Dem Revolutionsführer verschlägt es die Sprache: Georg Büchners „Dantons Tod“ am Oldenburgischen Staatstheater

Mit Holzhammer abgerutscht

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Erschießt er sich selbst? Danton (Hartmut Schories) bedroht Danton (Anna Steffens). ·

Von Johannes BruggaierOLDENBURG · Die schlechte Nachricht überbringt der Intendant persönlich. Schauspielerin Anna Steffens, verkündet Markus Müller an der Bühnenrampe, habe eine Stimmbandentzündung erlitten. Weshalb einem der drei Dantons an diesem Premierenabend die Stimme ausgegangen sei. Man werde sich mit einem Trick behelfen: Der Text als Playback, live gesprochen vom neben der Bühne postierten Regisseur K.D. Schmidt. So weit, so gut. Fragt sich nur: welche drei Dantons?

Auf der Bühne des Oldenburgischen Staatstheaters ist zunächst ganz klassisch nur einer zu sehen. Dafür einer der depressiven Sorte. Erstaunlich missvergnügt schlurft dieser Revolutionsführer (Hartmut Schories) in seiner roten Jacke über die leere Bühne. Seine zotigen Anspielungen: gestrichen. Stattdessen schwermütiges Sinnieren über die Liebe, das Leben, den Tod. Ein Sinnieren, zu dem eine beklommene Ehefrau Julie (Eva Maria Pichler) die Stichworte liefert, während ein gelangweilter Hérault-Séchelles (Eike Jon Ahrens) mit Spielkarten jongliert. Keine ungezwugnene Casino-Atmosphäre, keine Schlüpfrigkeiten: vielleicht, weil es sich schlecht scherzen lässt, wenn über dem eigenen Kopf bedrohlich ein zweiter Bühnenboden schwebt (Bühne: Maren Greinke).

Dabei ist Georges Danton bei Büchner eigentlich der lebensfreudige Gegenentwurf zum Tugendbolzen Robespierre. Einer, der das Erreichte genießt, statt über das noch zu Erreichende zu mäkeln. In Oldenburg aber scheint es, als knüpfe eben dieser Robespierre (Bernhard Hackmann) mit seiner Rede vor dem Jakobinerclub nahtlos an die verdrießlich introvertierte Grübelei seines Kontrahenten an.

Bloß, dass er mit seiner dürren Stimme leise Antworten liefert, wo Danton noch mürrisch dröhnende Fragen stellte. Der Schrecken, näselt Robespierre, sei die Waffe der Republik. Die Tugend dagegen: die Kraft der Republik. Tugend, weil ohne sie „der Schrecken verderblich“ sei. Und Schrecken, weil ohne ihn „die Tugend ohnmächtig“ sei. Was für eine raffinierte Dialektik, wie wunderbar nüchtern vorgetragen!

Eigentlich bräuchte Danton sich gar nicht mehr zum Rededuell verabreden, wo er doch selbst seiner Muse Marion (Hanna Franck) nur unter Einhaltung eines züchtigen Abstands gegenübertritt. Auch die Grisette selbst richtet ihren Vortrag über erotische Erfahrungen weniger an den Grantler am Bühnenrand als vielmehr ans Publikum da unten: eine sich lasziv im Sessel räkelnde Blondine, die in der neuen Freiheit des postrevolutionären Staates die Chance zur Selbstvermarktung sieht.

Was also gibt es überhaupt zu besprechen zwischen Danton und Robespierre? Dass mit dem Laster kein Staat zu machen ist? Dass auch der Tugendhafte nicht vor der Lüge gefeit ist? Darüber dürften sich diese beiden Kopfmenschen noch einig werden.

Doch dann ist sie plötzlich da, die sprachlose Anna Steffens. Eilt auf die Bühne, hilft Danton aus dem roten Jackett und wirft sich selbiges um die eigenen Schultern. Hier haben wir ihn also, Danton Nummer zwei: ein nicht nur jüngerer, sondern auch besser gelaunter und ja, natürlich auch weiblicherer Revoluzzer. Und weil in dieser Weiblichkeit auch ein Stück Erotik steckt, bespringt er vor lauter Lasterhaftigkeit sogleich – „jeder handelt seiner Natur gemäß“ – den armen Robespierre. Das erinnert an ähnlich didaktische Lösungen wie Ruth Berghaus‘ Frankfurter Kussszene in den Achtzigern oder einem die Hose runterlassenden Danton in Hamburg vor vier Jahren: Theater mit dem Holzhammer.

Danton, so lautet die Diagnose, ist also von einer gespaltenen Persönlichkeit geprägt. Da ist zum einen der Dialektiker, der für soziale Gerechtigkeit eintritt und der Dekadenz den Kampf ansagt. Da ist zum anderen aber auch der Genießer, der ein bisschen soziale Ungerechtigkeit nicht so schlimm findet, wenn sie nur zu den eigenen Gunsten ausfällt. Verstand und Gefühl, Tugend und Laster, Kopf und Bauch: Kein abwegiges Porträt, das uns dieser Holzhammer zusammenzimmert. Und weil Bernhard Hackmann auf der anderen Seite Robespierres Rhetorik ganz wunderbar als Ausdruck zwanghaften Vernunftsdenkens kennzeichnet, enthüllt sich hier auf schlüssige Weise die Grundstruktur der Tragödie. Wohlgemerkt: für diesen einen Moment. Es soll der einzige bleiben.

Denn was K.D. Schmidt aus diesem psychologischen Fundament eines politischen Dramas entwickelt, ist eine Symbiose von vager Metaphorik und unentschlossener Dramaturgie. Wann der schwebende Bühnenboden in welche Richtung kippt und was damit genau ins Rutschen gerät – die Freiheit, die Tugend oder vielleicht doch die eigene Inszenierung –, das lässt sich beim besten Willen nicht ergründen. Wozu der innerlich zerrissene Danton um alles in der Welt auch noch einen dritten Interpreten (Henner Momann) braucht und für dieses Bäumchen-Wechsle-Dich ausgerechnet ein albernes Jäckchen herhalten muss: Es darf gerätselt werden.

Dass die Darsteller vielfach verloren wirken, ist dieser Wirrnis, aber auch den besonderen Umständen dieses Abends geschuldet. Der Stimmausfall einer Akteurin erweist sich als gewichtiges Problem, auch wenn Anna Steffens sich tapfer in Pantomime übt. An den konzeptionellen Schwachpunkten der Inszenierung ändert das jedoch nichts.

Wie sich psychische Disposition auf das Austarieren von Freiheit und Gleichheit auswirkt, wie sich Persönlichkeit in Politik spiegelt, wie aus Individualität Staat werden kann: Eine einzige Szene genügt, um diese Fragen aufblitzen zu lassen. Man hätte sich auch Antworten gewünscht.

Weitere Vorstellungen: heute sowie am 7. und 26. April, jeweils um 19.30 Uhr im Staatstheater Oldenburg, Großes Haus.

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