Clara Schumann zum 200. Geburtstag: Das beeindruckende Vermächtnis einer Powerfrau

Hochbegabt unter Männern

Clara Schumanns erstes Konzert in St. Petersburg – natürlich nur als Hologramm. Foto: epd

Syke - Von Michael Pitz-grewenig. Am 19. März 1981 beschloss der Zentralbankrat der Bundesrepublik Deutschland die Ausgabe einer neuen Banknotenserie. Auf den Scheinen sollten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte zu sehen sein. Und so kam es, dass Clara Schumann (1819 bis 1896) auf dem 100-DM-Schein erschien, auf der Rückseite ihr Flügel aus dem Jahr 1838 und eine Stimmgabel. Mit der Einführung des Euro war es mit der Abbildung von Persönlichkeiten vorbei. Heute zieren Baustile verschiedener Epochen die Scheine. Aber Clara Schumann ist nicht vergessen. Heute feiert die Musikwelt ihren 200. Geburtstag.

Wunderkind, Klaviervirtuosin, Komponistin, Ehefrau, Mutter von acht Kindern, umworben von zahlreichen Männern, darunter Johannes Brahms, Professorin und berufstätig fast bis zu ihrem Tod mit 76 Jahren – das alles war Clara Schumann.

Gedenkjahre für Musiker, wenn sie grundsätzlich als notwendig anerkannt sind, haben vielerlei Zwecke. Vor- und Fehlurteilurteile sollen beispielsweise aus dem Weg geräumt werden. Nun gäbe es gerade bei der Powerfrau Clara Schumann, geborene Wieck, noch eine Menge aufzuarbeiten. Dringend müsste auch einmal der Blickwinkel geändert werden. Symptomatisch ist eine männlich dominierte Sicht: Was wäre, wenn Clara Schumann ihren Ehegatten Robert Schumann (1810 bis 1856) in seinen künstlerischen Höhenflügen behindert hätte? Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wahrscheinlich konnte Robert Schumann nur so komponieren, weil Clara ihn vorbehaltlos unterstützte. Die Frage sei deshalb erlaubt, was gewesen wäre, wenn Robert Schumann seine Frau mehr gefördert hätte? Komponierende Frauen hatten es ja nicht leicht. Noch Gustav Mahler (1860 bis 1911) sah es nicht gerne, wenn seine Frau Alma (1879 bis 1964) komponierte. Gleichwohl zählt Clara Schumann zu den bedeutendsten Pianistinnen ihrer Zeit.

Keine andere Künstlerin des 19. Jahrhunderts hat das romantische Konzertleben so beeinflusst wie die in Leipzig geborene Pianistin. Schon 1838, da war sie gerade einmal 19 Jahre alt, erschien im „Universal-Lexikon der Tonkunst“ von Gustav Schilling ein Artikel über Schumann, die damals noch Clara Wieck hieß. Dort wird bereits hervorgehoben, dass sie komponiert. Vor allem betont der Lexikoneintrag, dass sie in allen verschiedenen Stilen spielen kann.

Als eine von wenigen Pianistinnen ihrer Zeit setzt sie schon Bach und Scarlatti auf ihre Programme. Bereits mit dem prominenten Lexikon-Eintrag fängt also zumindest so etwas an wie eine konkrete Clara-Wieck-, beziehungsweise bald Clara-Schumann-Rezeption. Aus dem „Wunderkind“ entwickelt sie sich schnell zu einer Klaviervirtuosin, die in ganz Europa gefeiert wird. Bis ins hohe Alter ist sie eine der prägendsten und erfolgreichsten Künstlerinnen ihrer Generation.

Dabei sind die Anfänge nicht einfach. Der Vater ist strikt gegen die Verbindung mit Robert Schumann. 1840 können sie dann endlich heiraten, doch die Ehe dauert nicht lange. 1854 lässt sich Robert Schumann in die „Anstalt für Behandlung und Pflege von Gemütskranken und Irren“ in Bonn-Endenich einliefern, wo er 1856 stirbt. Clara Schumanns 50-jähriges Bühnenjubiläum im Jahr 1878 nimmt man am neu gegründeten Dr. Hoch‘schen Konservatorium in Frankfurt am Main zum Anlass, alle ihre Werke aufzuführen und ihr eine Professur für Klavier anzutragen. Sie ist damit die erste Frau, der diese Ehre in einer von Männern dominierten Welt zuteil wird.

Neben ihren Konzertreisen, die sie durch ganz Europa führen, steht Schumann in regem Kontakt mit Literaten, Malern und Musikern. Der umfangreiche Briefwechsel von Clara und Robert Schumann mit Freunden, Verwandten, geschäftlichen Kontakten und Musikern wird gerade herausgegeben. Und man fragt sich: Wie um alles in der Welt hat diese Frau das geschafft? 20 000 (!) Briefe sind erhalten, die in rund 29 Bänden erscheinen sollen. Und vielleicht gibt es dabei auch Erhellendes über das Verhältnis von Clara Schumann zu Johannes Brahms zu lesen, auch wenn, wie man weiß, hier viele Briefe vernichtet wurden. Der Grund: Beide wussten um die zahlreichen Gerüchte, die schon damals im Umlauf waren.

Letztendlich zählt Schumann zu den Frauen, die hochbegabt an einer von Männern dominierten Welt zu leiden hatten. Wie Fanny Mendelssohn (1805 bis 1847), Annette von Droste-Hülshof (1797 bis 1848) oder Wissenschaftlerinnen wie Lise Meitner (1878 bis 1968) oder die „Sonnenkönigin“ Maria Telkes (1900 bis 1995), die sich frühzeitig mit Solarenergie befasste und die erste solargetriebene Heizung erfand.

Zurück zur Kunst: Zum 200. Geburtstag Clara Schumanns gibt es etliche Tonträger, Symposien und Festivals. Spannend ist dabei das Musiktheater „Casting – Ein Blütenkranz für Clara Schumann“, das noch bis zum 20. September an der Neuköllner Oper in Berlin zu sehen ist. Lesenswert ist die Biografie „Clara Schumann – Ein Leben für die Musik“ von Irmgard Knechtges-Obrecht (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt). Und auch die Weinfreunde kommen nicht zu kurz: Pünktlich zum Jubiläum wurde vom Schumann-Netzwerk und einem Weinhaus der Perlwein „Clara“ komponiert. Was wohl Robert dazu gesagt hätte?

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