Ein Gespräch mit Schwankhallen-Chefin Pirkko Husemann

12,6 Prozent für die AfD, und nun?

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Pirkko Husemann 

Bremen - Von Mareike Bannasch. 12,6 Prozent für die AfD: Ein Ergebnis, das auch Deutschlands Kulturschaffende schockierte und Reaktionen nach sich zog. Der Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, diagnostizierte beispielsweise ein „krachendes Versagen“ der meinungsbildenden Schicht und kündigte an, den Spielplan seines Hauses zu überdenken. Doch wie stehen Bremer Kulturschaffende zum Erfolg der AfD? Wir haben im zweiten Teil unserer Reihe mit Pirkko Husemann gesprochen. Sie leitet seit 2015 die Bremer Schwankhalle.

Frau Husemann, was ging Ihnen durch den Kopf, als es am Wahlabend hieß: Die AfD kommt auf 13 Prozent?

Pirkko Husemann: Ich war schockiert. Ich hatte den Prognosen nicht geglaubt und war fest davon überzeugt, dass sie dieses Mal falsch liegen. Das hat auch biografische Gründe: Ich komme aus einer typisch deutschen Familie, in der es in der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur Mitläufer gegeben hat. Meine Eltern sind als Kriegskinder in dem Glauben aufgewachsen, dass dieses Land seine Lektion gelernt hat und so etwas wie die Salonfähigkeit von rassistischen Tendenzen nicht mehr vorkommen kann. Und diese Haltung, dieses Tabu, wurde mir mit in die Wiege gelegt. Deshalb war es mir nicht möglich, am Tag nach der Wahl einfach zum Tagesgeschäft überzugehen.

Was haben Sie stattdessen gemacht?

Husemann: Ich habe den ersten Newsletter nach der Wahl noch unter dem Eindruck des Ergebnisses verfasst – der Betreff lautete: dagegenhalten und weitermachen. Dann habe ich das Programm der Woche auf seine Aktualität hin angeschaut, und siehe da – wir hatten ein Stück des international besetzten „Ensemble New Babylon“ im Programm, in dem es darum ging, nationale Identität komponierend zu hinterfragen. Und quasi das Zweite, was ich gemacht habe, war, den offenen Brief des Deutschen Kulturrates zu unterzeichnen, der verhindern soll, dass die AfD den Vorsitz des Kulturausschusses im Bundestag übernimmt. Denn dies könnte unter Umständen eine Ideologisierung der Kultur nach sich ziehen, vor der wir bisher noch gefeit sind.

Sollten denn Kulturschaffende jetzt nicht den Diskurs mit der AfD suchen, statt sie auszugrenzen?

Husemann: Den Dialog mit der AfD suche ich aktiv als Kulturschaffende nicht. Aber natürlich müssen wir uns zum Rechtspopulismus verhalten. Das tun wir aber nicht, indem wir der Politik ein öffentliches Forum geben, sondern indem wir ein politisch motiviertes Programm machen und das Theater an sich als politisches Medium begreifen. Dabei geht es um kulturelle Vielfalt im Programm und in der Institution ebenso wie um Themen, die seit 2015 vielleicht in der allgemeinen Wahrnehmung ins Hintertreffen geraten sind. Wir präsentieren Stücke zu Erfahrung des Fremdseins oder dem Klang von Heimat ebenso wie Produktionen zu Krankheit und Armut oder Globalisierung und Glaubensfragen. Da sind auf jeden Fall Themen dabei, die sogar manchen Protestwähler interessieren könnten.

Sind Sie einverstanden mit der Kritik von Michael Lilienthal, dass die deutschen Kulturschaffenden versagt haben, als es darum ging, die Veränderungen in der Gesellschaft auch in den Theatern abzubilden?

Husemann: Na ja, zunächst einmal muss man ja sagen, dass Theater schwerfällige Apparate sind und nur drei Prozent der Bevölkerung überhaupt ins Theater gehen. Mit dieser eingeschränkten Wirkungsmacht haben die Häuser, glaube ich, versucht, das Bestmögliche zu tun. So haben sich beispielsweise viele bemüht, Diversität bei Programm, Personal und Publikum großzuschreiben. Das steht auch nach wie vor auf unserer eigenen Agenda. Aber wir müssen uns perspektivisch auch die Frage stellen, ob wir unseren Auftrag der Kulturvermittlung an ein halbwegs bildungsnahes Publikum nicht eigentlich viel weiter denken sollten. Können wir uns tatsächlich ewig darauf berufen, ausschließlich ein Ort für die Kunst zu sein, oder müssen wir die Theater nicht auch als Ort der Begegnung denken? Dann kann hier auch anderes stattfinden, und es kommen womöglich Menschen zu uns, die sonst andere Sorgen haben als die abendliche Horizonterweiterung.

Gibt es durch die neue politische Lage auch eine langfristige Änderung im Programm der Schwankhalle, andere Schwerpunkte?

Husemann: Wir bleiben politisch, das wird sich nicht ändern, aber für 2018 ist zusätzlich eine Lesungsreihe mit dem Berliner Verbrecher-Verlag geplant. So können wir ein anderes Medium sprechen lassen, in dem Fall die Literatur. Und was uns gerade besonders interessiert ist die Schnittstelle von politischer Bildung und Kunst. Wir sind beispielsweise im Gespräch mit dem Team vom Bunker Valentin. Da geht es um die Frage, wie Kulturveranstaltungen zukünftig vor Ort realisiert werden können und wie der Bunker wandern kann, beispielsweise in die Bremer Neustadt. Wir sind selbst gespannt, was sich aus diesem Dialog ergibt.

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