Bremer Literaturfestival „Poetry On The Road“ feiert 20. Auflage

Hohe Dichterdichte

Liu Xia ist zu Gast bei „Poetry On The Road“. Foto: Privat

Bremen - Von Rolf Stein. Angefangen hat „Poetry On The Road“ ganz unspektakulär: mit einer Reihe von Lesungen in der Mensa der Bremer Hochschule. „Die Studenten sollten nicht nur Maschinenbau oder Soziale Arbeit studieren, sondern ihren Horizont erweitern“, erzählt Regina Dyck, seit Beginn Direktorin des Literaturfestivals. Die Hochschule, der Goethebund und Radio Bremen hoben dann vor etwas mehr als 20 Jahren „Poetry On The Road“ aus der Taufe, das erste Poetryfestival in Deutschland. „Noch vor Berlin“, betont Dyck nicht ohne Stolz.

Heute ist „Poetry On The Road“ bei Dichtern wie beim Publikum eine etablierte Adresse. Aus 65 Ländern kamen über die Jahre ingesamt mehr als 600 Autoren nach Bremen, darunter immer wieder große Namen wie Wolf Biermann, Wolf Wondratschek, Herta Müller, Cees Nooteboom und Hans Magnus Enzensberger. Das Publikum honoriert das Programm seinerseits durch zahlreiches Erscheinen: Die traditionelle Eröffnung am Theater Bremen, bei der in aller Regel sämtliche Poeten des Festivals auftreten, ist regelmäßig ausverkauft.

An die Anfänge erinnert sich Dyck durchaus mit einem Schmunzeln. Über private Kontakte war sie damals an die Visitenkarte von Martin Mooij, Festivalleiter von „Poetry International“ in Rotterdam, gekommen. „Wir dachten, wir rufen da einfach mal an.“ Kontakt zu den Poeten nahmen sie und Silke Behl, mit der sie in den ersten Jahren das Festival organisierte, ganz klassisch per Post auf. „Ich weiß noch, dass ich Sarah Kirsch einen Brief geschrieben habe. Drei Wochen später kam die Antwort. Ein paar Postkarten oder Briefe gingen noch hin und her, dann waren die Dichter da. Heute schreibt man sich manchmal Hunderte von Mails.“

Mit 19 Autoren, von denen einer absagte, ging „Poetry On The Road“ 1999 an drei Orten und einer „Kulturbahn“ in die erste Runde, einer Straßenbahn, mit der alle Poeten durch Bremen fuhren, um an verschiedenen Orten in der Stadt auszusteigen und zu lesen. „An der Domsheide stand der niederländische Poet Jaap Blonk mit einem riesigen Megafon und hat unglaubliche Gedichte zum Besten gegeben“, erinnert sich Dyck.

Radio-Bremen-Redakteurin Esther Willbrandt, die in diesem Jahr zum ersten Mal beteiligt ist, erinnert sich, dass sie 2007 als Kulturreporterin zu „Poetry On The Road“ kam. „Ich weiß noch, wie ich zur Eröffnung ging und dachte: Naja, Lyrik halt – und dann standen da Leute mit Schildern: Suche Karte! Da krieg ich jetzt noch Gänsehaut.“ Die große Nachfrage sorgte dafür, dass es mittlerweile vor der Eröffnung eine Voreröffnung und schließlich eine Vorvoreröffnung gibt.

Weshalb „Poetry On The Road“ bereits heute Abend beginnt, mit einem Poetry Slam im Wallsaal der Bremer Zentralbibliothek. Morgen folgt der „Prelaunch II“ am gleichen Ort, bevor am Freitag die große Eröffnungsgala im Theater am Goetheplatz über die Bühne geht, die in den ersten Jahren noch bequem ins Kleine Haus nebenan gepasst hatte. Ein Erfolg der keineswegs selbstverständlich ist. Ein Bremer Germanist sagte einmal, in Deutschland werde es immer mehr Menschen geben, die Gedichte schreiben, als Menschen, die Gedichte lesen. Regina Dyck kann das bestätigen. Dass vor fünf Jahren zur Eröffnung der 15. Ausgabe, die erstmals im Theater am Goetheplatz gefeiert wurde, 200 Leute draußen bleiben mussten, erstaunt auch die Festivalmacherinnen. „Es ist ein Phänomen“, sagt Willbrandt. „Aber wir freuen uns natürlich.“

Dass es auch in diesem Jahr eng werden dürfte im Theater am Goetheplatz, ist anzunehmen. Literaturnobelpreisträger stehen zwar keine auf dem Programm, aber viele spannende Namen wie die chinesische Künstlerin Liu Xia, Witwe des 2017 gestorbenen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, die russische Literatin Maria Stepanova oder die dänische Performerin Madame Nielsen.

Prelaunch:

Poetry-Slam Gala, 19 Uhr, Wallsaal, Zentralbibliothek Bremen; alle Termine im Internet: www.poetry-on-the-road.com

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