Bremer Shakespeare Company zeigt „Der Nibelungen Wut“

Historikerstreit in der Hölle

Kriemhild mit Ketten auf Abstand gehalten: Sonja Hilberger (v.l.), Erik Roßbander und Michael Meyer in „Der Nibelungen Wut“.
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Kriemhild mit Ketten auf Abstand gehalten: Sonja Hilberger (v.l.), Erik Roßbander und Michael Meyer in „Der Nibelungen Wut“.

Bremen – Was ist das: Es geht um Liebe, Verrat, Gier und Macht – und am Ende sind alle tot? Große Oper? Fast. In diesem Fall zumindest ist die Nibelungensage aus dem 13. Jahrhundert gemeint, dessen Ursprünge allerdings schon in der Zeit der Völkerwanderung liegen, also im vierten bis sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Da gab es so etwas wie eine deutsche Nation beim besten Willen noch nicht. Was bekanntlich aber nicht verhindern konnte, dass die Geschichte um den Superhelden Siegfried zum Nationalepos der Deutschen wurde. Dabei ist die Sache bei näherem Hinsehen so dubios wie willkürlich. Zumindest, wenn man sich das Stück „Der Nibelungen Wut“ von Johanna Schall und ihrer Dramaturgin Grit van Dyk ansieht, das am Donnerstag im Theater am Leibnizplatz in Bremen Uraufführung feierte.

Dass Siegfried zum Nationalhelden der Deutschen wurde – dafür kann er gewiss wenig. Dass man ihn im 19. Jahrhundert dazu machte, verrät deshalb mehr über seine Bewunderer, allen voran Opernkomponist Richard Wagner, als über ihn selbst. Bei Schall und van Dyk ist von ihm im Grunde nichts übrig als die Rede über ihn. Hierbei geraten die wichtigsten Figuren der Sage, also Hagen von Tronje, Kriemhild und Brunhild, sich auch nach ihrem Ableben regelmäßig in Streit darüber, wer und was Siegfried eigentlich war. Allabendlich treffen sie sich im Salon der Hölle, den Heike Neugebauer und Rike Schimitschek (auch für die treffsicher pointierten Kostüme verantwortlich) als gutbürgerliche Stube mit Bar und Waldtapete hergerichtet haben. Hausherrin Hel, von Tobias Dürr als trashiger Verschnitt von Frank N. Furter aus der „Rocky Horror Picture Show“ gegeben, versucht vergeblich, die auf Krawall gebürsteten Parteien zur Räson zu bringen.

Kein Wunder, treffen doch höchst gegensätzliche Interessen aufeinander: Hagen, der „immer nur das Beste“ für seinen König Gunter wollte, die Isländerin Brunhild, die sich um Liebe und Reichtum geprellt sieht, ja gar als Barbarin verhöhnt wird, und Nebenbuhlerin Krimhild, die sich beiden betrogen wähnt. Je nachdem, wen man fragt, ist Siegfried ein Held, ein Verräter, ein Dummkopf. Letzteres behauptet nicht zuletzt Page Otto, der als ewiger Soldat für all jene steht, die in den Schlachten über die Jahrhunderte für anderer Leute Interessen den Schädel hinhalten.

Es wäre nun ziemlich langweilig, der Nibelungen Lied zu erzählen, ohne ein Haltung dazu einzunehmen. Regisseurin Schall schlägt den Bogen durch die Jahrhunderte hinein in die allerjüngste Gegenwart. Dafür installiert sie nicht nur das digitale Helferlein Alexa in der guten Stube, sondern auch noch eine Praktikantin, die sich als die eigentliche dunkle Energie des Geschehens entpuppt. Die junge Frau entdeckt in dem bunten Treiben der zur ewigen Vergangenheitsbewältigung Verdammten jede Menge Potenzial für einen genialen Marketing-Coup mit nicht einmal notdürftig verkleideter politischer Ebene.

Da kommt dann kaum überraschend auch der AfD-Politiker Bernd Höcke zu Wort, durch den Mund des perfiden Ränkeschmieds Hagen von Tronje. Den Deckel draufmachen auf die Vergangenheit will er endlich, wenn er nicht mit der Praktikantin mal wieder für ein paar Schäferminütchen abtaucht, hernach maliziös lächelnd. Wobei es aber freilich dann doch eher um eine ganz bestimmte Deutung der Vergangenheit geht. Es ist nämlich eher die Problematisierung der alten Geschichten, die endlich zu den Akten gelegt werden soll, auf dass sich deutscher Geist möglichst bruchlos in ein Hohelied der Nation fügen kann.

Die Wendung zum Höcke-Nationalismus ließe sich nun als vielleicht allzu bequeme Kritik an rechtspopulistischen Argumentationsmustern lesen. Allerdings legt dieser Abend mit dem Untertitel „Furor Teutonicus“ (deutsche Wut) auch den Weg frei, die Sache etwas grundsätzlicher zu überdenken. Nicht nur weil beispielsweise Wagners „Ring“ nicht nur in Bayreuth bis heute auf deutschen und anderen Bühnen immer wieder gespielt wird.

Apropos gespielt: Sollte das nun nach einem eher verkopften Abend klingen, dürfen wir Entwarnung melden. Auch wenn es hier viel Material zum Nachdenken gibt, ist die Sache doch das reine Vergnügen. Was nicht zuletzt ein Verdienst des tollen Ensembles ist: Erik Roßbander verhilft dem Pagen Otto schelmenhaft sächselnd zu universaler Kontur. Sonja Hilberger ist eine betörend brutale Kriemhild, Svea Meiken Auerbachs Brunhild ihr kongenialer Widerpart, Michael Meyer lässt in seinem Hagen einen hinreißend bösen Strategen heranreifen – dazu kommt jene ganz eigene Ziele verfolgende Praktikantin (Sofie Alice Miller) und die stets den passenden Soundtrack liefernde Alexa (Maria Hinze). Unbedingt sehenswert!

Die nächste Vorstellung

Sonntag, 19.30 Uhr, Theater am Leibnizplatz, Bremen.

Von Rolf Stein

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