SERIE: RÜBERGEMACHT Juliane Piontek, Musikdramaturgin

„Ich fand die BRD spießig“

Dankbar für die gute Ausbildung: Juliane Piontek 1984 kurz vor dem Studium auf dem Berliner Alexanderplatz (o.) und heute mit Sängern des Bremerhavener Opernensembles (2.v.r.).
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Dankbar für die gute Ausbildung: Juliane Piontek 1984 kurz vor dem Studium auf dem Berliner Alexanderplatz (o.) und heute mit Sängern des Bremerhavener Opernensembles (2.v.r.).

Bremerhaven – War der Musikdramaturg früher der Verfasser eines mehr oder weniger gelungenen Programmheftes, ist er heute zusammen mit dem Intendanten und dem Regisseur verantwortlich für das Niveau des Spielplanes und der jeweiligen Produktion. Juliane Piontek, Jahrgang 1966, wuchs in der DDR auf und ist seit zehn Jahren leitende Musikdramaturgin am Stadttheater Bremerhaven.

Sie waren 1989, in der heißen Zeit der Montagsdemonstrationen, 24 Jahre alt. Haben Sie damals oder vorher an Flucht gedacht?

Selbstverständlich! Aber das wäre ein Roman, den ich jetzt erzählen müsste. Er sah vor, einen russischen Juden zu heiraten, der aufgrund der Perestroika schon die Ausreise aus der Sowjetunion gestattet bekommen hatte, dann sollte die Familienzusammenführung beantragt werden. Immerhin gab es zusammen mit meiner engsten Freundin eine Reise nach Riga und in der dortigen Synagoge vier heiratswillige junge Juden, die alle einen Ausreiseantrag hatten. Es gab auch eine jüdische Hochzeit im Standesamt Sax in Moskau und eine Verfolgungsjagd mit dem KGB. Doch dann lernte ich meinen jetzigen Mann kennen und hatte auch keine Kraft mehr, meine Mutter zu verlassen. So blieb ich – vorerst.

Wie sind Sie Musikdramaturgin geworden?

Ich bekam mit fünf Jahren Klavierunterricht und hatte dann das Glück, an die Spezialschule für Musikerziehung „Georg Friedrich Händel“ in Berlin aufgenommen zu werden, an der es etwa zehn Musikunterrichtsstunden mehr pro Woche gab, inklusive Orchesterspiel und Gesangsausbildung. Ich war dort bis zum Abitur und habe bei dem strammen Programm dank der zum Teil hervorragenden Lehrer vor allem eins gelernt: selbstständiges Denken. Danach wollte ich Musikwissenschaft studieren und machte die Aufnahmeprüfung an der Humboldt-Universität Berlin, ohne zu wissen, dass Berlin im Wechsel mit Leipzig nur alle zwei Jahre ausbildet. Da Leipzig die Berliner Aufnahmeprüfung anerkannte, ging ich deshalb nach Leipzig, um kein Jahr zu verlieren. Außerdem lockten eine neue Stadt und die Loslösung vom Elternhaus. In Leipzig wurde ich von einem sehr mäßigen Vorlesungsniveau überrascht. Richtig glücklich konnte man da nicht werden, es waren zu viele Professoren da, die das richtige Parteibuch hatten. Umso mehr bin ich bis heute den Dozenten dankbar, die unserer kleinen Seminargruppe von neun Leuten abseits des offiziellen Lehrplans Vorlesungen gaben, meist ganz intim am Klavier; sie hätten es nicht gemusst. So zum Beispiel der Komponist Karl Ottomar Treibmann. Der sollte uns eigentlich Dominantseptnonenakkorde beibringen, weitete die Tonsatzseminare aber derart aus, dass wir am Ende alle Schostakowitsch- und Mahler-Symphonien intus hatten, zu einer Zeit, in der Gustav Mahler gerade erst bei den DDR-Kulturfunktionären „hoffähig“ geworden war. Bei unserem Seminargruppenleiter Bernd Franke, der heute zu den renommiertesten Komponisten Sachsens zählt, lernten wir die Minimal Music von Philip Glass kennen und Stockhausens Opernzyklen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit? Spielte die Musik in Ihrem Elternhaus auch schon solch eine bestimmende Rolle?

Musik war allgegenwärtig. Meine Mutter war Musikredakteurin am Rundfunk der DDR in der Nalepastraße, und mein Vater war dort leitender Toningenieur. Er hat zum Beispiel Aufnahmen mit Nina Hagen, Karat und den Puhdys gemacht. Als Kind habe ich dort viel Zeit verbracht und wurde von Abteilung zu Abteilung gereicht. Vom Anspitzen sämtlicher Bleistifte bis hin zum Sitzen im Chefsessel des Tonregisseurs am großen Mischpult war alles drin.

Wie denken Sie heute über die beiden deutschen Staaten?

Ich kannte ja nur den einen. Aus den Erzählungen meiner Großmutter, die ihre Schwestern in Köln besuchen durfte, fand ich die BRD spießig. Da wollte ich nie hin. Ich wollte nach Israel. Wir Jungen hatten noch den hehren Idealismus, etwas verändern zu wollen. An meiner Zimmertür stand: „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Nun, alles hat sich gefügt, die Mauer ist mittlerweile gefallen, ich arbeite in den alten Bundesländern. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, empfinde ich vor allem tiefe Dankbarkeit für meine fundierte Ausbildung, die selbstverständlich und so gut wie kostenlos war.

Für den DDR-Musikwissenschaftler Georg Knepler und DDR-Regisseure wie Walter Felsenstein und Ruth Berghaus war Kunst immer Auseinandersetzung mit Gesellschaft sowie deren Kritik und sollte nicht nur Unterhaltung sein. Stimmen Sie dem zu?

Dass Kunst nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern immer etwas mit den gesellschaftlichen Zuständen zu tun hat, wurde uns sozusagen mit der Muttermilch beigegeben. Diese Art der kritischen Auseinandersetzung konnte auch schon mal enervierend sein, ist aber absolut notwendig. Ich gebe das heute auch meinen Musikstudenten in Bremen weiter: die Dinge immer im Kontext sehen – und schon klärt sich vieles von selbst.

Was könnte das deutsche Theater heute von der DDR lernen – und was ist hoffentlich ein für alle Mal überwunden?

Wir hatten es in der DDR einfacher, denn Kunst war dort immer subversiv, weil sie verborgen und mit Anspielungen arbeiten musste. Heute ist alles erlaubt, und es fehlen die Reibungsflächen, die es aber geben muss, sonst bleibt Theater belanglos. Es ist ein Geben und Nehmen. Ich bin damals zum Theater gegangen, weil es eine Nische war, ein Biotop, in dem man relativ viel ungestört machen konnte, was man wollte. Die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung stand an erster Stelle. Dagegen scheint mir heute das Event zu oft im Vordergrund zu stehen, das Schielen nach dem Feuilleton. Aber solange das mit Handwerk untermauert ist, mag auch das okay sein. Eine staatlich verordnete Zensur wie in der DDR ist in unserer bundesdeutschen Theaterlandschaft nicht vorgesehen, und das muss so bleiben. Jeglicher Angriff darauf muss abgeschmettert werden. Für die demokratische Freiheit gibt es kein Wenn und Aber, das Grundgesetz ist ein Segen. Das sollten wir uns täglich vor Augen führen und nicht glauben, dass das ein Gottesgeschenk sei.

Von Ute Schalz-laurenze

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