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Aktuell wie eh und je: Der „Volksfeind“ im Schauspielhaus Hannover

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Von: Jörg Worat

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Das Ensemble steht essend in einer kleinen Küche.
Die Zuschauer erwartet ein Bühnenbild, das eine Mischung aus Schwimmbad, Sanitäranlage und Küchenzeile ist. © Kerstin Schomburg

Frauen an die Macht: Das Staatstheater Hannover bringt Ibsens „Volksfeind“ auf die Bühne

Hannover – „Zwei Stunden ohne Pause“ kündigt das Programmheft an. Die Unterbrechung gibt es dann aber doch – manchmal entwickeln sich Inszenierungen nach dem Druck eben noch in eine andere Richtung. In diesem Fall aber hätte so mancher Besucher wohl tatsächlich ganz gern auf besagte Pause verzichtet, denn Henrik Ibsens „Volksfeind“ im Schauspielhaus Hannover ist eine äußerst mitreißende Angelegenheit.

Das Fehlen des unbestimmten Artikels im Titel ist nicht der einzige Eigenbau, den sich das Produktionsteam geleistet hat. Regisseur Stephan Kimmig und Dramaturg Hannes Oppermann sind auch mit dem Originaltext, nun ja, großzügig umgegangen, und es wird wieder einmal eifrig gegendert. Die gewichtigste Änderung besteht in der Umwandlung des Badearztes Stockmann in eine Ärztin – anders als in Kimmigs hannoverscher „Platonowa“-Inszenierung bekommt die Geschichte durch solche Akzentverschiebungen diesmal aber keinen neuen Dreh.

Stoff ist 140 Jahre alt

Frau Doktor Stockmann also hat eine beunruhigende Entdeckung gemacht: Das Wasser im Kurbad ist stark mit Giftstoffen belastet, eine Schließung der Anlagen daher unabdingbar. Das hätte indes gravierende wirtschaftliche Folgen, und so werden alsbald Gegenstimmen laut – dabei tut sich ausgerechnet Bürgermeister Stockmann besonders hervor, der Bruder der Ärztin. Mögliche Gefahr für Menschenleben auf der einen Seite, persönliche Vorteile auf der anderen, und bei alledem spielt natürlich auch Nepotismus eine gewichtige Rolle: Der Stoff ist 140 Jahre alt und aktuell wie eh und je.

Bühnenbildnerin Katja Haß hat für diese Szenerie eine Mischung aus Schwimmbad, Sanitäranlage und Küchenzeile gebaut. Die sich drehen kann, und zuweilen versuchen die Figuren gegen diese Bewegungen anzukämpfen, das Mobiliar zu stoppen – vergeblich und mit starkem Symbolgehalt, denn die einmal gestartete Eigendynamik dieser Geschichte ist nicht mehr aufzuhalten.

Anja Herden in der Titelrolle

Dem entsprechen einige Szenen, die man mit etwas gutem Willen als Tanz bezeichnen mag, ein Tanz, der um sich selbst kreist und bei dem die Figuren nicht von der Stelle kommen. Die Bewegungsintensität nimmt allerdings nicht überhand, das Ensemble kann sich auch sprachlich entfalten. Und um dieses Ensemble dürften andere Bühnen Hannover glühend beneiden, denn eine Schwachstelle ist nicht auszumachen. Torben Kesslers Bürgermeister kann zwar von seiner Position nicht abrücken, leidet aber auch spürbar darunter und ist so mehr als ein gefühlloses Monster. Reines Kalkül prägt dagegen die Gedanken und Handlungen von Aslaksen, hier ebenfalls verweiblicht und von Amelle Schwerk mit einem derart glatten Charme verkörpert, dass man der Figur alles Böse der Erde an den Hals wünscht. Kaspar Locher und Hajo Tuschy geben zwei ebenso wendige wie windige Journalisten, während Sebastian Nakajew auf sehr anrührende Weise aus dem Ehemann der Ärztin die so ziemlich einzig geerdete Figur in diesem Tollhaus macht.

Und dann ist da natürlich Anja Herden in der Titelrolle. Sie wird mit fortschreitender Dauer immer mehr zur Urgewalt, wobei die Grenzen zwischen Gerechtigkeitssinn und Selbstgerechtigkeit zu verschwimmen drohen. In der großen Schlussansprache redet sie sich in Rage, wettert gegen die Anmaßungen der sogenannten „Mehrheit“ – ist das eigentlich etwas Reales oder eine Fiktion? –, schreit das Publikum an, sich zu erheben und Empörung zu zeigen. Die Mehrheit leistet tatsächlich dem ersten Teil der Aufforderung, allerdings auch nur diesem, Folge – beeindruckend und zugleich bedenklich: Bei einem derart suggestiven Sog keimt der Verdacht auf, die Leute wären auch aufgestanden, wenn die Darstellerin die Abschaffung von Weihnachten proklamiert hätte.

Viele Gags zünden

Ein Problem beim „Volksfeind“ ist der Pathos, der latent in diesem Stoff lauert und den man bei einer aktuellen Inszenierung kaum ungefiltert auf die Bühne bringen kann. Andreas Kriegenburg ist bei seiner 1997er-Version in Hannover mit allerlei Verfremdungen vorgegangen, die teils sogar den Bereich des Klamauks streiften – mit seinem sicheren Gespür für das Tragische im Clownesken vermied er jedoch Peinlichkeiten, und nicht ohne Grund wurde diese Inszenierung ein Jahr später zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Kimmig greift ebenfalls tief in die Trickkiste, ist dabei aber nicht ganz so erfolgreich.

Viele Gags zünden schon dadurch, dass Erzkomödianten am Werk sind. Tuschy etwa kann gern seine verrutschten Metaphern servieren („Den Letzten beißen die Hasen“) oder Locher heftig grimassierend zu verstehen geben, dass er soeben seine Nahrung verwürzt hat – sie wissen halt, wie‘s geht. Und wenngleich solche Einschübe die Handlung nicht vorantreiben, bilden sie einen schönen Kontrapunkt. Zuweilen kippt die Inszenierung aber auch in Richtung Spielastik: Dann sagen die Darsteller beim Abgehen „Exit“, es gibt die berüchtigte heruntergerutschte Hose – schlicht überflüssig.

Unter dem Strich entfaltet der Abend aber eine Wucht, der man sich nur schwer entziehen kann; das Publikum fühlt sich sicht- und hörbar abgeholt. Kann man etwa wieder verstärkt über Begriffe wie „Relevanz auf der Theaterbühne“ nachdenken?

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