Lachen ist kein Wagnis mehr: George Taboris „Mein Kampf“ im Brauhauskeller am Theater Bremen

Hitler ohne das Böse

Neue Frisur für die neue Karriere: Schlomo Herzl ( Guido Gallmann) bereitet Adolf Hitler ( Philipp Michael Börner) auf die politische Laufbahn vor. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Drei Tage nach der Premiere von Ibsens „Ein Volksfeind“ wirkt die Aufführung von Taboris Farce „Mein Kampf“ wie eine moralische Verpflichtung des Bremer Theaters. Schließlich war es Ibsen, den der junge Adolf Hitler einst als Stichwortgeber missbraucht hatte.

Ganze Passagen soll er in seiner Hetzschrift „Mein Kampf“ aus dem „Volksfeind“ abgekupfert haben: Die feinsinnige Kritik an der Demokratie umfunktioniert zu einer rhetorischen Waffe gegen das eigene Volk. Nun also Taboris Farce im Brauhauskeller, gewissermaßen als unmissverständlicher Kontrapunkt zum politisch heiklen Fazit des Ibsen-Dramas.

Inhalt und Absicht des Stückes sind schnell erzählt. Der junge Adolf Hitler, aufstrebender Künstler und bekennender Patriot, findet sich im Winter des Jahres 1910 in einem Wiener Männerasyl ein. Als väterlicher Freund und Helfer erweist sich ausgerechnet der Jude Schlomo Herzl, ein überzeugter Wohltäter.

Doch bei aller Menschenliebe: Es ist kein einfaches Zusammensein mit diesem Kauz aus dem oberösterreichischen Braunau. Immerfort muss er recht behalten, ständig dieser weihevolle Unterton und keine Spur von Humor. Eine Nervensäge. Am Ende rät Herzl dem verhinderten Künstler zur politischen Laufbahn, greift sogar zu Kamm und Schere, um dem struppigen Zausel einen anständigen Seitenscheitel und einen markanten Oberlippenbart zu verpassen – das alles aus reinem Mitleid. Die Folgen sind bekannt.

In Bremen nutzt Martin Baum die beengten Verhältnisse des Brauhauskellers für die Illusion einer kargen Notbehausung mit Schlafpritschen und Gaskocher, hinten schützt nur ein einfacher Vorhang vor der winterlichen Kälte da draußen (Bühne: Martin Baum und Katazyna Podjacki). Schlomo Herzl (Guido Gallmann) ist ein lebenskluger Mann: arm an Geld, aber reich an Gefühlen. Ihm zur Seite steht Lobkowitz (Alexander Swoboda), ein gutmütiger jüdischer Koch mit Hang zum Witzeerzählen.

Und dann natürlich noch: Hitler (Philipp Michael Börner). Man nimmt ihn zu Beginn gar nicht wahr, wie er da mitten im Publikum sitzt. Doch dann hält es ihn beim Hören der jüdischen Scherzereien nicht mehr auf seinem Platz. Erzürnt stürmt er in seiner zünftigen Lederhose die dunkle Behausung: einerseits, um ihren Bewohnern mal zu zeigen, was eine rechte Gesinnung ist, andererseits, weil sich hier die einzige Möglichkeit bietet, in Wien noch ein Dach über dem Kopf zu erhalten.

Und so geht er nun seinen Mitbewohnern gehörig auf die Nerven, empört sich über kleinste Verfehlungen und erklärt seinen unbändigen Hass auf Witze, schließlich sei das Leben „eine ernste Angelegenheit“. Aus dem Kontrast zur bodenständigen Lebensfreude von Herzl und Lobkowitz ergeben sich manche Pointen, alles leidlich unterhaltsam. Und doch kommt dieser Abend zu keiner Zeit über eine konventionelle Hitlerkarikatur hinaus.

Das liegt zunächst an einem nur scheinbar vordergründigen Problem: dem Wetter. Der Brauhauskeller ist am Premierentag auf ein kaum erträgliches Maß aufgeheizt, und doch erwärmen sich auf der Bühne Gestalten in Wintermänteln an einer heißen Hühnersuppe: nicht eben leicht, sich als hitzegeplager Beobachter darin einzufühlen. Wenn dann auch noch Herzls Freundin Gretchen (Varia Linnéa Sjöström) splitternackt über die Bretter tollt, als sei die angeblich so zugige Hütte in Wahrheit eine Sauna, so entspricht das zwar der Regieanweisung des Autors – um die Logik ist es aber nicht zum Besten bestellt.

Dem ungeachtet stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Haltbarkeit dieses Stücks. Es hatte zu Zeiten der Uraufführung (1987) noch als Wagnis gegolten, über Hitler zu lachen. Der Führer als psychisch labiles Muttersöhnchen: Diese Rollenbeschreibung war damals noch ein Tabu, es zu brechen evozierte die befreiende Wirkung des Witzes. Heute, mehr als 20 Jahre und unzählige „Mein Kampf“-Inszenierungen später, ist das Psycho gramm des Diktators längst durch- und ausdiskutiert – seine komischen Facetten inklusive. Kein Tabu mehr und kein Witz, bloß noch kollektives Einverständnis in die Absurdität des Bösen.

Doch selbst damit tut sich dieser Abend schwer. Denn Philipp Michael Börner will es nicht gelingen, eben dieses Böse auch nur im Ansatz aufzuzeigen. Sein Hitler ist ein von Komplexen belasteter Schwärmer, dümmlich und ungefährlich: ausgeschlossen, dass so einer einmal die Massen für sich vereinnahmen könnte. Zu überzeugen vermögen dagegen Guido Gallmann mit seinem Porträt eines Philanthropen und Alexander Swoboda als dessen tragikomischer Kompagnon.

Vielleicht ist es bezeichnend, wenn schließlich eine Puppe am Nachhaltigsten in Erinnerung bleibt. Der Tod – oder besser: „Frau Tod“, eine schauderhafte Sensenfrau (gesprochen von Susanne Schrader), möchte die Witzfigur Hitler ins Jenseits entführen. Doch der künftige Diktator hat gerade keine Zeit: Er sitzt mit Durchfall auf der Toilette.

Weitere Vorstellungen: am 11., 15. und 25. Juni, jeweils um 20.30 Uhr sowie am 13. Juni um 19 Uhr im Brauhauskeller.

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