„Ich erfinde nicht – ich entdecke“

Emanuel Gats Stück „Trotz/The revised and updated Bremen structures“ hat am Samstag im Tanztheater Bremen Premiere.

Bremen Von Mareike Bannasch · Es scheint, als habe der Reisende auch nach drei Jahren sein Ziel noch nicht erreicht. „Voyage“ lautete 2007 der Titel von Emanuel Gats Choreografie am Theater Bremen: „Reise“. Am Samstagabend feierte seine neue Produktion im Neuen Schauspielhaus Premiere: „Trotz/The revised and updated Bremen structures“.

„Upgedated“ ist dabei ein Teil der ersten Produktion von Gat, gewissermaßen die nächste Etappe der damals begonnenen Exkursion in unerforschtes Terrain des Ausdruckstanzes. Unsere Zeitung sprach mit dem Choreografen über Strukturen und der Suche nach Bedeutung und Inhalt.

War es Ihr Wunsch, nach Ihrer ersten Arbeit für das Tanztheater im Jahr 2007, wieder nach Bremen zurückzukehren?

!Es gab eine Anfrage vom Tanztheater. Ich habe mich sehr gefreut wieder hier zu choreografieren, da sich das Team nicht signifikant verändert hat. Es ist für mich immer einfacher, mit Tänzern zu arbeiten, die ich bereits kenne. Da muss ich nicht mehr viel erklären.

„Trotz dem alten Drachen“ hieß ein Teil des damaligen Abends „Voyage“, „Trotz“ lautet heute der Titel der Produktion. Das hört sich stark nach einer Wiederholung an.

Ja, „Trotz“ ist eine Weiterentwicklung aus dem Jahr 2007. Im Tanz können wir uns den Luxus leisten, ohne Objekt und permanent an uns zu arbeiten. Schließlich verändern sich auch die Tänzer ständig. Dies sieht der Zuschauer auch in „Trotz“. Das Stück ist nicht von Grund auf neu, aber ich habe einige Erneuerungen vorgenommen.

In „The revised and updated Bremen structures“ sollen die Tänzer ihre Entwicklung im Kontext des Schaffens von Emanuel Gatzeigen. Also: Wie haben Sie sich seit 2007 verändert?

Die Tänzer und ich haben in den vergangenen drei Jahren auch methodisch neue Dinge gelernt. Davon sollten die alten Strukturen profitieren. Aber es sind keine signifikanten choreografischen Unterschiede.

„The revised and updated Bremen structures“ lautet der Titel des neuen, zweiten Teils. Worum geht es?

Das ist immer eine schwierige Frage, wenn es ums Tanzen geht – zumindest bei meinen Choreografien. Die Frage nach dem Inhalt impliziert ja einen gewissen Sinn beziehungsweise eine Zuschreibung. Das ist nicht die Art und Weise, wie ich denke. Tanz hat den Luxus, nicht mit Worten beschreibbar sein zu müssen. Generell lässt sich sagen, dass sich meine Arbeit um Menschen dreht. Wie sie Teil einer Gesellschaft sind und von dieser beeinflusst werden. In meinen Stücken geht es um eine Art Untersuchung. Ich mache kein Stück über Liebe oder eins über Krieg. Ich nutze Tanz als ein Mittel zur Untersuchung.

Also startet die Arbeit an einer neuen Choreografie immer mit dem Tanz im Allgemeinen und nicht mit einem bestimmten Thema?

Der Tanz steht immer im Vordergrund. Das beginnt bei den Tänzern, was sie fühlen oder welche Erfahrungen sie gemacht haben. Ich kreiere kein Thema, ich schaffe eine Umgebung, in der diese Erfahrungen ihren Raum haben. Es ist kein Prozess des Erfindens. Ich erfinde keine Choreografie, ich entdecke sie.

Haben Sie am Anfang wirklich gar keine Idee im Hinterkopf, in welche Richtung sich das Stück entwickeln soll? Was Sie zum Ausdruck bringen möchten?

Ich stelle sicher, dass ich keinerlei Vorstellungen habe und unbelastet in die Proben gehe. Wenn ich bereits am Anfang eine Idee des Ganzen habe, wird es sich auch in diese Richtung entwickeln. Wie interessant könnte das sein? Ich blicke auf das Potenzial der Gruppe und was sich daraus entwickelt. Wir beginnen zu experimentieren, jeder steuert eigene Ideen bei. Dann schaue ich, wo wir stehen und sortiere die Ideen. Bei einer Untersuchung oder Entdeckung weiß man nicht schon zu Beginn, wohin der Weg führt. Wenn wir die Antworten schon hätten, müssten wir nicht mehr nach ihnen suchen.

Um etwas erforschen zu können, brauchen Sie aber doch ein Thema, das Sie genauer betrachten wollen. Also doch eine gewisse Vorauswahl?

Ja, das stimmt. Aber es handelt sich nicht um ein wirkliches Thema. Ich frage viel mehr, was die Struktur, und das kann die Choreografie oder Musik sein, für uns bereit hält. Wie sie ein Ventil für die Tänzer werden kann. Im Hinterkopf schweben natürlich die großen Fragen: Was ist Kultur, was ist Tanz, was Kunst? Manchmal gibt die Performance Antworten auf diese Fragen und manchmal eben nicht.

Dieses Mal haben Sie, ganz im Gegensatz zum vergangenen Stück, die Musik selbst komponiert. Weil es keine passende gab?

Ich habe lange über die Beziehung zwischen Tanz und Musik nachgedacht und vor einem Jahr mit dem Komponieren begonnen. Das vergangene Stück war ganz ohne Musik. Von diesem Punkt aus war es einfach nicht mehr möglich, weiterhin die Werke von anderen zu verwenden.

Sie vertreten die Ansicht, dass Musik und Choreografie frei von Inhalt sind oder sein müssen. Was meinen Sie damit?

Ich denke, dass die herrschende Obsession, Inhalt oder Bedeutung aus Tanz und Musik herauszuquetschen, diese herabsetzt. Indem man allem eine Bedeutung oder einen Inhalt zuschreibt, drückt man es in bestimmte Formen und nimmt Spielraum. Dadurch wird die gesamte Produktion geschmälert. Zuschreibungen vermitteln zwar ein Gefühl von Sicherheit, aber ich sage, dass sich die Menschen davon befreien müssen.

Also kann die Produktion für jeden Zuschauer andere inhaltliche Ansätze bieten?

Ja. Jeder hat schließlich einen anderen Zugang zum Tanz. Natürlich geben die Zuschauer einer Choreografie immer eine Aussage. Aber sie können nicht wissen was ich mir dabei gedacht habe, denn ich habe mir natürlich eigene Gedanken gemacht.

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