Historikerin Eva Schöck-Quinteros über die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf unsere Region

Schweinetod fürs Kaiserreich

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Die deutsche Kulturnation wollten vor allem Akademiker verteidigen: Eva Schöck-Quinteros spricht die Arbeiter vom Verdacht der Kriegsbegeisterung frei.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Hundert Jahre Erster Weltkrieg, das sind Schlieffenplan und Verdun, der Überfall auf Belgien und der Friedensvertrag von Versailles: weit weg von Bremen und Umgebung. Was der Krieg für Syke, Verden oder Diepholz bedeutete, ist den meisten Einwohnern weit weniger bekannt als etwa die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs.

Im Gespräch mit unserer Zeitung bringt die Bremer Historikerin Eva Schöck-Quinteros Licht ins Dunkel.

Frau Schöck-Quinteros, alle sprechen über den Ersten Weltkrieg. Bescheid wissen aber nur wenige. Warum?

Eva Schöck-Quinteros: Weil er im Gedächtnis der deutschen Bevölkerung im Unterschied zu Frankreich, Großbritannien und Belgien vom Zweiten Weltkrieg überlagert wird. Kürzlich hatte ich online die Chronik der Stadt Bremen entdeckt, Februar 2012 herausgegeben vom Senat. Da folgt auf das Jahr 1907 unvermittelt die Räterevolution von 1918: Der Erste Weltkrieg findet gar nicht statt!

 

Vielleicht deshalb, weil seine Auswirkungen wegen des Überseehafens hier nicht so extrem waren wie in anderen Städten?

Schöck-Quinteros: Nein, von der Lage konnte Bremen nicht profitieren, weil aufgrund der britischen Seeblockade ohnehin so gut wie keine Waren mehr ihr Ziel erreichten. Der Steckrübenwinter von 1916 auf 1917 war im Bremer Umland so hart wie andernorts im Kaiserreich. Auch hier wurden Schulen geschlossen, und gut ernähren konnten sich nur die Reichen.

 

Ende Juni 1914 geschah in Sarajevo ein Attentat. Hatte man in unserer Region von diesem Ereignis überhaupt erfahren?

Schöck-Quinteros: Oh ja, alle Zeitungen berichteten darüber. Bremen hatte einen großen Flügel kritischer Sozialdemokraten. Dort ahnte man gleich, dass ein Krieg droht, der in seinen Auswirkungen verheerender sein würde als alle bisherigen Kriege. Dafür sprach schon allein die technische Entwicklung in der Waffenproduktion.

 

Nun war die Stimmung im Land aber enthusiastisch, junge Männer zogen voller Freude in den Krieg. War das in Bremen anders?

Schöck-Quinteros: Es war überall anders. Der vielbemühte „Geist von 1914“ und das sogenannte „Augusterlebnis“: Das alles sind Begrifflichkeiten, die ganz bewusst kreiert wurden, um die Stimmung anzufachen. In den Arbeitervierteln war davon nichts zu spüren. Die Kriegsbegeisterung beschränkte sich im Wesentlichen auf Abiturienten, Studenten und Professoren. Denen ging es darum, die deutsche „Kulturnation“ zu verteidigen.

 

Und die Landbevölkerung in Syke oder Verden?

Schöck-Quinteros: Deren größte Sorge war, dass sie ihre Felder in der Erntezeit und ihr Vieh alleine lassen müssten. Die war meist alles andere als kriegsbegeistert.

 

Waren die Bremer Sozialdemokraten kaisertreu?

Schöck-Quinteros: Insgesamt war die Sozialdemokratie gegen einen Krieg, es gab große Friedensdemonstrationen, in Bremen zum Beispiel sieben große Versammlungen. Allerdings gab es einen kleinen Unterschied zwischen der französischen und der deutschen Sozialdemokratie: die französischen Sozialdemokraten hatten sich vorgenommen, im Kriegsfall zu streiken.

Wer hätte auch in Deutschland streiken sollen, wenn fast alle wehrtauglichen Männer eingezogen wurden?

Schöck-Quinteros: Tatsächlich war man weder in der lokalen Wirtschaft noch in der Verwaltung auf einen langen Krieg eingestellt. Dann scheiterte im September 1914 der Schlieffenplan mit der verlorenen Schlacht an der Marne, und plötzlich stand man vor zwei Problemen. Erstens: Wie produzieren wir weiter, vor allem die dringend benötigte Munition? Zweitens: Wie stellen wir die Lebensmittelversorgung sicher?

 

Wie lauteten die Antworten?

