Pianist im Norden unterwegs

Jan Lisiecki: „Höre selten Musik zum Vergnügen“

+
Jan Lisiecki.

Bremen/Hannover - Von Jörg Worat. Auch bei Klassikkonzerten dominiert inzwischen nicht selten die Show. Das hat der Pianist Jan Lisiecki nicht nötig: Der in Kanada als Sohn polnischer Eltern geborene Pianist bringt auch ohne große Gesten viel Emotion rüber – zahlreiche Auszeichnungen beweisen, dass er damit richtig liegt.

Nun tritt er mit dem Orpheus Chamber Orchestra auf. Im Interview spricht er über Komponisten, Füllfederhalter und die Stille. Übrigens: Der Name spricht sich „Lischetzki“ aus.

Sie werden in Bremen und Hannover Mendelssohn spielen, dessen Musik Sie als „einzigartig“ beschrieben haben. Was macht dieses Unvergleichliche aus?

An Mendelssohns Musik liebe ich seine einzigartige Sprache, die Tatsache, dass er nicht vor Leichtigkeit zurückscheut. Einige würden wohl sagen, dass seine Musik durchgängig heiter ist, wahrscheinlich wird sie aus diesem Grund manchmal als unernst verkannt. Er war aber ein Komponist von unglaublichem Tiefgang, und man kann seine Kompositionen für Klavier oder für andere Instrumente schwerlich mit anderen Komponisten vergleichen. Hinsichtlich der Beschaffenheit vielleicht am ehesten noch mit Mozart, bei dem auch gerade die Einfachheit die Musik so ausdrucksstark macht. Es ist ein verblüffender Balanceakt, und die Simplizität entfesselt eine Kraft, die man anders vielleicht nicht entschlüsseln könnte.

Von Mendelssohn zu Beethoven: Gerade ist Ihre Einspielung aller Klavierkonzerte erschienen. Die sind sehr unterschiedlich, und doch klingen sie bei Ihnen höchst organisch.

Beethovens Klavierkonzerte nehmen den Hörer mit auf eine Reise, sie veranschaulichen seine Veränderung und Entwicklung als Komponist auf so wunderbar kompakte Art – vom Zweiten, fast mozartisch anmutenden über das, wie ich finde, kühnste und forschendste Vierte, bis hin zu dem Beethoven, den wir von vielen Symphonien kennen und lieben und der sich im Fünften zeigt, diesem letzten Konzert, das so gewaltig und voller Klangreichtum ist. Ich schätze besonders, wie diese einzelnen Konzerte sich ebenso ergänzen wie sie für sich allein stehen, im Konzertzyklus und als Aufnahme, was ich hoffentlich auf meinem neuesten Album darlegen kann.

Wie ist Ihre Beziehung zu Bach?

Bach beweist eindrücklich, wie ausdrucksstark Klarheit und elegante Geradlinigkeit sein können, wie sie in die dunkelsten und entlegensten Winkel des Herzens und der Seele vorzudringen vermögen, auch wenn seine Musik natürlich alles andere als einfach ist. Seine Musik ist für mich in vielerlei Hinsicht Grundlage der klassischen Klaviermusik und dient zugleich als Inspiration für die Interpretation anderer Komponisten – denn wenn man einmal Bach gespielt hat, wird einem klar, wie wenig es eigentlich braucht, um das Klavier und die Musik zum Sprechen zu bringen. Wenn man dann zu den romantischen Komponisten zurückkehrt, stellt sich schnell die Frage: „Wie viel sollte ich hier interpretativ hinzufügen, und wie romantisch ist die Musik bereits für sich?“

Ihnen scheint die intellektuelle Durchdringung der Musik besonders wichtig zu sein, ohne dass natürlich darüber die Emotion verloren ginge. Haben Sie auch, wie Rudolf Buchbinder, mehr als 30 verschiedene Ausgaben der Beethoven-Sonaten zu Hause?

Ich glaube, da braucht es immer Ausgewogenheit: Musik kann man einerseits als etwas begreifen, das analysiert und intellektuell durchdrungen werden muss, und dann wiederum als einen kreativen Prozess – denn am Ende ist Musik Kunst. Und wie bei jeder Kunstgattung gibt es Regeln, bestimmte Traditionen, bestimmte Parameter, die sich bewährt haben – ganz wie in der Malerei oder Fotografie. Auf der anderen Seite muss man Grenzen auch manchmal sprengen, und das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen ist, was die Interpretation des Einzelnen so persönlich macht. Ich besitze keine 30 Ausgaben eines bestimmten Werkes, und obwohl ich mich eindringlich mit der ursprünglichen Intention des Komponisten beschäftige und auch die Kollegen sehr bewundere, die die verschiedenen Versionen studieren, so habe ich doch den Eindruck, dass dies im Moment der Aufführung nicht unbedingt vorrangige Bedeutung hat, sondern eine untergeordnete Rolle einnimmt. Wieder einmal gilt es hier also, das Gleichgewicht zu finden.

Sie spielen live sehr konzentriert – die große Show ist nicht Ihre Sache. Möchten Sie nicht doch manchmal am liebsten den Rockstar in sich heraushängen lassen?

Ich glaube fest daran, dass man sich auf der Bühne so präsentieren sollte wie im Leben abseits der Bühne auch. Wenn man ein großer Entertainer ist und das dem eigenen Charakter und der Persönlichkeit entspricht, dann bitte, unbedingt! Ich bin im „wirklichen“ Leben jemand, der sicherlich Freude an dem findet, was er tut, aber ich mache es im Dienste der Musik, weil ich diese mit meinem Publikum teilen möchte, und nichts weiter. Ich bin Traditionalist, liebe zum Beispiel Füllfederhalter, gedruckte Bücher, Postämter, Züge und so weiter. Ich denke, das überträgt sich auf die Bühne. Wenn man sich die großen Meister ansieht, Arthur Rubinstein beispielsweise, diese Haltung, Würde, die Raffinesse und Konzentration – das nimmt der Musik doch nichts weg. Ich würde im Gegenteil eher sagen, dass es den Blick aufs Wesentliche lenkt.

Hören Sie privat Musik aus dem Rock-Genre? Oder Jazz? Oder Folklore?

Ich höre tatsächlich selten Musik zum Vergnügen, weil ich so oft von ihr umgeben bin. Ich kann die Stille und die Geräusche des täglichen Lebens sehr gut genießen. Ich bin aber offen für verschiedene Genres – sei es Popmusik, die im Radio spielt, ich höre auch gerne Jazz, und natürlich klassische Musik, sowohl im Konzert und auf Aufnahmen. Ich mag gerne Pink Floyd und King Crimson und alle möglichen anderen Bands, mit denen ich zuhause aufgewachsen bin. Ich halte es für sehr wichtig, mit der Welt um sich herum in Fühlung zu stehen, und nicht entrückt in einer Blase zu leben.

Hören

Mittwoch, 20 Uhr, Elbphilharmonie, Hamburg;

Donnerstag, 20 Uhr, Glocke, Bremen;

Samstag, 20 Uhr, Elbphilharmonie, Hamburg;

Sonntag, 20 Uhr, Kuppelsaal, Hannover

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Meistgelesene Artikel

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

Keine Sonne, keine Pinguine

Keine Sonne, keine Pinguine

Reiche Küste

Reiche Küste

Kommentare