„Ich möchte mich krummlegen“

Ab Donnerstag steht die Viola da Gamba im Bremer Sendesaal im Mittelpunkt

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Sie will die Gambe wieder hoffähig machen: Hille Perl organisiert das Festival „Musicadia“ im Bremer Sendesaal.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Hille Perl, Professorin für Gambe an der Hochschule für Künste Bremen, und Renate Wolter-Seevers, mehrfach preisgekrönte Tonmeisterin bei Radio Bremen, haben 2009 im Sendesaal Bremen das erste Festival „Musicadia“ auf die Beine gestellt:

Hans Ottes berühmtes Festival „Pro Musica Antiqua“ sollte nach dem Erhalt des Sendesaales – mit neu vereinten Kräften und unter neuem Namen – weitergehen. Seitdem findet es zweijährig mit wachsendem Erfolg statt. Von heute Abend bis zum 5. November steht die Viola da Gamba, neben der Laute das wichtigste Instrument der Renaissance, im Fokus. Wir trafen Hille Perl und Renate Wolter-Seevers bei den Vorbereitungen.

Ihr Festival „Musicadia“ zeichnet sich dadurch aus, dass es immer ein Thema gibt, um das alles kreist. Nun sprechen Sie auch einmal sozusagen von sich selbst. Was wollen Sie uns erzählen?

Hille Perl: Es ist an der Zeit, einmal ein Instrument in den Fokus zu stellen. Da ist es natürlich naheliegend, mein Instrument, die Gambe, zu thematisieren. Sie ist nicht nur mein Instrument, ich glaube, es ist bei den meisten Konzertgängern nicht so im Bewusstsein, wieviel Facetten dieses Instrument hat.

„Sieben Saiten und noch mehr“ titeln Sie das Festival: Da wird auch elektronische Musik zu hören sein, und es werden kulturpolitische Dimensionen der Globalisierung geboten. Wie sind Sie an das konkrete Ergebnis von nunmehr fünf Konzerten herangegangen?

Perl: Am wichtigsten waren mir die berühmtesten Kollegen Paolo Pandolfo und Vittorio Ghielmi. Beide stehen für diese Generation an erster Stelle. Sie sollten etwas spielen, was ihrer Persönlichkeit entspricht. Paolo ist im französischen Repertoire einzigartig. Ghielmi hingegen steht für äußerste Virtuostät, weswegen er sich in seinem Konzert mit der überragenden Blockflötistin Dorothee Oberlinger ein musikalisches Duell geben wird. Renate Wolter-Seevers: Die bringen natürlich ihre Programme, aber es war unser Wunsch, dass es nicht einfach die Wiederholung ihrer aktuellen CD sein soll, sondern auch andere Facetten des jeweiligen Reperoires zum Klingen gebracht werden.

Sie haben vor längerer Zeit einmal gesagt, Sie hätten den Mut gehabt, mit Paolo Pandolfo und Vittorio Ghielmi Ihre beste Konkurrenz einzuladen. Von den Qualitäten der Beiden haben Sie eben erzählt. Gibt es noch etwas zu sagen?

Perl: Ich will die Viola da gamba ganz einfach bekannter machen. Die Menschheit muss begreifen, was für ein grandioses Instrument das ist. Und dafür braucht es die natürlich die besten Interpreten, die man bekommen kann. Wolter-Seevers: Ghielmi und Oberlinger werden ein Programm mit ungewöhnlicher Spannweite von barocker bis zu zeitgenössischer Musik spielen. Diese Freiheit gefällt mir als Rundfunkfrau sehr!

Frau Perl, mit Ihrem Mann, dem Lautenisten Lee Santana, und Ihrer Tochter Marthe, Gambe, spielen Sie ein Programm, das von den Gamben im 21.Jahrhundert in verschiedenen Ethnien erzählt. Wie sind die Aspekte dieses Programms entstanden?

Perl: Im Hintergrund steht eine Idee aus der Zeit, als ich mal als Hobbymusikerin in einer Rockband war. Mit Gambe und nur Mikro konnte ich mich nie richtig verstärken. Dann habe ich mir eine elektrische Gambe gekauft. Da habe ich viel daran gearbeitet, plötzlich wurde es viel mehr als nur ein Hobby. Alles habe ich ausprobiert. Wir haben ketzerisch die Grenzen überschritten, unsere Versuche auf diesem Feld waren quasi das Gegenteil von historischer Aufführungspraxis, wir haben einfach auch andere Kontexte gesucht. Letzte Woche habe ich in Dresden eine Programm gespielt mit Psalmvertonungen aus drei Kulturkreisen. Das war so viel, dass nur noch die Frage war, was raus muss, nicht was ins Programm kommt.

