Festival „Tanztheater international“ in Hannover zeigt Plüschtierberge und schrumpfende Boxen

Mit Hirschen richtig leben

„The Deer House“: Die „Needcompany“ aus Belgien denkt im Rahmen des Festivals „Tanztheater international“ über die Verbindung von Kunst und Leben nach.

Von Jörg WoratHANNOVER (Eig. Ber.) · Halbzeit bei „Tanztheater international“ – und mangelnde Abwechslung kann man dem Festival nun gewiss nicht unterstellen. Es kommen alte Bekannte und neue Gesichter, mal findet die Performance auf der ganz großen Bühne statt und mal auf der kleinsten nur denkbaren.

Die „Needcompany“ war schon mehrfach bei der Veranstaltungsreihe zu Gast. Diesmal gab‘s im Schauspielhaus den abschließenden Teil von Jan Lauwers’ Trilogie „Sad Face, Happy Face“. Er heißt „The Deer House“, und für dieses „Hirschhaus“ braucht die renommierte belgische Gruppe viel Platz. So liegt am Schluss ein ganzer Berg flauschiger Tierpuppen auf der Bühne.

Das mag soweit ganz süß wirken, der Ausgangspunkt des Stücks ist indes ein tief ernster: Der Bruder einer Tänzerin, Kriegsfotograf im Kosovo, wurde bei der Ausübung seines Berufs erschossen. Anlass für die Compagnie, über das richtige Leben, die Kunst und die Verbindung von beidem nachzudenken – nur schlüssig daher, dass die Namen der Bühnenfiguren mit denjenigen der Akteure identisch sind.

Entwickelt wird eine fiktive Geschichte, genauer gesagt: eine Reihe von Möglichkeiten für Geschichten, denn zuweilen entstehen auf offener Bühne Debatten, wie die Handlung denn weitergehen könnte. Das hat durchaus komische Momente, doch diese Komik ist eine höchst brüchige, geht es inhaltlich doch letztlich um den Krieg, um Entfremdung und immer wieder um den Tod.

Die „Needcompany“ ist für einen Medienmix bekannt, in dem neben Tanz auch Gesang und Sprechtheater eine Rolle spielen. „The Deer House“ ist allerdings mit „wortlastig“ nicht mehr hinreichend beschrieben, das Stück wirkt leider streckenweise geschwätzig. Gar zu ausführlich sind die mehrsprachig vorgetragenen Sprachgirlanden – wie in der Oper gibt es Übertitel –, und gar zu selten fallen sie wirklich pointiert aus. Die Wirkung kann man wohl mit „polarisierend“ beschreiben: Einige Besucher gehen missmutig noch während der Vorstellung, der Schlussbeifall nimmt wiederum überschwängliche Formen an.

Drei Tage später präsentiert der Festival-Newcomer Pierre Rigal im Ballhof den ultimativen Alptraum für Klaustrophobiker. Der Franzose hat sein Solostück „Press“, zu sehen als deutsche Erstaufführung, in eine enge Box verlegt, die im Verlauf der Performance sogar noch weiter zusammenschrumpft.

Ein Stuhl, eine Lampe: Mehr steht Rigal in seinem beklemmenden Gefängnis nicht zur Verfügung. Und dennoch gelingt es ihm, in diesem reduzierten Umfeld eine Stunde lang weitgehend spannendes Theater zu machen. Das allerdings mit Tanz im herkömmlichen Sinn nicht mehr viel zu tun hat, sondern eher eine Mischung aus Mime-Tradition, Akrobatik und dem Charlie Chaplin der „Moderne-Zeiten“-Ära darstellt. Zusammen mit einem Sinn für die bildende Kunst, denn die Bilder, die Rigal erzeugt, haben teilweise eine ausgeprägt skulpturale Wirkung.

Der Akteur faltet seinen Körper zu den erstaunlichsten Formen zusammen, scheint zuweilen für die Hauptrolle im nächsten „Spider-Man“-Film zu trainieren oder misst den Raum zwischen Boden und herabsinkender Decke plötzlich kopfüber aus. Dann wieder bewegt er sich wie eine Marionette aus dem asiatischen Schattentheater.

Es hat schon etwas Existentialistisches, wie da ein Mensch versucht, dem Druck von außen unter allen Umständen etwas entgegenzusetzen. Irgendwann ist die Box so zusammengeschrumpft, dass Rigal sich nur noch hinlegen kann – und bringt aus dieser unmöglichen Position heraus so etwas wie einen Horizontaltanz zustande.

Beeindruckend und bedrückend. Die Anspannung im Zuschauerraum ist während der Aufführung fast körperlich spürbar. Sie entlädt sich in explosionsartigem Beifall.

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