Die höllische Freude am Egoismus: Sebastian Schug lässt die Gesellschaft an Molières „Don Juan“ verzweifeln

Ich, ich und ich

Sie lieben ihn auch, wenn er lügt – dabei sagt er die Wahrheit gerade heraus: Don Juan (Aljoscha Stadelmann) im Kreise seiner Frauen.

Von Johannes BruggaierBREMEN · Forschungserkenntnissen zufolge ist Nächstenliebe nichts weiter als Imagepflege. Wer auf seinen unmittelbaren Vorteil verzichtet, so das Ergebnis eines kürzlich im „Spiegel“ veröffentlichten Experiments, hofft auf lobende Worte und Schulterklopfer. Moral? Liebe? Ach was.

Wie immer es sich mit der Selbstlosigkeit verhalten mag: Für Molières Don Juan taugt sie nicht einmal für einen guten Leumund, das Leben versteht er als große Einladung zum hemmungslosen Egoismus. Man steht solchen Figuren ratlos und verzweifelt gegenüber, weil sie sich jedem Einfluss entziehen. Denn welche Argumente sprechen schon für Moral, wenn dem Adressaten die Meinung der anderen grundsätzlich vollkommen schnuppe ist? Wenn ihn nicht einmal der Gedanke an ein ewiges Schmoren in der Hölle schrecken kann?

Dabei sieht es in Hannover danach aus, als müsste der unverbesserliche Schwere nöter (gespielt von Aljoscha Stadelmann) durchaus wissen, was ihn nach seinem Tod erwartet. Schließlich fährt er gleich zu Beginn aus eben diesem Ort empor: aus der Unterwelt direkt auf die Bühne, nebelumwabert, lässig in einem Gartenstuhl sitzend, sonnenbebrillt, Kippe im bärtigen Gesicht, Lederjacke, halblanges Haar. Das alles wirkt wie eine Idee zu viel, wie die Karikatur eines Herzensbrechers – und nicht wie dessen Prototyp. Dann aber verführt er im Handumdrehen Dona Elvira (Mareike Hein), und plötzlich wirkt nichts mehr übertrieben, erweist sich die clowneske Maskerade als kecke Selbstinszenierung, die aufgeblasene Coolness als clevere Charme-Offensive. Dieser Don Juan spielt auf Christian Kiehls weitgehend leerer Bühne virtuos auf der Klaviatur der Verführungskunst, kehrt bei Bedarf den arroganten Geschäftsmann heraus oder den naiven Halbstarken: ein großes Theaterspiel, von den Frauen zwar durchschaut, zugleich aber bewundert. Einen wie Don Juan lieben sie bedingungslos, weil sein skrupelloser Egoismus sie einerseits gruseln lässt und andererseits mütterliche Instinkte erweckt. Ich, ich, ich: Das ist schließlich eine kindlich unreife und damit hilfsbedürftige Geisteshaltung.

Don Juans treuer Hippie-Diener Sganarelle (Philippe Goos) rauft sich unterdessen sein langes, blondes Haar. Ob sich sein Herr denn nicht einmal für wenige Jahre in Beständigkeit üben könne? Eine Ehe eingehen, ohne sie gleich wieder zu brechen? „Beständigkeit“, blafft ihn der Meister an, sei „was für Vollidioten“. Und überhaupt: wozu? Die Frauen lieben ihn doch trotzdem! „That‘s alright“, singen die Betrogenen im Hintergrund wie zur Bestätigung: „Because I love the way you lie.“

Dabei lügt er gar nicht. „Was ich sage, das meine ich aus tiefstem Herzen“, schmachtet Don Juan seine nächste Eroberung, die verschämte Charlotte (Johanna Kitzl), an. Und tatsächlich. Wenn Don Juan seinen Eroberungsdrang offenherzig mit Neid und Missgunst erklärt, wenn er so gar keine Anstalten unternimmt, die niederen Beweggründe zu kaschieren: Was soll man ihm dann vorwerfen? „Ihr dreht sowieso alles so hin, dass es aussieht, als hättet ihr recht“, stöhnt Sganarelle. Und auch das stimmt wieder nicht: Denn Don Juan hat wahrhaftig recht – aus seiner Sicht.

Ihren stärksten Moment erreicht die Inszenierung von Sebastian Schug, als Don Juan doch noch eine Bestrafung droht. Da weichen nach und nach alle Gefährten von seiner Seite. Der Diener, die Ehefrau, die Geliebte. Der falschen Versprechungen und rhetorischen Finessen überdrüssig setzen sie sich ins Publikum, beobachten den Niedergang des Tyrannen aus der ersten Reihe. Es wird einsam um Don Juan, und für einen Moment scheint es, als werde so etwas wie Reue spürbar. Doch dann spielt er einfach weiter: mit sich selbst als Opfer, lachend bis in den Tod.

Es ist eine dankbare Rolle für einen Kraftschauspieler wie Aljoscha Stadelmann. Es ist aber auch ein in sich schlüssiges Regiekonzept, das mit lustvoller Penetranz die Leerstelle unseres Wertesystems umkreist: die Frage, wie eigentlich moralisches Handeln durchzusetzen ist, wenn ein Individuum schlicht über kein Gewissen verfügt. Da fällt kaum ins Gewicht, dass Philippe Goos halbe Sätze verschluckt und eine blasse Mareike Hein sich von Stadelmann regelrecht an die Wand spielen lässt.

Ob Don Juan am Ende wieder in den Abgrund fahren muss, erfährt der Besucher nicht mehr. Seinem irdischen Publikum hat er jedenfalls höllische Freude bereitet.

Weitere Vorstellungen: morgen sowie am 20. und 23. Januar, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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