Zwischen Kunst und Kitsch: Kunsthalle Bremen blickt auf die Stadtmusikanten

Hommage an die Hausbesetzer

Wo die Liebe ihren Anfang nimmt – und was von ihr übrig bleibt: Zwei Arbeiten von Maurizio Cattelan. Foto: MAURIZIO CATTELAN

Bremen - Von Mareike Bannasch. Er wird jeden Tag betatscht – und zwar hundertfach. Kaum ein Tourist, der sich nicht auf den Weg zum Rathaus macht, um dem Esel die Beine zu reiben. Soll Glück bringen, sagt man. Ein Aberglaube, der selbst vor Blaublütern nicht halt macht. Anfang des Monats zog es auch Willem-Alexander, König der Niederlande zur Marcks-Skulptur. Der Ruf der Stadtmusikanten zieht, auch nach 200 Jahren.

Es war im Jahr 1819, als die Brüder Grimm in ihren „Kinder- und Hausmärchen“ die Geschichte von vier alternden Tieren erzählten. Beziehunsgweise erzählen ließen, denn wie man heute weiß, stammt das Märchen nicht von ihnen. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“: Von ihren Höfen vertrieben, machen sich Esel, Hund, Katze und Hahn auf nach Bremen. Ein weit entfernter Ort, an dem sie als Stadtmusikanten wirken wollen – und endlich alles besser werden soll. Dass es in Bremen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Märchens den Beruf des Stadtmusikanten gar mehr gab und dass die Vier es sowieso nie bis an die Weser schafften? Geschenkt, in der Hansestadt hat man sich die Geschichte trotzdem einverleibt.

Ein Grund mehr für die Kunsthalle, das große Jubiläum mit einer äußerst sehenswerten Sonderausstellung zu begehen. Die von Manuela Husemann, Jennifer Smailes und Konrad Elmshäuser kuratierte Schau „Tierischer Aufstand. 200 Jahre Bremer Stadtmusikaten in Kunst, Kitsch und Gesellschaft“ erstreckt sich über sieben Räume und zeigt die Rezeption des Märchens im Lauf der Jahre: Wie die Zeitgenossen die vier Tiere zunächst als durchaus gefährliche Hausbesetzer wahrnahmen – um sie heute für Kinderbücher zu verniedlichen. Denn die Stadtmusikanten sind vor allem eins: gut fürs Geschäft. Ein Geschäft, das sich mittlerweile durch alle Lebensbereiche zieht, wie eine Wand im letzten Themenraum deutlich macht. Dort trifft Kinderbesteck auf Schlüsselanhänger, Flaschenöffner oder einen Gartenzwerg. Wobei Letzterer gleich zwei Verkaufsschlager verbindet: Werder und die Stadtmusikanten.

Doch kommen wir zurück zur Aktualität: Denn Altersarmut, Solidarität oder Musik als Widerstandsform trieben die Menschen eben nicht nur vor 200 Jahren um. Damals, als Mägde und Knechte gnadenlos von ihren Dienstherren entlassen wurden, sobald sie zu alt zum Arbeiten waren. Eine gesellschaftliche Schräglage, die zumindest mit Blick auf den Armutsaspekt bis heute gilt – und etliche Künstler inspiriert. Eine von ihnen ist Ayse Erkmen, in der Kunsthalle ist sie mit „Einer fehlt“ vertreten. Eine Arbeit, die Erkmen im Jahr 2003 im Rahmen des Außenprojektes „Niemand ist eine Insel“ der Gesellschaft für Aktuelle Kunst angefertigt hat. Damals ließ sie in der ganzen Stadt Bilder von Hund, Katze, Hahn und Esel verteilen. Von ihr fotografierte Abbildungen, die jedes Tier allein auf den Straßen in Istanbul zeigten. Wer sie alle zusammen haben wollte, musste sich zwangläufig mit anderen verbünden – und so Gemeinschaft herstellen. Ein Information, die in der Kunsthalle so nicht zu finden ist. Dort hängen die vier Fotos an der Wand und zeigen in Mimik und Haltung der Tiere eine Ausbeutung, die durchaus betroffen macht. Wie ihre literarischen Vorbilder auch, dienen diese Tiere ihren menschlichen Herren mit vollem Einsatz – bis sie eines Tages unbarmherzig aussortiert werden.

Natürlich kommt eine Ausstellung über die Stadtmusikanten nicht an jener Skulptur vorbei, die sie berühmt machte. Der Entstehungsprozess der Arbeit von Gerhard Marcks und die öffentliche Kritik nach der Aufstellung im Jahr 1953 spiegelt sich in zahlreichen Briefwechseln und Zeitungsartikeln wider. Doch nicht nur das, sie inspirierte auch einige Arbeiten, die sich die charakteristische Pyramidenform zu Eigen machten. So wie die Skulpturen von Maurizio Cattelan aus der hauseigenen Sammlung. Zu sehen sind unter den Titeln „Love Saves Life“ und „Love Lasts Forever“ zwei Tierpyramiden, die sich gegenüberstehen: ausgestopft und als Skelett. Ein Bezug zum Märchen findet sich zunächst in der klar von Marcks inspirierten Form, aber auch die Titel beziehen sich auf das Original. War es doch die Liebe zum Leben und zueinander, die die vier Kreaturen rettete – und sie für immer unsterblich machte.

Zum Anschauen

Die Ausstellung ist noch bis zum 1. September zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags 10 bis 17 Uhr, dienstags 10 bis 21 Uhr. Montags geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Trump will bei möglichem Impeachment-Votum Prozess im Senat

Trump will bei möglichem Impeachment-Votum Prozess im Senat

Xi: China will Handelsdeal mit USA - kann aber auch kämpfen

Xi: China will Handelsdeal mit USA - kann aber auch kämpfen

Tesla präsentiert futuristischen Elektro-Pick-up

Tesla präsentiert futuristischen Elektro-Pick-up

Überraschend: Diese fünf Berufe machen krank

Überraschend: Diese fünf Berufe machen krank

Meistgelesene Artikel

„Wir bauen ein Schiff“

„Wir bauen ein Schiff“

Was ist schön?

Was ist schön?

Reiche Küste

Reiche Küste

Keine Sonne, keine Pinguine

Keine Sonne, keine Pinguine

Kommentare