Über Traditionen, Berufswünsche und Intimität

Fado-Sängerin Mariza im Interview: „Ich wollte nie etwas werden“

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Mariza ist derzeit in Deutschland auf Tour.

Hannover - Von Jörg Worat. Als Marisa dos Reis Nunes ist sie geboren, doch alle Welt kennt sie unter dem Kurznamen Mariza: Die 45-jährige Sängerin hat entscheidend dazu beigetragen, dass der Fado in unserer Zeit angekommen ist. Mariza selbst hat vor rund 20 Jahren den Begriff „portugiesischer Blues“ dafür geprägt. Vor ihrem Auftritt in Hannover spricht die Sängerin im Interview über Traditionen, Intimität und Lampenfieber.

Erzählen Sie uns ein bisschen über Ihr Programm.

Der Kern des Konzerts ist das letzte Album, aber es wird auch bekannte Songs aus vorherigen Alben geben, wie „Chuva”, „Rosa Branca” oder „Ó Gente Da Minha Terra”.

Ändern Sie Ihre Programme eigentlich von Abend zu Abend?

Es gibt bei jedem Konzert eine gemeinsame Grundlage, aber die kann sich jederzeit ändern, sogar noch auf der Bühne. Je nach meiner Stimmung sind wir bereit, die Setliste spontan abzuwandeln.

Haben Sie ein Lieblings-Publikum?

Ich mag jedes Publikum. Obwohl es überall anders ist. Es wäre sogar anders, wenn du drei Tage hintereinander in derselben Konzerthalle spielst. Das Publikum in Deutschland ist sehr wohlwollend, hat viel Zuneigung für mich und meine Musik. Das gibt mir mehr und mehr das Gefühl, zuhause zu sein, wenn ich dort singe. Es ist eine lange und wunderbare Freundschaft.

Haben Sie immer noch Lampenfieber?

Ich bin immer nervös auf der Bühne. Ich fühle das jeden Tag mehr. Ich spüre Verantwortung für die Kultur, die ich repräsentiere, für meine Musik, für mich selbst und für diejenigen, die versuchen, mich als Künstlerin zu verstehen.

Für Sie ist der direkte Kontakt zum Publikum sehr wichtig. Wie entsteht Intimität, wenn die letzten Reihen weit von der Bühne entfernt sind?

Es ist immer schwierig, jeden in einem Saal zu erreichen. Aber die Musik, die ich singe, beruht auf Intimität. Sie erzählt die Geheimnisse des Lebens, der Liebe. Das alleine erzeugt schon eine Intimität zwischen allen Anwesenden. Wir haben alle Geheimnisse und Geschichten, an die wir uns erinnern, jeder auf eigene Art. Und ich habe das Bedürfnis, das Publikum zu spüren. Ich sehe alle als Freunde, und wir kommen zusammen, um das Leben zu feiern.

Nennen Sie sich selbst lieber „Fadista“ oder „Sängerin“? Und wie wichtig ist Tradition für Sie?

Ich sehe mich als eine Interpretin von Emotionen. „Fadista“ ist in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, das größte Kompliment, das überhaupt jemand machen kann – daher will ich mich nicht selbst preisen. Die Tradition ist sehr wichtig, ohne sie könnte der Fado sich nicht so entwickeln, wie er es jetzt bis zum 21. Jahrhundert getan hat. Ich bin als Botschafterin dafür aufgetreten, dass Fado ins immaterielle Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen wird, was 2011 glücklicherweise ja auch geschehen ist, und das liegt gerade daran, dass ich die Tradition respektiere. Wann immer ich Zeit habe, besuche ich Schulen, wo ich über die Geschichte des Fado spreche. Ohne die Tradition und das Wissen darüber wäre es für mich unmöglich, meine Musik zu machen. Mit einer eigenen Identität. Mit meiner Persönlichkeit.

Welche klassischen Komponisten mögen Sie? Und mögen Sie auch Musiker aus dem Jazz oder aus dem Rock-Pop-Bereich?

Ich mag Musik überhaupt. Ein Lied lässt mich atmen, lachen, weinen, fliegen. Ich mag alle Musik.

Hatten Sie jemals einen anderen Beruf im Sinn?

Ich wollte nie etwas „werden“. Ich hatte nie, so wie andere Kinder, die Vorstellung, Ärztin zu werden, zur Polizei oder Feuerwehr zu gehen.

Ihre Mutter ist aus Mosambik, dort haben Sie gelebt, bis Sie drei Jahre alt waren. Haben Sie noch Erinnerungen an diese Zeit?

Ich habe ganz frische Erinnerungen, weil ich oft dorthin fahre. Und ich fühle mich meinen afrikanischen Wurzeln mehr und mehr verbunden.

Live

Düsseldorf: Morgen in der Tonhalle;

Hannover: Samstag, NDR – Großer Sendesaal;

Leipzig: Sonntag, Haus Auensee.

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