Marc Taschowsky zeigt in der Galerie Kramer bekannte Figuren in unbekannten Räumen

Auf I-Ah über alle Berge

Algensnack am Meeresgrund: „Seepferdchen“.

Von Mareike BannaschBREMEN · Kennen Sie noch Winnie Puuh? Diesen nervigen kleinen Walt-Disney-Bären, der ständig auf der Suche nach seinem Honigtopf ist? Und seine Freunde? Den hyperaktiven Tigger oder das immer ängstliche Ferkel?

Einen gibt es in dieser skurrilen Gemeinde, der ständig im Schatten seiner Gefährten lebt: der depressive, selten gut gelaunte Esel I-Ah. Sein kritischer Blick auf die Welt, gepaart mit einem Hang zur Langeweile erhebt ihn zur Stimme der Vernunft und zum Erwachsenen der Gruppe. Klar, dass das bei Kindern nicht gut ankommt.

Doch es besteht noch Hoffnung für das Tier mit dem angehefteten Schwanz. Marc Taschowsky, dessen Gemälde momentan in der Galerie Kramer zu sehen sind, ermöglicht ihm den großen Auftritt. Da wird der maulige Genosse zum Transportmittel eines formatfüllenden Topmodels, einer Mischung aus Naomi Campbell und Claudia Schiffer. Vor einem Wolkenberg, hinter dem noch ein wenig die Sonne herausschaut, lässt sie sich zwischen den Bergen davon tragen. Ihr Blick richtet sich nicht nach vorn, sondern zurück. Allerdings nicht in Melancholie, sondern grazil, fast emotionslos. Wie in einer Hochglanzzeitschrift. Das drohende Gewitter scheint ihr gleichgültig zu sein, der Betrachter kann keine Beziehung zu ihr aufbauen. Eine Kritik an der Oberflächlichkeit der Modewelt, in der es nur auf Aussehen ankommt, aber nicht auf Inhalt? Die unverhohlene Sexismuskritik müsste das Model eigentlich im einem verletzlichen Licht darstellen und Mitgefühl erzeugen. Tut sie aber nicht.

Gewiss, ihr leuchtendes und figurbetontes Top ist der Blickfang des Gemäldes. Dennoch berührt sie nicht, fügt sich nicht in die Stimmung der dunklen Wolken ein – und verblasst dadurch. Trotz gelben Tops.

Eine Bindung zum Betrachter gelingt jedoch dem kleinen Esel. Mit eingeknickten Beinen und mürrischem Gesichtsausdruck trägt er die distanzierte Dame durchs Bergpanorama. Der Widerwille steht ihm ins Gesicht geschrieben, die Beine können die Last der Schönheit, vielleicht sogar der Welt, kaum noch tragen. Jeden Moment wird er zusammenbrechen – und die perfekte Welt Risse bekommen. Ob sie dann immer noch so unnahbar gucken wird? Wahrscheinlich ja, ein Model verliert nur selten die Haltung.

In seinen Bildern verbindet Marc Taschowsky abstrakte Elemente mit Figuren aus Film und Fernsehen. Durch das Wiedererkennen alter Kindheitshelden löst sich die Distanz des Betrachters, er sucht nach der Botschaft im Bild. Dabei fällt die Dominanz der weiblichen Figuren besonders ins Auge. Auf fast jedem Gemälde bildet ein Frauenideal den zentralen Blickpunkt. Sie ist nahezu perfekt, attraktiv und anziehend. Einen Kaffee möchte man aber nicht mit ihr trinken: Mitleid für eine Frau, die zum Objekt der Begierde verkommt. Und sich nicht dagegen wehrt. Selbst schuld, möchte man sagen, und auch Taschowsky bietet keinerlei Lösung für ihr Problem. Vielmehr lenkt er von diesem ab. Durch die Vermischung von vielen Motiven hat der Betrachter gar keine Zeit, über Sinn und Unsinn der objektivierten Welt zu sinnieren.

So verhält es sich auch im Bild „Seepferdchen“. Hier steht ein weißes Pferd mitten im Ozean und frisst Algen. Rund um den Vierbeiner schwimmen kleine orangene Fische, von oben bricht Licht in das Dunkel am Meeresgrund. Mittelpunkt auch hier: eine Frauenfigur. In einem weißen Kleid schmiegt sie sich an den Pferdehals und blickt nach unten. Nur der Arm der jungen Frau ist detailreich gezeichnet, jeder Muskel wird sichtbar. Der Rest ihres Körpers verschwimmt und vermischt sich mit der Silhouette des Pferdes.

Doch was tun Ross und Reiterin auf dem Grund des Meeres? Sind sie ein Symbol für den Untergang aller Schönheit oder das Ende der perfektionistischen Welt? Oder ist es am Ende doch nur die kindliche Vorstellung eines Seepferdchens? Taschowskys Bilder verweigern sich einer offenkundigen Interpretation, lassen den Assoziationen des Betrachters Raum, und üben so ihren wahren Reiz aus. Es muss eben nicht immer alles erklärbar sein.

Marc Taschowskys „Neue Arbeiten“ sind noch bis zum 16. Januar in der Galerie Kramer zu sehen.

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