Schöck-Quinteros: Eine immer umfassendere Rationierung der Grundnahrungsmittel wurde angeordnet. In Bremen startete man 1915/1916 auch ein Projekt, das vor allem auch propagandistisch ausgeschlachtet wurde. Der Norddeutsche Lloyd nahm zusammen mit einem Kaufmann die Produktion dreier Handels-U-Boote in Angriff, mit denen die britische Blockade unterlaufen werden sollte. Eines davon hatte tatsächlich geschafft, unter der feindlichen Linie hindurch nach Amerika und beladen mit kriegswichtigen Rohstoffen wie Rohgummi, Zinn, Nickel wieder zurückzufahren. Seine Rückkehr war natürlich ein Triumph, in Bremen gab es ein Volksfest.

 

Die Leerstellen in den Betrieben ließen sich damit aber nicht füllen.

Schöck-Quinteros: Es ist viel davon die Rede, dass diese Leerstellen vor allem von Frauen besetzt wurden und der Erste Weltkrieg deshalb zur Emanzipation der Frau im Beruf beitragen habe. Das stimmt so nicht. Der Frauenanteil an der Erwerbstätigkeit nahm zwar zu, allerdings nicht stärker als vor dem Krieg. Trotzdem gab es eine Feminisierung der Stadt, weil Frauen jetzt auch als Postbotinnen, Sraßenbahnschaffnerinnen, später auch in Rüstungsbetrieben, zum Beispiel auch auf den Werften tätig waren und nicht mehr nur in Textilfabriken. Damit war die berufstätige Frau im Alltag sichtbar. Viele Leerstellen wurden vor allem durch den Einsatz von Kriegsgefangenen ausgeglichen.

 

Kriegsgefangene in Bremen?

Schöck-Quinteros: Das Gelände der Vieh-Quarantäneanstalt im Hafen wurde für ein Lager genutzt. Die Initiative dazu ging von der Handelskammer und Bremer Betrieben aus, die dringend Arbeitskräfte benötigten. Viele Gefangene wurden auch in Bauernhöfen auf dem Land eingesetzt. Das heutige Verbreitungsgebiet Ihrer Zeitung dürfte das aber nur im Osten betroffen haben, weil Bremen damals dem sogenannten neunten Armeekorps angehörte, im Süden der Stadt aber schon an den zehnten grenzte.

 

Dem Armeekorps?

Schöck-Quinteros: Mit Erklärung des Kriegszustands trat der Belagerungszustand des Jahres 1851 in Kraft. Demnach wurde das Deutsche Reich in Armeekorps-Bezirke eingeteilt. Die zivile Verwaltung blieb bestehen, die Exekutive war Angelegenheit des Militärs. Bei der immer katastrophaler werden Lebensmittelversorgung spielten auch groteske von oben angeordnete Fehlentscheidungen der Bürokratie eine wichtige Rolle.

 

Zum Beispiel?

Schöck-Quinteros: Wenn Sie nur an den sogenannten Schweinemord denken, der die Landwirte von Wildeshausen bis Verden massiv getroffen hat. Als sich Ende 1914, Anfang 1915 ein langer Krieg abzeichnete, begann man, Nahrungsmittel zu zählen. Jeder Bauer sollte angeben, über wieviel Getreide und Kartoffeln er verfügte. Dabei stellte sich heraus, dass es von beidem viel zu wenig gab. Wegen der Handelsblockade war an Importe nicht zu denken. Deshalb überlegte man, was der Grund für den geringen Ertrag aus heimischer Landwirtschaft sein könnte.

 

Und was war der Grund?

Schöck-Quinteros: Schweine. So glaubte man jedenfalls. Niemand kam auf die Idee, dass die Bauern zu niedrige Zahlen genannt haben könnten, um möglichst wenig von ihrer Ernte abgeben zu müssen. Also ordnete man die Schlachtung von etwa sieben Millionen Schweinen an. Mit verheerenden Folgen. Denn Schweine haben ja nicht nur verzehrt, sondern auch etwas hergestellt: Dünger. Und den hätten die Bauern dringend benötigt, weil sie nicht mehr auf die bis dahin aus Chile importierten Guano und Salpeter zurückgreifen konnten. Das Fleisch ist größtenteils verdorben, weil es zu wenig Kühlmöglichkeiten gab. Es entstand eine Lücke im Fleischbestand, die während des Krieges nicht mehr geschlossen wurde, und die Bauern waren wütend.

 

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs sind heute noch in der Architektur vieler Innenstädte sichtbar. Vom Ersten Weltkrieg sieht man nichts mehr – oder?

Schöck-Quinteros: Es gibt noch viele Spuren, auch im Bremer Stadtbild. Und natürlich gibt es eine Kultur der Kriegerdenkmäler. Dabei gilt es aber zu bedenken, dass es sich meist nicht wirklich um Zeugnisse des Ersten Weltkriegs handelt.

 

Warum?

Schöck-Quinteros: Die Würdigung der Opfer dieses Kriegs setzte oft erst nach 1933 ein. Das Ehrenmal Altmannshöhe in Bremen ist dafür ein besonders makabres Beispiel: Es ging um die Mobilisierung für den kommenden Krieg – nicht so sehr um das Gedenken an den vergangenen.

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