„In einem Jahr mit 13 Monden“: Alice Buddeberg bringt Rainer Werner Fassbinders Filmklassiker auf die Bühne

In der Hölle sitzen nur die Schweinchen

Körperlich vervierfacht, aber geistig halbiert: Fassbinders Schwester Gudrun ist in Bremen ein Quartett. Rechts staunen Elvira ( Alexander Swoboda) und Zora ( Franziska Schubert) über die wundersame Vermehrung. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier Nachdem ihn sein Geliebter verlassen hatte, setzte sich Armin Meier in die Küche, trank eine Flasche Wodka, schluckte Tabletten und wartete auf den Tod. Es war das Jahr 1978, es war ein Jahr mit 13 Neumonden, und Meiers Geliebter hieß Rainer Werner Fassbinder.

-In einem Jahr mit 13 Monden, so sollte Fassbinder das Ereignis später erklären, komme es nun mal oft zu „unabwendbaren persönlichen Katastrophen“. Der knappen Analyse folgte ein Film, der Film ist längst Legende, und wie so oft bei Legenden, ließen die Bühnenadaptionen nicht lange auf sich warten. In Bremen hat sich jetzt Alice Buddeberg an eine Neubesichtigung des Filmstoffs gewagt. Der Erkenntnisgewinn bleibt überschaubar.

Alexander Swoboda ist die Transsexuelle Elvira Weishaupt: eine liebessüchtige und zugleich ablehnungserprobte Figur, ein Opfer der Verhältnisse. Ihr Leben ist ein schmaler Grat und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn nicht mehr als eine etwa zwei Meter breite Fläche bleibt zwischen der Rampe und einer rostbraunen, bühnenhohen Rückwand (Bühne: Sandra Rosenstiel): eine erdrückende, eine förmlich zerquetschende Enge für Elvira. Erst trampeln hier die Strichjungen über sie hinweg, weil sie ja „keinen Schwanz“ mehr habe, vielmehr eine „Fotze“ sei. Dann folgt die Demütigung durch ihren Geliebten, den Schauspieler Christoph (Thomas Hatzmann). Nach Jahren des gemeinsamen Lebens fühlt dieser sich von ihr nunmehr angewidert, ein „Ding“ sei sie doch bloß. Noch schlimmer: „Gammelfleisch.“

Das alles wäre schockierend, ließen diese Charaktere nur Raum für Authentizität. Doch während Swoboda eine Elvira jenseits aller Stereotypen gibt, scheint das übrige Personal der Klischeekiste entsprungen zu sein. Der egozentrische Schauspieler: ein schmieriger Yuppie in feinem Zwirn. Elviras Freundin Zora (Franziska Schubert): ein liebes, süßes Ding mit großen Augen. Der Immobilienhai Anton Saitz (Jan Byl): ein aggressiver Mafioso.

Das ist so lange annehmbar, wie das Stück sich auf die Zustandsbeschreibung seiner Hauptfigur beschränkt. Seine Kraft bezieht es jedoch nicht aus der Beschreibung der Verhältnisse, sondern vielmehr aus deren Begründung: aus Elviras rückblickender Aufarbeitung ihres Lebens. Und hier wird Buddebergs Hang zum klischeehaften Regieeinfall schon bald schwer erträglich.

Das gilt etwa für die großartige Kreuzgang-Szene. Im Film sucht Elvira hier eine Nonne auf: Schwester Gudrun, die sie noch unter dem Namen Erwin kennt. Als uneheliches Kind von seiner Mutter verstoßen, war Erwin nämlich gleich nach der Geburt im Waisenhaus gelandet. Hier liegen seine Wurzeln, hier müssen sie sich doch erinnern an seine Geschichte, müssen ihm doch erklären können, warum ihm in dieser Welt die Liebe versagt bleibt – und müssen ihm Auskunft geben, ob etwa der Herrgott selbst dieses Leben so gewollt hat. Und Schwester Gudrun, bei Fassbinder eine lebenskluge Frau von intellektuellem Format, gibt eine überraschend undogmatische Antwort. Gott sei niemals Schuld am Unglück der Menschen, eher schon gelte es, eine andere Möglichkeit in Erwägung zu ziehen: dass es ihn gar nicht gibt.

Das ist großes Kino, passt aber so gar nicht ins Bild einer rückständigen Geistlichkeit. Weshalb Buddeberg sich bemüßigt sieht, Schwester Gudrun in einen vierköpfigen Chor aufzuteilen. Da glotzen sie jetzt allesamt albern aus ihren Nonnenkostümen, falten die Hände frömmelnd zum Gebet und krächzen – so sind sie, diese Alten – ihren Text. Die Atheismusthese schrumpft zu einem Freudschen Versprecher, da sieht man‘s mal wieder: Eigentlich glauben die im Kloster selbst nicht dran. Ganz schön arm.

Wenn Elvira bei Fassbinder eine Schlachterei besucht, wenn dort Blutfontänen aus Kuhhälsen spritzen, während Metzgermesser langsam das Fell abziehen, und wenn Elvira in dieser ganz normalen Hölle unserer Konsumgesellschaft mit ihrer gescheiterten Beziehung gedanklich abschließt: Dann sitzen im Bremer Schauspielhaus fünf Schauspieler mit Schweinchenmaske auf dem Boden. An Fassbinder mag man da nicht mehr denken.

Andererseits. Wenn bei Buddeberg dieses Schlachthaus sichtbar wird, weil irgendwann die bühnenhohe Mauer zur Hälfte wegkippt, dann zeigt sich: Es war schon immer da, nur versteckt – der Tod als doppelter Boden in Elviras beengtem Leben. Immerhin ein überzeugender Ansatz.

Am Ende ist es Alexander Swoboda zu verdanken, dass trotz all der konzeptionellen Fragwürdigkeiten so etwas wie eine Erschütterung übrig bleibt. Elviras Schicksal berührt nicht wegen erlittenen Unrechts oder gesellschaftlicher Missstände, sondern einzig und allein wegen der klischeefreien Darstellung eines hoffenden und leidenden Menschen. Manchmal scheint Theater ganz einfach.

Weitere Vorstellungen: morgen um 18.30 Uhr sowie am 20. und 29. April, jeweils um 20 Uhr im Neuen Schauspielhaus.

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