Hannover zeigt „Figaro“ ohne Musik als erstklassiges Entertainment

Hochzeit auf Hochtouren

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Das Thema Machtmissbrauch läuft eher im Hintergrund. Szene mit: Seyneb Saleh (v. l.), Nils Rovira-Muñoz und Philippe Goos.

Hannover - Von Jörg Worat. Das Niveau von Unterhaltungsstücken auf städtischen Bühnen ist im Lauf der Zeit zweifellos gestiegen. Vor diesem Hintergrund bekommt erstklassiges Entertainment einen besonderen Stellenwert, und erstklassiger als das, was das hannoversche Schauspiel im Ballhof bei „Figaros Hochzeit“ – nicht die Oper, sondern die Komödie von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais – diesbezüglich anbietet, geht‘s wirklich kaum. Und doch lautet die große Frage des Abends: Darf man dem Amüsement die ernsthaften Elemente des Stoffs opfern? Auch oder vielleicht sogar gerade, wenn es sich um eine Veranstaltung des „Jungen Schauspiels“ handelt? Wobei sich wie üblich Vertreter diverser Altersstufen zur Premiere eingefunden hatten.

Der Inhalt: Auslöser für die wilde Jagd ist die Wankelmütigkeit des Grafen Almaviva. Zwar hat er selbst einst großmütig das „Recht der ersten Nacht“ abgeschafft, bedauert diesen Entschluss aber im Zuge der anstehenden Hochzeit zwischen seinem Kammerdiener Figaro und Susanne, Zofe der Gräfin. Als seine entsprechenden Gelüste deutlich werden, sorgt das verbreitet für Unbehagen. Der Adel schneidet hier also nicht sonderlich gut ab, und der Weg zur Uraufführung im Jahr 1784 war dank der Proteste von Ludwig XVI. ein steiniger. Nachvollziehbar, immerhin gibt es Sätze wie Figaros Beurteilung des Grafen: „Adel, Vermögen, Rang, Würden, all das macht so stolz! Und was haben Sie dafür geleistet? Sie haben sich die Mühe genommen, geboren zu werden, weiter nichts.“

Die Thematik des Machtmissbrauchs lässt Regisseur András Dömötör zwar nicht außer Acht, sie läuft aber eher im Hintergrund mit. Es ist vor allem dem Sinn für Pointen geschuldet, dass der Graf mit aller Kraft lächerlich gemacht wird, sogar von Souffleuse Tanja Kleine, die sich in einem ausführlichen Geplänkel zwar ein „Halt die Fresse!“ anhören muss, später aber mit „Wisch dir den Mund ab!“ kontert. Übrigens ist Kleine ausgebildete Schauspielerin – kein Wunder daher, dass ihre darstellerische Leistung gegenüber den Kollegen nicht abfällt.

Und das heißt gerade hier eine Menge, weil das Geschehen im Bühnenbild einer begehbaren Krone nicht nur körperliche Fitness erfordert, sondern zugleich den Blick für die punktgenau platzierte Beiläufigkeit – ein schönes Beispiel dafür ist die je nach Befinden wechselnde Körperhaltung von Seyneb Saleh als Susanne, die eben noch, teils im Spagat, herumwütet, um gleich darauf wieder einen dieser demütigen Hofknickse anzudeuten. Und gern blenden sich die Akteure aus dem direkten Geschehen aus, um dem Publikum nach entsprechender Wendung des Kopfes auf die Schnelle ihre Gefühle mitzuteilen („Mich juckt‘s in den Fingern!“ oder „Ich brauche eine List!“). Diese Bewegung wird von einem „Wusch“-Geräusch begleitet, und überhaupt hätte jeder Stummfilm-Geräuschemacher Freude an dieser Inszenierung. Der musikalische Leiter László Bakk-Dávid hat sich zudem perkussive Patterns ausgedacht, die gern eher unterschwellig zum Einsatz kommen.

Machtmissbrauch: Kaspar Locher (o.) und Philippe Goos.

Besonders gut beherrscht die obengenannten Anforderungen Philippe Goos, der die Titelfigur mit seinem typisch jungenhaften Charme spielt und bei dem es nicht peinlich wird, wenn er plötzlich im ersten Rang auftaucht, durchs Publikum wandert und einzelne Besucher nach ihrem Namen fragt: „Sönke, schön, dass du kommen konntest ...“ Kaspar Locher gibt den Almaviva zwar oft poltrig und lässt ihn überwiegend höchst unsympathisch erscheinen, bemüht sich aber nach Kräften, aus der Rolle doch mehr zu machen als lediglich eine platte Karikatur. Auch er demonstriert die Kunst des blitzartigen Umschaltens perfekt.

Der Abend ist derart hochtourig, dass er dringend um eine Viertelstunde gekürzt werden sollte – bei Dauerfeuer zünden irgendwann auch die guten Pointen nicht mehr. Aber wie gesagt: Wer echtes Komödiantentum erleben will, ist hier hundertprozentig an der richtigen Adresse. Wenngleich er den Ballhof womöglich mit dem Gefühl verlässt, dass etwas gefehlt hat.

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