„Ich meinte: Du bist bescheuert!“

Jan Van Hasselt erzählt in der Schwankhalle von Filmarbeiten in Brasilien

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Der doppelte Batman und der Blick in die Zukunft (Szene aus „Globo“).

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Rio de Janeiro verbinden wohl die meisten Menschen mit der Copacabana, mit weißen Stränden, mit Karneval und Samba. Ganz andere Bilder sollte der Bremer Filmemacher Jan Van Hasselt von dort mitbringen. Heute Abend erzählt er in der Schwankhalle, was ihm in Brasilien passiert ist und zeigt zur Musik von Marc Richter Bilder von seinen Erlebnissen.

Herr Van Hasselt, Sie halten heute einen Vortrag über Ihren ThyssenKrupp-Dokumentarfilm. Warum zeigen Sie ihn nicht einfach?

Jan Van Hasselt: Das darf ich nicht. Als wir den Rohschnitt vor dem Management präsentiert haben, waren wir sicher, wir haben was richtig Gutes gemacht. Zwei Manager haben vor Rührung geheult und waren begeistert, weil jemand Thyssen so zeigt: als einen Laden, wo eben Menschen arbeiten. Zwei Wochen später kam ein Brief aus der Rechtsabteilung, in der lakonisch stand, dass der Film nicht veröffentlicht werden darf.

Warum nicht?

Van Hasselt: Es ging um den Bau eines Stahlwerks in Brasilien. Beim Bau ist alles schiefgelaufen und dann kam die Stahlkrise. Man hatte wohl Angst, der Film könnte den Börsenkurs negativ beeinflussen.

Jan Van Hasselt - Foto: Markus Wustmann

Und das fällt denen nach vier Jahren Dreharbeiten auf? Was hatten Sie denn vorher abgesprochen?

Van Hasselt: Als mein damaliger Produzent, Michael Wolff, sagte, er habe ThyssenKrupp einen Dokumentarfilm über dieses Werk angeboten, meinte ich noch: Du bist bescheuert. Die wollen doch einen Imagefilm und keine Dokumentation. Die werden uns doch nicht nach Brasilien fliegen, um einen guten Film zu machen.

Haben sie dann aber.

Van Hasselt: Es ging um die größte Investition, die ThyssenKrupp jemals unternommen hat. Und wir konnten sie dann überzeugen, dass eine richtige Kinodokumentation letztlich mehr Promotionswert hat als ein Werbeclip. Das haben die geschluckt. Sie waren ja selbst überzeugt von ihrem Projekt – davon, dass sie auch den Menschen und der Region helfen. Die haben vom „first green slab“ gesprochen, von der ersten grünen Bramme. Und am Ende kam dann doch nur möglicherweise giftiger Staub runter.

Das erzählt Ihr Film auch so? Vielleicht war er dem Unternehmen doch zu kritisch?

Van Hasselt: Ach nein, die wollen heute das ganze Thema totschweigen. Zu der Zeit wurde noch ein anderer Film über ein Thyssen-Werk in den USA gedreht. Da lief alles rund – fast langweilig – und die Filmcrew hat das Projekt wohl auch ziemlich abgefeiert. Trotzdem darf ihr Film auch nicht gezeigt werden.

Und was ist mit den sozialen und ökologischen Problemen?

Van Hasselt: Die haben Scheiße gebaut, und das weiß auch jeder. Das würde ich niemals verschweigen. Aber ich fand die Medienberichterstattung dann doch tendenziös. Es ist ja klar: Die machen da Schwerindustrie im Matsch und keine Bonbonfabrik. Das ist ein Riesengelände, auf dem Menschen ihre Hütten gebaut hatten, und die mussten sie irgendwie runterkriegen. Soweit ich’s mitbekommen habe, ist das schon verhältnismäßig schonend gemacht worden. Gut, später hat ein Miliz-Typ dann richtig auf die Kacke gehauen und Demonstranten bedroht. Aber mir ist es dann doch zu billig, nur diese Sachen rauszukramen – und dann war es wieder der böse Konzern.

Mit „Globo“ haben Sie im Anschluss direkt ein zweites Filmprojekt über Wirtschaft in Brasilien versucht. Warum haben Sie es denn so mit der Ökonomie?

Van Hasselt: Das interessiert mich schon. Ich bewege mich ja auch in tendenziell linken Kreisen. Da nervt mich nur dieser Frontenaufbau. Das böse Kapital und so weiter. Das funktioniert für mich einfach nicht so richtig. Ein Freund meinte mal, ich hätte für alle das gleiche Maß an Verachtung und Verständnis. Und daraus ließe sich keine politische Haltung entwickelt. Dem würde ich widersprechen. Sowas muss schon derjenige entscheiden, der sich den Film dann ansieht. Ich will keine Pamphlete schreiben.

Trotzdem haben Sie dann später zu den Proteste gegen Olympia und das Plattmachen der Favelas gearbeitet.

Van Hasselt: Meine Produktionsleiterin und ich hatten schon gegen Ende der Dreharbeiten überlegt, hier noch was anderes zu machen. Wir standen da in Rio und alles protestierte wegen Olympia und der WM. Heute muss man sagen: Das war Pop. Losgetreten hat das die weiße, bürgerliche Mittelschicht. Also Leute, die den Protest irgendwie fancy fanden. Jetzt sitzen die zu Hause und gucken Netflix. Die Favelas haben die Drogenbosse zurückerobert, und die Leute, die es wirklich betrifft, die demonstrieren auch heute nicht.

Geht es im Vortrag dann auch um das, was in Brasilien nach ihrem Filmprojekt passiert ist?

Van Hasselt: Der Vortrag verändert sich ständig, ja. Es geht mir um die Ökonomie der Bilder, um diese Symbole, die damals entwickelt wurden: Brasilien als ein Land auf dem Weg in die Erste Welt und so weiter. Das ist auch in Brasilien kritisch diskutiert worden, und das haben wir aufgegriffen.

Was meinen Sie?

Van Hasselt: Es gab da ein ziemlich berühmtes Video auf Youtube von einem Typen im Batman-Kostüm. Ein völlig verrücktes Bild: da steht Batman und wird von einem alten Sack mit Plastiktüte angebrüllt, er wäre nur ein Symbol für den amerikanischen Kapitalismus. Drumherum stehen Kameraleute, die die beiden anfeuern. Auf der Suche nach ihm bin ich auf einen zweiten, den „armen Batman“ gestoßen. Der hatte sein Kostüm aus Müll zusammengebaut. Ich habe die beiden zusammengebracht und wollte durch eine leergeräumte Favela laufen.

Um sie über Symbolpolitik streiten zu lassen?

Van Hasselt: Nicht streiten. Ich dachte eher an lyrische Lamenti wie im Comic „Silver Surfer“. Aber wir haben uns verlaufen und standen irgendwann vor einem verfallenen Wettkampfschwimmbad. Das war 2007 für die Panamerikanischen Spiele gebaut worden – auch so ein Symbol, dass nachhaltig geplant war und heute eine Ruine ist. Und da stehe ich dann so und gucke mit zwei Irren in die Zukunft. Aus diesem kurzen Video lässt sich eigentlich die ganze Geschichte entfalten.

Jan van Hasselt: „Globo“, Lecture Performance, Mittwoch, 21 Uhr, Schwankhalle, Bremen; bereits um 19.30 Uhr ist in der Schwankhalle die Audio-Performance „Mining Stories“ zu sehen, die sich mit einem Minenunglück in der brasilianischen Region Minas Gerais auseinandersetzt.

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