Hommage an ein Multitalent

Yoel Gamzou leitet am Theater Bremen das „Bernstein-Jahr“ ein

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Yoel Gamzou feiert gemeinsam mit den Bremer Philharmonikern sein Idol Leonard Bernstein.

Bremen - Von Wolfgang Denker. Yoel Gamzou, der neue Musikdirektor des Bremer Theaters, liebt Leonard Bernstein. Und er liebt auch alles, was Bernstein liebte. „Er ist eins meiner größten Vorbilder, für mich ist er eine einzigartige Erscheinung in der Musikgeschichte“, sagt Gamzon. Bernsteins 100. Geburtstag ist zwar erst am 25. August 2018, für das Theater Bremen ist dies aber kein Grund, nicht schon zum Jahreswechsel das „Bernstein-Jahr“ einzuleiten.

Bei der von Gamzou konzipierten, moderierten und dirigierten Silvestergala sollten nicht nur Höhepunkte aus Bernsteins Schaffen erklingen, sondern auch Werke von Freunden, Weggefährten oder Komponisten, die für Bernstein eine zentrale Rolle gespielt haben. Folgerichtig versuchte die Geburtstagsgala mit einem sehr breiten Programm den vielen verschieden Talenten und Facetten von Leonard Bernstein nachzuspüren. Das ist auf begeisternde Weise gelungen.

Glanz, Kraft und einer Rose in der Hand

Jeder andere Dirigent wäre wahrscheinlich schon nach der Ouvertüre zu „Candide“ erschöpft zusammengebrochen – wenn er sie mit einem solch körperlichen Einsatz dirigiert hätte wie Yoel Gamzou. Aber seine Energie überträgt sich derart ungebrochen auf die Bremer Philharmoniker, dass das effektvolle Stück wie im Rausch abschnurren. Von Aaron Copland, einem engen Freund Bernsteins, gibt es „5 Old American Songs“, die Loren Lang, ganz stilgerecht im roten Hemd und mit Cowboy-Hut, authentisch gestaltet, wobei ihm das lustige „I bought me a cat“ besonders gut gelingt. Der Chor des Bremer Theaters glänzt mit dem Autodafé aus „Candide“, das durch die farbenfrohen Kostüme der Sänger wie ein fröhliches Volksfest daherkommt. „A little bit in love“ aus „Wonderful Town“ wird von Patricia Andress wie ein intimes Chanson gesungen, wobei sie von Israel Gursky am Klavier begleitet wird. „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehars „Das Land des Lächelns“ fällt in diesem Programm zwar etwas aus dem Rahmen, aber dafür brilliert Christian-Andres Engelhardt bei diesem Operetten-Evergreen mit Glanz, Kraft und einer Rose in der Hand.

Mit „Glitter and be Gay“ aus „Candide“ findet sich das Publikum schließlich bei Bernstein wieder. Nerita Pokvytyté kommt von einer Wendeltreppe auf die Bühne und bewältigt diese Bravour-Arie mit begeisternder Virtuosität. Die „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin ist ein Stück, dem Bernstein sich sehr verbunden fühlte und bei dem er oft den Klavierpart selbst spielte. Für die Überraschung des Abends sorgt hier der Tenor Chris Lysack, den das Bremer Publikum aus vielen Partien kennt. Am Silvesterabend präsentiert er sich aber nicht nur als Sänger, sondern als Pianist. Es dürfte den meisten Zuschauern vorher nicht bekannt gewesen sein, dass er vor seiner Sängerkarriere auch am Klavier ausgebildet wurde. Wie Lysack mit kraftvollem Anschlag, mit einer Spielkultur zwischen verspielten Läufen und furiosen Akkorden das Stück meistert, begeistert.

Sympathischen Moderation

In seiner sympathischen und kenntnisreichen Moderation, die stets von herzlicher Bewunderung für Bernstein geprägt ist, stellt Gamzou die Frage, ob Gustav Mahler durch Bernstein, oder Bernstein durch Gustav Mahler berühmt geworden sei. Denn Bernstein hatte wesentlichen Anteil an der „Wiederentdeckung“ Mahlers in den 60er-Jahren. Mit dem „Adagietto“ aus seiner 5. Symphonie und dem „Urlicht“ aus seiner 2. Symphonie unterstreichen die Bremer Philharmoniker ihre oft bewiesene Kompetenz in Sachen Mahler. Dem „Urlicht“ schließt sich pausen- und bruchlos der Liebestod aus Wagners „Tristan und Isolde“ an, bei dem Nadine Lehner die immer mehr gewachsene Strahl- und Ausdruckskraft ihrer Stimme eindrucksvoll demonstriert.

Am Schluss steht dann schließlich das Werk, für das der Name Bernstein ewig stehen wird: „West Side Story“. In einer langen Melodienfolge, die von „Maria“ und „Tonight“ bis zu „America“ und vor allem den Symphonischen Tänzen reicht, die von Gamzou und den Bremer Philharmonkern aufregend musiziert werden, glänzen Chris Lysack (nun wieder als Tenor), Nerita Pokvytyté, Nathalie Mittelbach, Patricia Andress und Nadine Lehner sowie der Chor des Bremer Theaters (Alice Meregaglia), der einen ergreifenden Schlusspunkt setzt. Wenn das Jahr 2018 am Theater Bremen so weitergeht, wie das alte Jahr ausgeklungen ist, kann man nur zuversichtlich sein.

Weitere Aufführungen:

17. Januar, 2. Februar, 2. und 23. März.

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