass Prinz für Haensel immer wieder Modell stand. Die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper findet bei Haensel parallel, wenn auch mit anderen Mitteln statt. Für die Ausstellung in der Städtischen Galerie hat er Arbeiten ausgewählt hat, an denen sich auch das sehr schön nachvollziehen lässt, ebenso wie das Interesse an seriellen Arbeitsweisen bei beiden zu erkennen ist.

Sehen

„Haensel und Prinz – definitiv figürlich“, Eröffnung: Samstag, 17. August, 19 Uhr, bis 20. Oktober, Städtische Galerie, Bremen;

mehr im im Internet: www.staedtischegalerie-bremen.de

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