Ibsens Ehedrama „Nora oder ein Puppenheim“ am Oldenburgischen Staatstheater

Schweinereien eines Vögelchens

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Oh wie süß es schnurrt und knabbert! Das „Spätzchen“ Nora (Nientje Schwabe) verwöhnt seinen stolzen Besitzer Torvald (Jens Ochlast).

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Zu Ibsens Zeit war das Stück noch ein Skandal. Eine Ehefrau, die einfach wegläuft, Mann und Kinder sitzen lässt, bloß weil sie gerne ein bisschen mehr ernst genommen werden möchte: Nein, dafür ließ sich wahrhaftig kein Verständnis erwarten in einer Gesellschaft, der die Ehe als Sakrament galt.

Heute, mehr als hundert Jahre später, ist von diesem Sakrament nicht mehr viel übrig geblieben, und was einst noch skandalös anmutete, erscheint heute als einzig logische Handlungsoption einer emanzipierten Frau. Warum es dann also überhaupt noch spielen, das vom Lauf der Geschichte überholte Stück „Nora oder ein Puppenheim“?

Vielleicht, weil seine tradierte Lesart als Agitation der Frauenbewegung eine allzu eingeschränkte Sicht auf dieses Beziehungsdrama offenbart. Könnte ja sein, dass sie recht hatten, die moralischen Bedenkenträger des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Zeit, wieder mal einen kritischeren Blick zu werfen auf diese vermeintliche Vorkämpferin des Feminismus.

In Oldenburg, wo das Stück nun in einer Inszenierung von Schauspielchef Peter Hailer zu sehen ist, erleben wir sie auf einer schlichten Bühne, die von einer drehbaren Stellwand geteilt wird (Bühne: Dirk Becker) als Betthäschen aus freien Stücken (Nientje Schwabe). Augenklimpernd und schmollmundziehend hüpft sie um ihren vergötterten Ehemann Torvald (Jens Ochlast) herum – vergöttert wegen seiner ständigen Schmeicheleien, seines Aufstiegs zum Bankdirektor und vor allem natürlich wegen seines vielen Geldes, das er ihr mitunter bündelweise wie ein Fresschen zum Abholen entgegenstreckt. Sein „Spätzchen“ ist sie, sein Vögelchen, das ohne den stolzen Besitzer ganz hilflos wäre in dieser schrecklichen Welt. Und es hat nicht den geringsten Anschein, als würde sich Nora an dieser Rollenzuschreibung stören.

Im Gegenteil: Als eines Tages die Jugendfreundin Christine Linde (Franziska Werner) auftaucht und Nora ihr von jenem heimlich erschlichenen Darlehen erzählt, mit dem sie Torvald vor Jahren die dringend benötigte Kur in Italien ermöglichte, lugt hinter diesem harmlosen Vögelchen plötzlich ein listiger Fuchs hervor. Selbstverständlich, betont Nora, müsse dieses nicht ganz astreine Geschäft geheim bleiben. Nicht so sehr wegen moralischer Skrupel. Sondern weil es die Aufgabenverteilung durcheinander brächte. Ein süßes, kleines Ding setzt keine gefälschten Unterschriften auf Schuldscheine, auch nicht, wenn es um die Gesundheit des geliebten Ehemannes geht. Noras kühle Berechnung lautet deshalb so: die kleine Schweinerei einfach so lange für sich behalten, wie im Herrn Bankdirektor die Liebe lodert. Ist das Feuer aber irgendwann aus, kann sich der gefälschte Schuldschein immer noch als Trumpf erweisen. Dann schwingt sich das Vögelchen zum edlen Rettungsengel auf.

Das bedingt freilich, dass sie selbst es ist, die diesen Trumpf in der Hinterhand hält. Leider jedoch gibt es zu jedem Schuldner auch einen Gläubiger. Bei Ibsen heißt er Lars Krogstadt (Klaas Schramm) und hat als auf der Kündigungsliste stehender Bankangestellter allen Grund, seinen Chef mit pikanten Details aus dessen Privatleben unter Druck zu setzen. Dass die Unterschrift auf dem Schuldschein gefälscht ist, hat er inzwischen herausgefunden. Jetzt gewährt er seiner Gegenspielerin schon mal ganz unverblümt einen Blick in die Karten: Sorgst du dafür, dass ich meinen Job behalte, bleibt der Trumpf stecken. Gelingt es dir nicht, ist bald Schluss mit dem bequemen Dasein als unschuldige Bankerpuppe. „Dass du mir jetzt bloß nicht mit falschen Schritten kokettierst“, warnt er sie ahnungsvoll: „zum Beispiel mit Weglaufen…“ Und so trällert Nora weiter, was das Zeug hält, wirft sich Torvald wie ein Hündchen zu Füßen, schnurrt, kläfft, zwitschert, dass es jedem Playboy-Bunny zur Ehre gereichte.

Es ist nicht so, dass man ihr den Gesinnungswandel nicht abnähme. Hailer gibt ihr ausdrücklich die Gelegenheit, das per Post zugesandte verräterische Dokument rechtzeitig vor ihrem Mann zu verstecken. Dass sie diese Chance nicht nutzt, sondern das Corpus Delicti ihm auch eigenhändig überreicht, spricht dafür, dass sie die bestehende Inszenierung ihrer Ehe als falsches Spiel erkennt – wozu in erheblichem Maße ihre Freunde Christine Linde und der todkranke Dr. Niels Rank (Matthias Kleinert) beitragen.

Und doch verursacht ihr rabiater Abgang ein mulmiges Gefühl. Hat Torvald nicht recht mit seiner Einschätzung, dass ihr Vergehen weniger der behauptete Liebesbeweis war, als vielmehr ein Akt eigennütziger Berechnung? Und ist er denn – jedenfalls in der Oldenburger Übersetzung – nicht bereit, sein eigenes Verhalten infrage zu stellen? „Das Spiel ist aus, jetzt müssen wir eben erwachsen werden“, lautet seine treffende Diagnose. Doch Nora spricht lieber von „Selbständigkeit“, ein Modewort der Emanzipation, das plötzlich den bitteren Beigeschmack von Verantwortungsverweigerung erhält: Weglaufen als einfachste Form der Konfliktbewältigung, legitimiert und mit dem Etikett der Courage versehen von einer Gesellschaft, der das Recht auf Selbstbestimmung über alles geht.

Das alles wird darstellerisch wunderbar gelöst, insbesondere von Nientje Schwabe, deren Nora eine tief verwurzelte Egozentrik offenbart, die in der Begegnung eines mehr altruistischen Charakters wie Christine Linde nur oberflächlich erschüttert wird. Jens Ochlast überzeugt als Aufsteiger, der nicht begreifen will, dass moralische Grundsätze des Finanzwesens nur bedingt auf die Wirklichkeit abseits der Bank zu übertragen sind. Großartig auch Franziska Werner als gescheiterte, eben darin aber zur souveränen Persönlichkeit gereifte Jugendfreundin.

Dass ausgerechnet ihr ein Bekenntnis zum Eigensinn entfährt, während ihre Freundin noch von selbstloser Liebe faselt, ist bezeichnend für dieses Stück: Die größten Egoisten sind jene, die es weit von sich weisen.

Kommende Vorstellungen: am 11., 21. und 25. November, jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater (Kleines Haus).

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