Bremer Ausstellung über Beziehung von Wort und Kunst, Sicht- und Sagbarem

Die Hure Sprache

Ruth Buchanan: „Figures in Landscapes“, 2011. ·
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Ruth Buchanan: „Figures in Landscapes“, 2011. ·

Bremen - Von Rainer Beßling45 Minuten, erklärte Tony Blair im Jahr 2002 dem britischen Parlament, bräuchte Saddam Hussein, um seine Massenvernichtungswaffen zu aktivieren. Damit schwor der Ex-Premier sein Land auf den Angriff gegen den Irak ein. Die Folgen dieser Fehleinschätzung sind bekannt. Bekannt sind Politiker ebenso dafür, ihre Worte von gestern im Bedarfsfall zu vergessen oder deren Gehalt in veränderten Zusammenhängen nachzubessern.

Der britische Künstler Jesse Ash erinnert an Blairs flammenden Irrtum nicht durch die Rede und deren Konsequenzen, sondern durch eine plastische Rekonstruktion des Politikerauftritts. In der neuen Ausstellung der Bremer Gesellschaft für aktuelle Kunst zeigt er eine Zeltform, die in ihren Umrissen den Gesten Blairs folgt. Die Suggestion, der performative Akt ist hier in Aluminium, wasserfesten Stoff und PVC-Schnur gegossen. Will sagen: Worauf es in der politischen Rhetorik ankommt, ist weniger der Inhalt als der Ertrag durch physischen Einsatz, der flatterhaft im Dienst höherer Mächte, des Pentagons und den Weißen Hauses, daherkommt.

Mittels und zugleich jenseits der Wörter manifestieren sich windig Wille und Strategie der Herrschenden. Die Welt abseits der Begriffe wie die begrifflich überformte Wirklichkeit sind letztlich auch die Felder der bildenden Kunst.

„Beyond Words“ heißt die Schau, mit der GAK-Leiterin Janneke de Vries ein fundamentales Thema aufwirft: den Zusammenhang von Sprache und Bild, von Wort und Kunst, von Sicht- und Sagbarem. Dass der Kunstverein auf dem Teerhof für ein solches Thema geradezu geschaffen ist, vermittelt schon ein erster Blick auf die Außenfassade: „Having been built on sand / With another base (basis) in fact“ ist dort zu lesen, eine Schriftarbeit des US-amerikanischen Künstlers Lawrence Weiner, die auf den sandigen Untergrund des Ausstellungsgebäudes anspielt und zugleich auf die Kunst als eine Basis mit eigenen Gesetzen verweist. Was gibt wohl mehr Halt, die physischen Pfeiler oder der gedankliche Grund?

Hat Weiner noch im Geist und Gestus der Konzeptkunst der sechziger und siebziger Jahre Schrift Bild werden lassen und die Ausführung des Kunstwerks im Sinne demokratischer Partizipation und offener ästhetischer Debattenkultur den Adressaten übertragen, geht es bei den jüngeren Künstlern zwischen Schrift und Bild munter hin und her. Gleich zum Auftakt begrüßen den Besucher stählerne Skulpturen. Jacob Dahl Jürgensen nimmt die Rhetorik-Formel der „Figures of Speech“ plastisch wörtlich und fertigt „stumme Diener“ in abstrakter Struktur. Mag man sie auch im übertragenen Sinne als Kleiderständer sehen, stehen sie doch greifbar für die Schere zwischen Gemeintem und Gesagtem, treten in täuschend konstruktiver Strenge für die Flexibilität der Hure Sprache auf.

Norbert Schwontkowski thematisiert weniger die strategische Sprachfertigkeit als eine spirituell beförderte Sprachlosigkeit. Schatten liegen auf den Mundpartien seiner Porträts. Die Männer sind verstummt angesichts des Wunders, das ihnen widerfuhr. Der heilige Geist ist pfingstgerecht über sie gekommen und hat sie beauftragt, vom Göttlichen zu künden. Schon klar, dass einem da erstmal die Stimme versagt.

Die babylonische Sprachverwirrung, die mit der Geistausschüttung angeblich überwunden ist, nimmt Saadane Afif in der Skulptur „Babel“ auf. Architektonische Module im Geist modernistischer Visionen, die Gleichheit und Einheit in die Wohnwelt einziehen lassen wollen, türmen sich auf einer Vinyl-Scheibe auf. Universalität in Form, Sprache und Musik ist hier das Thema.

Wie Kunst Sprachbildung anregt und Künstler ihrerseits auf den textlichen Widerhall ihrer Werke reagieren, zeigt „Object Lessons“, eine Gemeinschaftsarbeit von Nina Beier, Marie Lund und Francesco Pedraglio. Der Kunstkritiker Pedraglio konterte mit einer Kurzgeschichte auf eine Schau von Beier und Lund, die Material und Wahrnehmung in den Fokus rückte. Das Künstlerduo antwortete auf den Text mit Arbeiten, die sich in einem Schwebezustand zwischen Abstraktion und Figuration, Gestalt und diffusem Schein, Fixierung und Aufhebung einer Form befinden.

Dass auch bei Schlussformeln, die nicht unerheblich für die Wirkung von Bild und Text im Ganzen sind, ein breites Spektrum an sprachlichen und grafischen Möglichkeiten zur Verfügung steht, macht Alexander Gutke deutlich. „9 Ways To Say It‘s Over“ ist finalen Filmsequenzen abgeschaut. Das schlägt sich in verschiedenen Sprachen und typographischen Varianten der Nachklang der Gesehen und ein Vorschein der Resonanz nieder, die der Film auslöst.

Gesellschaft für aktuelle Kunst, Bremen, Teerhof 21. Bis 9. September. Di-So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr. Eintritt 3 Euro.

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