Es heißt ja immer wieder, das Cello habe die Gambe verdrängt. Die Gambe in der Matthäus Passion steht gegen die Cellosuiten vom selben Komponisten, von Johann Sebastian Bach. Bedeutet das, dass beide Instrumente zeitgleich da waren?

Perl: Ja, das stimmt. Mozarts Vater Leopold Mozart schrieb, wenn man schöne Melodien schreiben will, nimmt man lieber die Gambe, er bezeichnet das Cello als ,kleinen Bassel‘, was zeigt, dass selbst noch zu dieser Zeit eher die Gambe das Soloinstrument war. Es sind ja ganz unterschiedliche Instrumentenfamilien. Das Cello gehört mit seinen vier Saiten zu den „da braccio“, also den „Arm“-Instrumenten, während die Gambe mehr zu den Lauten und Gitarren zählt, Instrumente, die aus der maurischen Tradition in Spanien kommen. Die Gambe ist leiser, sie wird immer im Haus gespielt, das Cello eher draußen. Ganz spannend ist die Überlegung, dass Bach die neue musikgeschichtliche Form – die Sonate – für Gambe geschrieben hat und die Musik für das neuere Cello in der alten Form, der Suite. Die letzten originalen Gamben-Kompositionen finden wir 1806.

Wie würden Sie den entscheidenden Unterschied zwischen dem Cello und der Gambe beschreiben?

Perl: Der Engländer Purcell hat über die Gambe gesagt: Die Intonation ist das Schwerste, da ja die Intonation durch die Bünde festgelegt und nicht so leicht zu korrigieren war. Das Wichtigste: Ohne jeglichen Druck zu spielen, das ist bei sieben Saiten schwerer als bei vier.

Die Gambe war ja hauptsächlich ein höfisches Instrument, auch wenn sie Verwandte in der Volksmusik der ganzen Welt hat. Erzählen Sie uns etwas über die Literatur.

Perl: Schon 1542 erschien in Venedig das erste Lehrbuch, andere folgten in Spanien. In England gab es früh Sololiteratur, auch schon Scordaturen, das heißt vorgeschriebene Verstimmungen der Saiten. Aufgrund der Beliebtheit des Instrumentes entstand in der Mitte des 16. Jahrhunderts unzählige Literatur, früher auch sehr viel sogeannnte Consortmusik für eine größere Gruppe von Instrumenten.

Sie sind in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen, Ihr Vater war Musikwissenschaftler. Sie hatten also viel Angebot und viel Auswahl. Wie kam‘s zur Gambe?

Perl: Als ich fünf war, hörte ich eine Konzert von Wieland Kujiken. Da etwa fiel schon die Entscheidung.

Und noch etwas Privates: Verlaufen Proben in derart engem Familienkreis anders? Ehepartner und Tochter: Wie ehrlich sind Sie zu dritt miteinander?

Perl: Wir reden nicht viel. Früher haben wir viel gestritten, heute hören wir aufeinander. Wenn ich zum Beispiel eine Vorlage anders haben will, provoziere ich das über Körperhaltung, nie verbal.

Wie wird das Festival finanziert?

Wolter-Seevers: Das meiste kommt von Radio Bremen, dann sind der Sendesaal beteiligt, Deutschlandfunk Kultur und die Waldemar Koch Stiftung. Wir müssen natürlich um jeden Cent ringen.

Frau Perl, „Liebeserklärung an die Gambe“ schreiben Sie über das Festival. Warum?

Perl: Ich möchte mich krumm legen dafür, dass immer mehr Menschen verstehen, was für ein unglaubliches Instrument die Gambe ist! Man könnte ja mal in den Raum stellen: vielleicht kommt die Blütezeit ja noch! Wir sind eine Minderheit, aber wir werden eine wachsende Mehrheit sein, davon bin ich überzeugt!

Weitere Informationen zum Festival und die Tickets gibt es im Internet unter: www.sendesaal-bremen.de

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