Von der Läuterung des herzlosen Mannes: Oldenburgisches Staatstheater zeigt „Die Weihnachten des Mr. Scrooge“ nach Charles Dickens

Höheres Gehalt? Warum denn?

Weihnachten? Nicht mit ihm: Ebenezer Scrooge (Thomas Lichtenstein) mag keine Besinnlichkeit.
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Weihnachten? Nicht mit ihm: Ebenezer Scrooge (Thomas Lichtenstein) mag keine Besinnlichkeit.

Oldenburg - Von Corinna Laubach. Grimmig, geizig, gemein. Ebenezer Scrooge ist ein ausgemachtes Ekel. Weihnachten? Für den gierigen Geschäftsmann ist dies reiner Humbug. Firlefanz. Wertlose Zeit.

In seiner (einsamen) Welt dreht sich alles nur um Geld, Profit und Arbeit. Da, wo andere Menschen ein Herz besitzen, herrscht bei Scrooge nur Leere. Dem armen Buchhalter Crachit ein höheres Gehalt zahlen? Warum denn? Soll er doch froh sein, einen Job zu haben. Den Armen etwas spenden? Sollten die doch lieber sterben und nicht zur Last fallen, so die harsche Antwort an die zwei Damen vom Spendenkommitee. Wutschnaubend machen sie kehrt in seinem Büro. „Man sieht sich immer zwei Mal im Leben“, so die beiden, die jemandem wie Ebenezer Scrooge (brillant: Thomas Lichtenstein) nicht einmal einen schönen Tag, geschweige denn fröhliche Weihnachten wünschen brauchen.

Und so erfreuen sich alle an bunten Lämpchen, Tannenbäumen und Bratenduft im winterlichen London (wunderbare Kulisse aus Pappe: Uta Materne) außer Scrooge. Doch soll sich dies in der Nacht zu diesem Weihnachtsfest ändern, so lässt mit Charme, (Zauber)Schirm und Melone Charles Dickens als launiger Erzähler (Sebastian Herrmann) das gebannt schauende Publikum wissen. Kaum im Ohrensessel Platz genommen, öffnet sich die Bodenluke und Jacob Marley (René Schack) entsteigt seinem Grab. So furchteinflößend und Kettenrasselnd, dass ein Schauer durch die Reihen geht. Scrooge selber schwankt zwischen Angst und Fassungslosigkeit, beides ihm vollkommen ungewohnte Gefühle. Jacob Marleys Heimsuchung prophezeit Scrooge nichts Gutes – es sei denn, Letzterer nehme die Botschaft ernst. Scrooge erlebt daraufhin eine Nacht, die er niemals vergessen wird. Die Geister der vergangenen, heutigen und zukünftigen Weihnacht rütteln den alten Mann kräftig durch und legen das frei, was längst vergessen schien: ein mildes, liebendes Herz.

Er wird mit verdrängten Gefühlen, Einsamkeit als Kind zur Weihnachtszeit, seine erste Liebe Belle („Renn‘ ihr hinterher, du Idiot“) konfrontiert und kann doch nichts korrigieren. Er blickt auf die Gegenwart und hört, wie sein Neffe ihn verspottet und sieht, wie sein Buchhalter Crachit (Rüdiger Hauffe) in ärmlichsten Verhältnissen, mit todkrankem Kind, aber glücklich Weihnachten verbringt.

Scrooge versteht die Botschaften und ist geläutert – nicht zuletzt, als der dritte Geist ihn in die zukünftige Weihnacht auf einen düsteren Friedhof entführt. Hier wird der herzlose Mann zu Grabe getragen. Niemand, der ihn beweint. Es sei denn, er nutzt die letzte Chance zur Wende in seinem Leben. Rückt das Geld in den Hintergrund und schafft Platz für Wärme, Nähe, Zeit. Wesentliches, das mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist. Ebenezer Scrooge nimmt die Geister ernst, und erstmals in seinem Leben verschwinden die grimmigen Züge aus dem Gesicht: Es ist Platz für Freude und Lachen.

Krystyn Tuschhoff (Regie) und Matthias Grön (Dramaturgie) haben mit Charles Dickens Klassiker „Die Weihnachten des Mr. Scrooge“ ein Kleinod auf die Bühne des Staatstheaters gezaubert. Durch und durch herzerwärmend, ohne einen Anflug von Kitsch. Das Familienstück (ab acht Jahre) ist bis in den letzten Winkel der urigen Pappkulissen liebevoll bedacht. In 100 unterhaltsamen Minuten entfacht der Abend eine wunderbare Magie und zeigt, was Theater kann. Das Ensemble glänzt in dieser überzeugenden Fassung, die auf brillante Charaktere, launige Musik und flotten Schlagabtausch setzt.

Nächste Nachmittagsvorstellungen am 18. November um 18 Uhr, 8. und 15. Dezember um 15 Uhr im Staatstheater Oldenburg.

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