Personalie: Liedermacher Faber

Mit Posaunen und Wahnwitz

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Julian Pollina alias Faber schreibt Lieder zwischen Feuilleton und Chanson. 

In drei Wochen ist das 23. Hurricane-Festival schon in vollem Gange. Zu den Attraktionen des Wochenendes gehört der Schweizer Liedermacher Faber. Unser Autor Ralf G. Poppe hat den charmanten Musiker getroffen.

Scheeßel – Dass Faber nicht nur der Name eines Glücksspielunternehmens ist, sondern auch das Pseudonym eines musikalischen Geheimtipps vom diesjährigen Hurricane-Festival (21. bis 23.Juni) ist, hat sich Dank des Albums „Sei ein Faber im Wind“ herumgesprochen. Der junge Liedermacher Faber, bürgerlich Julian Pollina, lebt in der Schweiz, wo er 1993 geboren wurde. Und man hört ihm seine Züricher Heimat durchaus an. Was von Vorteil ist. Denn so kommt der Träumer, der Zweifler, der Charmeur in Faber besser zur Geltung.

Ganz davon abgesehen, sei „das Wichtigste der Charakter“, erklärt der Künstler mit unvergleichlichem Lächeln. Meint er es ernst, oder flunkert er? Alternative Fakten, die er nicht dezidiert bestätigt hat, gibt es genug. Pollina wirkt sieben Jahre als Sänger und Bassist in der Band Summit mit. Es folgen rund 300 Konzertauftritte in Kaffees, Hallen, Discos, Kneipen, Einkaufsläden. Im Alter von 20 Jahren gründet der Sohn des italienischen Liedermachers Pippo Pollina sein eigenes Projekt Faber. Kurze Zeit später findet er sich bereits im Vorprogramm der Schweizer Sängerin Sophie Hunger wieder. Seine wahnwitzigen, gelegentlich unmoralischen Lyrics sind nichts für Zartbesaitete. Faber macht nicht einfach Musik. Seine Kunst schwankt zwischen Feuilleton und Chanson. Nach der EP „Alles Gute“ von 2015 und der CD „Abstinenz“ von 2016 folgt mit „Sei ein Faber im Wind“ das Debut bei einer großen Plattenfirma.

Der Pressetext zur Platte preist den Musiker als einen, der nicht über das Leben singen würde, ohne überhaupt gelebt zu haben. Faber: „Das habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Wir dachten, es klingt cool. Und was heißt viel erleben? Man kommt halt ein bisschen herum.“ Das sagt einer, der mit 26 Jahren vergleichsweise jung ist.

Wegen seines Alters dürfte Faber kaum verstehen, dass ältere Menschen sich beim Konsum seiner Musik an einen belgischen Liedermacher und Chansonier namens Salvatore Adamo erinnert fühlen, der übrigens ebenfalls italienische Wurzeln hat. Dazu passt die traurige Trompete in der „Ouverture“. Faber: „Ich arbeite vor allem mit Posaunen. Ich finde Posaunen großartig. Sie können so weiche, so zärtliche Töne spielen. Wunderbare Instrumente! Eine Trompete ist auch hin und wieder in meiner Musik drin. Man kennt das Saxofon in der Popmusik. Posaunen kennt man bisher lediglich aus Bläser-Sätzen.“

Faber könnte für die Schweiz das werden, was die Band Wanda für Österreich ist. Nur sind Fabers Texte ungleich eindeutiger, siehe „Wem du‘s heute kannst besorgen“. Warum propagiert er derart deutlich Wein, Weib und Gesang? „Wie? Wein, Weib und Gesang? Das ist mir nicht geläufig“, sagt Pollina. Plötzlich wird der Newcomer nachdenklich. „Musik ist schon eine Arbeit. Das ist nicht zu unterschätzen. Aber ich wollte auch nie etwas anderes arbeiten.“

Ein Song heißt „Bleib dir nicht treu“. Warum? „Sich treu bleiben ist etwas, dass man sagt. Was aber nicht stimmt. Nimm die 80er-Jahre Vokuhila-Frisur. Die war damals cool. Nachher dann nicht mehr. Man hat sich die Haare kurz geschnitten. Sagen kannst du das natürlich immer, aber ,Bleib dir treu‘ ist die falsche Floskel. Ich möchte Floskeln konterkarieren. Sich widersprechen macht Spaß!“

Faber-Songs sind eben wie das Leben. Siehe „Brüstebeinearschgesicht“. „Wir haben die Bezeichnungen einfach aneinandergehängt. Dabei ist das dann herausgekommen. Du kannst es mir schon sagen, wenn es schlecht ist.“ Faber lacht noch einmal. Zu Salvatore Adamos Zeiten hätte man gesagt, ihm sitzt der Schalk im Nacken. „Viele Sachen, die man hinterfragen oder lustig finden kann, kann man auch genießen, ohne zu hinterfragen. Es ist nicht immer wichtig, was das heißt, oder was nicht. Ich höre oft Leute Geschichten erzählen, die nicht stimmen. Muss ich die jetzt nicht hinterfragen? Oder kann ich die lustige Story einfach mal genießen? Mich unterhalten. Geschichten anhören. Boris Johnson, ,Mister Brexit‘, hat einmal gesagt, man solle sich seine Sicht von der Wahrheit kaputt machen lassen. Es ist tragisch, wenn der das sagt. Es wäre lustiger, wenn ich es gesagt hätte. Im Journalismus und in der Politik haben lustige, nicht wahre Geschichten, oder tragische, nicht wahre Geschichten nichts zu suchen. In der Kunst darf auch mal was elegant geflunkert sein!“

Live:

Faber tritt am Sonntag, 23. Juni, 17.15 Uhr auf dem Hurricane auf. Mehr Informationen im Internet: www.hurricane.de

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