Shantel im Bremer Schlachthof

Hüpfburg für Große

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Zu oft unbeholfen: Shantel kann in Bremen nicht überzeugen.

Bremen - Von Tim Schomacker. Sogar unter das bekannte Widerstands-Volkslied „Bella Ciao“ schiebt sich irgendwann dieser Generalbass, der seinen Ursprung in den Tubafiguren südosteuropäischer Brass- und Wedding-Bands hat.

Und verbindet diese tiefen Bläserlinien hier mit den klanglichen Gepflogenheiten des Downbeat-Elektro, wie ihn der Frankfurter Musiker Shantel vor allem als DJ lange schon macht. In „Bella Ciao“ wiederum treffen sich beide publikumseits vertretenen Generationen – jede mit ihrer eigenen Geschichte mit diesem Lied. Schließlich verbindet dieses „Bella Ciao“ das partylaunig drangeklebte Partisanenimage mit der Erinnerung an die antifaschistische italienische Widerstandsbewegung. Im Ergebnis entsteht für zwei Stunden eine Hüpfburg für Erwachsene im gut besuchten Bremer Schlachthof.

Der Frankfurter DJ, Produzent und Musiker Shantel hat sich einmal auf die Spurensuche begeben in ostsüdöstlicher Richtung. Seine Großeltern stammen aus Czernowitz, das heute in Rumänien liegt und bekanntlich auch die Geburtsstadt des Dichters Paul Celan ist. Heraus kamen zunächst die „Bukovina Club“-Kompilationen, die jüngere Bearbeitungen älterer südosteuropäischer Stücke versammelten. Durchaus ein musikalisch wie editorisch relevanter Bestandteil des in Wellen immer wieder populären Sammelbegriffs „Balkan-Pop“. Dazu gehören so unterschiedliche Formationen wie das Blasensemble Fanfare Ciocarlia oder die diversen Stile und Stücke, mit denen der Filmregisseur Emir Kusturica seine postmodernbunten, freundlich aneckenden Balkan-Filme vorantreibt.

Einige Musiker des „Bukovina Club Orkestar“, das Shantel nach dem Erfolg der Sammelplatten für ein Konzertformat zusammenstellte, schauen tatsächlich so aus, als wären sie soeben einem Kusturica-Film entsprungen. Die Musik der Orkastar-Tonträger „Planet Paprika“ und „Disko Partisani“ atmet etwas von der trunkenen „balkanischen“ Geradeausmusik mit Offbeats, Ensemble-Accelerandi, mit Akkordeonschmalz und Bläsersätzen. Shantel selbst spielt hier elektrische Gitarre, trägt neben der Zusammenstellung des ganzen auch Sorge für einen – in dieser Musik eher ungewohnten – Beateinschlag. Dieser äußert sich deutlich vor allem im nicht nur namentlich an The Who erinnernden Stück „The Kiez Is Alright“. Auch wenn es der Partystimmung in der Kesselhalle augenscheinlich keinen Abbruch tat, mag man auf die Idee kommen, dass Shantel in seinen Funktionen als Zusammensteller, Arrangeur, Plattenaufleger oder Organisator heimischer ist als am Frontmannmikrofon. Zu oft nimmt er nach einer treibenden Uptempo-Passage den Drive wieder heraus, zu oft wirken seine Gesten unbeholfen. Zu oft wummert der Generalbass klanglich Interessantes ohne Not zu. Was bedauerlich ist, weil der Bühnen-Act „Bukovina Club“ hinter der editorischen Leistung nicht nur der gleichnamigen Plattenveröffentlichungen zurückbleibt, sondern auch hinter der Finesse, mit der sich Shantel unlängst mit „Kosher Nostra“ der Lieblingsmusik jüdisch-amerikanischer Mafiosi gewidmet hat.

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