„Horcynus Orca“ von Stefano D'Arrigo zählt zu den modernen Klassikern der italienischen Literatur – jetzt ist er auf Deutsch erschienen

Den Letzten beißen die Delfine

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Man fragt sich, warum niemand auf diese Romanidee gekommen ist. Darauf, die Folgen des Zweiten Weltkriegs in einer modernen Odyssee zu spiegeln: mit einem Helden, der nach Jahren des Gemetzels nur noch nach Hause will, dieses Zuhause aber nach all dem Grauen einfach nicht mehr finden kann. Lag sie etwa nicht auf der Hand, die Parallele zwischen antikem Mythos und gegenwärtiger Wirklichkeit? Oder sind diese Versuche nur nicht bekannt? - Von Johannes Bruggaier.

Tatsächlich ist dieser Tage ein Buch aufgetaucht, das diese Idee laut Klappentext einzulösen verspricht. Es heißt „Horcynus Orca“ und ist erstmals erschienen im Jahr 1975: ein Mammutwerk von fast 1500 eng bedruckten Seiten, entstanden in mehr als einem viertel Jahrhundert. Sein Schöpfer heißt Stefano D‘Arrigo, und dessen literarisches Œuvre umfasst fast nichts als dieses eine Lebenswerk. Bis zu seinem Tod 1992 lässt ihm der Brocken keine Ruhe, immer wieder nimmt er Änderungen vor, die Fassung letzter Hand kann erst 2003 erscheinen.

In seiner Heimat Italien gilt „Horcynus Orca“ schon seit seinem ersten Erscheinungstag als Meisterwerk, in Deutschland dagegen ist es bis heute völlig unbekannt. Kein Wunder: Eine deutsche Fassung hat es nie gegeben, das Buch galt als „unübersetzbar“, jedenfalls bis gestern. Denn heute ist es endlich da, „Horcynus Orca“ in deutscher Sprache, übertragen von Moshe Kahn in fast zehn Jahre währender Arbeit. Das Ergebnis ist überwältigend.

Hauptfigur dieses Opus Magnum ist der desertierte Matrose Ndrja Cambria, eigentlich aber ist es ein Schwertwal, womit schon mal eine irrige Annahme benannt wäre. Um eine „Odyssee“ nämlich handelt es sich bei dieser Erzählung nur teilweise. Im Unterschied zum antiken Vorbild umfasst die Handlung gerade einmal vier Tage, und der Held seine Heimat schon recht bald, dank seiner eigenen Circe, die sich bei D‘Arrigo „Ciccina Circè“ nennt. Die Heimkehr des Odysseus ist hier nicht Schluss-, sondern allenfalls Wendepunkt der Geschichte.

Bis zu Ndrjas glücklicher Landung an der Küste Siziliens erlebt der Leser seinen Helden beim Umherirren auf verworrenen Pfaden in einer vom Krieg gezeichneten Landschaft. Allerorten hallt das Wehklagen von Soldatenwitwen und verwaisten Müttern wider, während junge Frauen in Zeiten des Männermangels den Wanderer unverhohlen um sexuelle Abenteuer anflehen.

Boote gibt es keine, Hunger umso mehr: In ihrer Not essen die Menschen sogar das giftige Fleisch der Feren – ein Wort, das man sich in diesem Roman früh merken sollte. Feren nämlich werden reichlich gesichtet an der Küste Kalabriens, riesige Meeressäuger mit schnabelförmigen Mündern. Es dauert, bis klar wird, dass man sich darunter Delfine vorzustellen hat.

Später, in der sizilianischen Heimat, verschiebt sich die Perspektive. Menschliche Konflikte verlagern sich in die Fauna, und was zuvor mit manchem konkreten Bezug zu Krieg und Faschismus wie ein historischer Kommentar anmutete, gerät nun zu einem Naturschauspiel als Abbild von Zivilisation und Gesellschaft.

Das beginnt in dem Moment, als sich zu den ohnehin schon als mordlustige Bestien beschriebenen Feren – von Flipper-Romantik ist dieses Buch wahrhaftig weit entfernt – eines Tages ein Schwertwal gesellt. Mehr zufällig aus dem Atlantik in die Meerenge von Gibraltar geraten, treibt der „Horcynus Orca“ (die orthografische Abweichung vom lateinischen „Orcinus orca“ ist beabsichtigt) plötzlich vor Sizilien sein Unwesen, was von Tieren wie Menschen sehr ambivalent betrachtet wird.

Die einen hassen ihn, weil er den Bestand an Schwertfischen zu vernichten droht. Die anderen lobpreisen ihn, weil er mit seinem wuchtigen Körper unzählige nahrhafte Aaleier an die Oberfläche befördert: Es ist eben ein schmaler Grat zwischen Zerstörer und Ernährer, zwischen Teufel und Erlöser. Im Schicksal des „Tiergiganten“ wiederholen sich jene Wechselwirkungen, die durch den Auftritt politischer Giganten hervorgerufen werden, Bezüge zu Benito Mussolini kommen mitunter sogar ganz direkt zur Geltung.

Geschrieben ist das alles in einer hoch pathetischen, bisweilen bizarr ausufernden, nahezu neobarocken Sprache (der Übersetzer selbst spricht von „byzantinischer Opulenz“). So eindrucksvoll sich darin die Verstörungen einer vom Krieg gezeichneten Gesellschaft wie aber auch die chaotischen Wellenbewegungen des Meeres offenbaren: Man muss das schon wollen. Der auf dem Buchrücken zu findende Verweis auf James Joyce jedenfalls erscheint überaus zutreffend, in der Tat erinnert vieles mehr an die „Ulysses“-Variante des antiken Mythos als an Homers Vorlage selbst.

Es lässt sich nur erahnen, welche gewaltige Übersetzerleistung hinter diesem Ungetüm steckt, umso mehr hätte diese Ausgabe einen echten Kommentarteil verdient gehabt. Nicht so sehr wegen der teils dem sizilianischen Dialekt entlehnten, teils völlig neu kreierten Begrifflichkeiten – diese erklären sich früher oder später von selbst –, sondern mehr noch zur Erhellung mancher historischer, religiöser und mythologischer Anspielungen. So erweist sich die weltweit erste Übersetzung dieses geheimnisumrankten Werks als eine literarische Herausforderung, welcher der Leser mal entnervt, dann wieder ermutigt, am Ende aber ob der immer wieder aufblitzenden Raffinessen schlicht fasziniert folgen mag.

Je größer eine Gestalt, sagt an einer Stelle Ndrja Cambria zu seinem Vater, desto erbärmlicher sei meist ihr Ende. Mussolini etwa sei von gewöhnlichen Carabinieri festgenommen und hingerichtet worden (tatsächlich waren es Partisanen). Als er den jammervollen Tod des vermeintlich „unsterblichen“ Orcas mit eigenen Augen verfolgt, dürfte er sich bestätigt sehen: Den Letzten beißen die Feren. Da weiß Ndrja noch nicht, welchen Tod das Schicksal für ihn selbst bereithält.

Stefano D‘Arrigo: „Horcynus Orca“, übersetzt von Moshe Kahn. S. Fischer Verlag: Frankfurt/M. 2015; 1472 Seiten; 57,99 Euro.

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