„Record › Again“: Restauriertes aus der Frühzeit der Videokunst im Oldenburger Edith Russ-Haus

Historische Televisionen

Flatz: Toni, 1981

Von Rainer BeßlingOLDENBURG (Eig. Ber.) · Über die Resonanz auf ihre „Sammelstelle für Alt-Fernseher“ waren die Künstler selbst überrascht.

Begleitend zur „Multimediale 4“ hatte das Quintett Korpys, Löffler, Kaiser, Keller und Lohwieser 1995 neben dem Karlsruher „Zentrum für Kunst und Medientechnologie“ einen roten Container aufgestellt. 476 Fernseher wurden an den fünf Festival-Tagen abgegeben. Das Video, das die Aktion dokumentiert, begrüßt derzeit das Publikum am Eingang des Oldenburger Edith-Russ-Hauses. Der Film flimmert auf einem Gerät, das selbst aus der Sammelaktion zu stammen scheint. Wandert der Besucher weiter, trifft er auf ein Ausstellungsdesign, das insgesamt auf dem Inhalt des roten Containers basieren könnte.

„Record › Again! 40jahrevideokunst.de – Teil 2“ heißt der Titel der Schau in sperriger Titelgebung des Neue-Medien-Betriebs. Doch der Name macht Sinn. Der zweite Teil des von der Bundeskulturstiftung geförderten Projekts zur Videokunst-Chronik widmet sich Material aus den 60er bis 80er Jahren, das aus technischen Gründen von den Ausstellungspodien verschwunden ist. Entweder litten die Bänder unter schweren Lager- oder Abnutzungsspuren oder es fehlten die Geräte, um die Aufnahmen zeigen zu können.

Dem Auffinden, der Aufarbeitung und der Digitalisierung solcher frühen Videodokumente widmet sich im ZKM das „Labor für antiquierte Videosysteme“. Dessen Leiter Christoph Blase ist zugleich Kurator der Ausstellung „Record › Again“, die nach Stationen in Karlsruhe, Aachen und Dresden nun bis zum 16. Mai in Oldenburg gastiert. Blases Autorenschaft verrät sich in der Inszenierung. Alt-Fernseher mit dem Charme des historisch Visionären und eines heimeligen „High-Tech“ spiegeln Gestaltungsvorlieben und das technisch Machbare aus videokünstlerischer Frühzeit. Angesichts der attraktiven Hardware fällt es manchem Besucher vielleicht schwer, sich auf den künstlerischen Kern, das heißt die Bänder, zu konzentrieren. Aber man kann die Sache auch anders wenden: In dieser Videokunst-Ausstellung kommt auch der Design-Fan auf seine Kosten, der historische Angebote mobilen Fernsehgenusses oder Flimmerkisten als futuristische Guck-Kapseln begutachten möchte. Allerdings sollte sich der Besucher bewusst sein: analog sind nur die Monitore.

Als Ouvertüre bietet die Oldenburger Ausstellung eine „Ahnengalerie“ der Videokunst unter anderem mit Beiträgen von Klaus Rinke, Ulrike Rosenbach/Klaus vom Bruch und der großartigen niederländischen Minimalistin des bewegten Bildes Nan Hoover. Direkt gegenüber der Reihe aufgesockelter Klassiker sind Filme zu sehen, die eher als Dokumentationen von Aktionen und Performances zu werten sind. Die Konfrontation wirft ein altes Thema auf: Wo verläuft die Grenze zwischen einer eigenständigen Kunstform Video und dem Film als Dokument?

Der Beitrag von Reiner Ruthenbeck, der ein „Objekt zur teilweisen Verdeckung einer Videoszene“ in eine Straßensituation gestellt hat, repräsentiert eigenständige Videoarbeit. Ein Objekt in Bildschirmformat verdeckt und versammelt den Blick, beruhigt durch Ausblendung des Bewegten, abstrahiert von der realen Unruhe.

Der kürzeste Beitrag der Schau stammt von dem österreichischen Aktionskünstler Flatz. Aus dem Fernsehsessel kann der Besucher einem in München ehemals szenebekannten Modedesigner zuschauen, der zum Marlboro-Versprechen von Freiheit und Abenteuer an der Zigarette zieht. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die Contergan-Behinderung.

Einen der schrägsten Beiträge liefert der Rock-Musiker Holger Czukay mit einem skurrilen Jahresrückblick. Einer der schönsten stammt von Wolf Kahlen: Auf sechs Monitoren sind Buchstaben als Futterauslage zu sehen, die das Wort „Schafe“ bilden. Die blökenden Tiere sammeln sich an den Nahrungsstreifen – TV-Konsumenten könnten sich in diesem Herdentrieb zum magischen Treffpunkt wiedererkennen.

Ein Raum wirft die Frage auf, warum es die Videokunst in der DDR so schwer hatte. Die letzte Ausstellungsstation lässt TV-Technik-Freaks und Videokunst-Enthusiasten gleichermaßen jubeln. Da bei einer solchen Rückschau kaum Raum frei bleiben kann und da das Medium nun mal einige Beachtungszeit beansprucht, sind die Ausstellungsmacher in die Offensive gegangen: dicht an dicht Filme und Gerätschaften und im Hintergrund als Fototapete das Labor für antiquierte Videosysteme. Da kann man sich dann durchaus auch zwei Tage aufhalten, wobei zwei Stunden Video-Archäologie auch eine Menge Gedanken zu ästhetischen Konzepten und politischen Hoffnungen aus einer gefühlten Fernseh-Steinzeit frei setzen.

(bis 16. Mai 2010; Katalog in Vorbereitung)

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