Gegenentwurf von „Mr. Tagesthemen“

„Identifiziert euch!“: Ulrich Wickert sorgt sich um unsere Demokratie

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Ulrich Wickert will aufrütteln.

Syke - Deutschland ist in einem kritischen Zustand. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist in Gefahr, wenn ein Politiker wie Walter Lübcke mutmaßlich von einem Neonazi per Kopfschuss ermordet wird. Oder wenn in Halle (Saale) ein hasserfüllter Mann eine Synagoge angreift und willkürlich zwei Menschen ermordet. Doch Panikmache hilft niemanden, erklärt „Mr. Tagesthemen“ Ulrich Wickert: „Wir müssen ran! Und zwar schleunigst.“

In seinem neuen Buch „Identifiziert Euch! Warum wir ein neues Heimatgefühl brauchen“ ruft der Publizist dazu auf, Ängste zu überwinden und für eine bessere Gesellschaft einzustehen. Dabei komme es auf jeden Einzelnen an, nur so könne eine Demokratie dauerhaft funktionieren. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die Situation in Deutschland voller Widersprüche steckt. Auf der einen Seite geht es den Menschen im Durchschnitt so gut wie nie zuvor. Die Arbeitslosigkeit bleibt stabil auf einem enorm niedrigen Niveau und die Einkommen steigen. Zugleich wächst die Ungleichheit bei der Verteilung des Reichtums. Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen und in die etablierten Parteien schwindet, die Alternative für Deutschland (AfD) kann landauf, landab Wählerzuwächse verzeichnen.

Ulrich Wickert will seinen Lesern Mut machen und sie aufrütteln. Dafür brauche es eine gewisse Identifikation mit der Heimat, so die feste Überzeugung des 77-Jährigen. Nicht die Nationalität definiere zwangsläufig die Heimat, viel wichtiger seien gemeinsame Werte wie der Respekt vor der Menschenwürde oder ein höflicher Umgang miteinander.

Wickert ist sich dabei durchaus bewusst, wie belastet Begriffe wie Identität, Heimat oder Nationalstolz seit der NS-Zeit in Deutschland sind. Doch Wickert kontert mit seinen Erfahrungen im Ausland. Aufgewachsen in Japan und später lange Jahre als Korrespondent in Washington, New York und Paris tätig, präsentiert er Gegenentwürfe zur deutschen Zurückhaltung beim Thema Identität. Insbesondere in Frankreich, seiner zweiten Heimat, sei die Identifikation mit der Nation nach den Grundsätzen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ tief in der Gesellschaft verankert.

Dagegen stehe in Deutschland eine seit fast 200 Jahren andauernde Identitätskrise. Detail- und kenntnisreich beschreibt Wickert Konzepte von Nation und Identität, die sich im Laufe der Zeit stark verändert haben. Die deutsche Kleinstaaterei bis Anfang des 19. Jahrhunderts und die Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg hätten zur Folge gehabt, dass die Deutschen nur wenig Zeit hatten, zusammenzuwachsen. Noch 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es große Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd.

Was aber können wir tun, um Deutschland mitzugestalten? Wickert sieht Eltern in der Pflicht, ihren Kindern die Normen des respektvollen Umgangs zu vermitteln. Zentral ist bei ihm der Begriff der Disziplin, die vielfach abhandengekommen sei. Diese sei aber notwendig, um nach Regeln leben zu können und eigene Wünsche auch mal zurückstellen zu können. Auch Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder die große Hilfsbereitschaft Ehrenamtlicher auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise führt er als positive Beispiele für bürgerschaftliches Engagement an. Nur so könne Integration überhaupt erst eine Chance haben.

Ulrich Wickert verweist immer wieder auf wissenschaftliche Konzepte von Nation und Identität. Er zeigt sich dabei versiert in der Materie, um seine Argumentation hin zu einer Stärkung der Identifikation mit der eigenen Heimat zu untermauern. Doch bleibt er allzu oft bei der theoretischen Aufarbeitung von Begrifflichkeiten stehen. Dass Gewalt – egal ob von links oder rechts – in unserer Gesellschaft nichts zu suchen hat, sollte hoffentlich jeder verstehen, dafür braucht es diese mehr als 200 Seiten des Tagesthemen-Sprechers nicht.

Vielmehr trägt Wickert dazu bei, die Situation in Deutschland objektiv einzuschätzen. Seine Beobachtungen sind messerscharf, auch wenn der Leser nicht alle Schussfolgerungen teilen mag. Doch eins ist für den Autor klar: Ohne breites bürgerschaftliches Engagement sei eine Demokratie mit ihren Stärken und Schwächen nicht denkbar, also: „Identifiziert euch“ – und packt mit an, damit Deutschland eine stabile Demokratie bleibt!

Lesen

Ulrich Wickert, „Identifiziert Euch!“, Piper, 208 S., 20 Euro.

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