SERIE: DIE NEUNTE KUNST Büke Schwarz legt mit ihrem Debüt einen großen Wurf vor

Identität ist kein Hobby

Syke - Von Jan-Paul Koopmann. Los geht’s mit einem Brief, der im Dunklen darauf wartet, dass endlich wer den Kasten aufsperrt. Und diese finsteren Seiten muss man sich als Künstlerin erst einmal trauen: Neun schwarze Panels eröffnen den Comic, zwei davon ganzseitig. Um Zeit und um Geschwindigkeit geht es – und um einen Augenblick, der unvermittelt kommt und sofort sehr wichtig ist. Noch vor dem ersten Bröckchen Inhalt beweist Autorin und Zeichnerin Büke Schwarz mit dieser Handvoll düsterer Rechtecke, wie ernst sie es mit dem Medium Comic meint – obwohl „Jein“ ihr allererster ist.

Dabei wäre die Geschichte auch mit weniger ästhetischer Raffinesse schon ausgesprochen lesenswert: „Jein“ erzählt von der deutsch-türkischen Künstlerin Elâ Wolf, die sich mit einer mittelgroßen Ausstellung sowie allerlei Persönlichem herumschlagen muss – und mit der internationalen Politik, weil die Geschichte im April 2017 spielt, während Präsident Erdogan sein berüchtigtes Präsidialsystem durchsetzt. Wie tief das Verfassungsreferendum selbst ins Privateste ausstrahlt, macht „Jein“ nachdrücklich greifbar. Insbesondere, weil Elâ Wolf bis dahin auch nicht politischer unterwegs war als der Durchschnittsdeutsche, sich plötzlich aber permanent zu positionieren hat. Dabei kommt auch die Presse nicht gut weg, die sich beim Berichten von der Kunstausstellung nicht verkneifen kann, das Interview mit Wolf auf ihren einen Satz über Erdogan zuzuspitzen.

Nun ist Büke Schwarz nicht Elâ Wolf, es braucht aber auch nicht so wahnsinnig viel Fantasie, dem autobiografischen Gehalt der Geschichte nachzuspüren. Istanbul ging plötzlich jede und jeden an, das belegt das Buch sehr glaubhaft. Dass diese Frau Wolf früher dann auch noch Kara hieß, was auf Türkisch unter anderem „schwarz“ bedeutet, dampft den Abstand zwischen Autorin und Hauptfigur schließlich noch etwas weiter ein.

Wahrscheinlich geht es sogar genau darum: mit einer zugeschriebenen Identität umgehen zu müssen und sie dabei weder ignorieren zu können, noch sich darauf reduzieren lassen zu wollen. Und das auch noch als Frau, deren Freund den Ernst ihrer Lage nicht verstehen kann, und deren Vater nach Ewigkeiten wie aus dem Nichts auftaucht, ihr zu mehr Folklore im Werk rät und sie auf der Biennale in Istanbul groß rausbringen will.

Das alles erzählt Büke Schwarz in mitunter skizzenhaften, aber durchweg ausdrucksstarken Figuren – mit dezenten Cartoon-Einschlägen und selbstbewusst-selbstreferenziellen Momenten wie den schwarzen Seiten am Anfang, oder wenn Elâ einmal nach den Rahmen der Panels greift und sich darin einhüllt wie in eine Wolldecke oder in geknülltes Papier. Sehr vielschichtig ist das – und dazu von einer Dynamik, die gerade der Kunstcomic-Sparte bedauerlich oft völlig abgeht. Dem Berliner Jaja-Verlag ist mit Büke Schwarz und „Jein“ jedenfalls ein wirklich großer Wurf gelungen, der sich dennoch harmonisch einfügt ins Indie-Programm.

Und von wegen Künstler: Wer sich auch nur am Rande der Szene bewegt, kennt mindestens je zwei Beispiele für diese wirklich nur leicht überzeichneten Gestalten, mit denen Elâ Wolf im Comic ihre Gruppenausstellung zu bestreiten hat. Wer sie nicht kennt, hat erstens großes Glück gehabt – wird aber zweitens trotzdem großen Spaß mit ihnen haben.

Lesen

Büke Schwarz: „Jein“, Jaja Verlag 2020, 232 S. Klappenbroschur, 24 Euro.

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