Hirnforscher Gerhard Roth erklärt in Bremen mit Shakespeare das Böse

Geborene Höllenboten

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Krummer Rücken, krumme Moral: Der wahre Richard III., bei seinem Fund im Jahr 2012 in Leicester. Archivfoto: dpa

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Den Liebhaber zu spielen, sagt der bucklige Herzog Richard von Gloster, werde ihm mit seiner krummen Gestalt wohl kaum gelingen. Doch bleibe ihm ja noch eine zweite Option in diesem Drama: „den Dreckskerl aufzuführen“ nämlich.

Was ihm dann auch so gut gelingt, dass man ihn bis heute zu den finstersten Bösewichten der Literaturgeschichte zählt – auf Augenhöhe mit solch sympathischen Gestalten wie Mephisto und Franz Moor.

Shakespeares Tragödie „Richard III.“ ist so etwas wie ein Grundmuster des Bösen und ihre Hauptfigur eine Schablone für Schurken aller Art von Hitler bis Goebbels, von Stalin bis Mao. Und weil das Böse in diesen Tagen Konjunktur hat, in gewaltbereiten Islamisten ebenso wie in rechtsradikalen Hetzern, ist es an der Zeit, sich diesen Herrn mal genauer anzusehen.

Gerhard Roth

Die Bremer Shakespeare-Company hatte dafür Gerhard Roth eingeladen, jenen Hirnforscher, der mit seinen Thesen zur Willensfreiheit einst bundesweit Aufmerksamkeit erregte und eine Debatte um Sinn oder Unsinn strafrechtlicher Prinzipien anstieß. Im restlos ausverkauften Theater am Leibnizplatz geht er auf das Strafrecht nur am Rande ein, der Fall gilt schließlich schon seit vier Jahrhunderten als geklärt. Um das Böse im Bösen zu erklären, sagt Roth, müsse man es zunächst einmal identifizieren. Das Böse im Sinne einer psychiatrischen Störung von Gewalttätern trete gewöhnlich in drei Erscheinungsformen auf. Der erste Typ sei der instrumentelle Täter: Dieser habe in seiner Kindheit das Recht des Stärkeren erlernt. Wer auf Gewalt verzichtet, so lautet die Erfahrung, der geht im Leben unter. Dieser Typ, sagt Roth, sei schwer zu behandeln: „Ihm fehlt nun mal das Unrechtsbewusstsein.“

Die zweite Kategorie nenne sich „Impulsiv-reaktiver Gewalttäter“. Diese Kandidaten zeichneten sich durch überhöhtes Bedrohtheitsgefühl in Kombination mit mangelhaft ausgebildeter Impulshemmung aus. Ein böser Blick bringt sie zur Weißglut, ein falsches Wort, und sie hauen ihren Gegenüber in Stücke.

Richard III. sagt Roth, lasse sich weder der ersten noch der zweiten Gruppe zuordnen. Sein Fall entspreche der deutlich kleineren, aber umso gefährlicheren Gattung der „proaktiven Gewalttäter“. Diesen Persönlichkeiten liege meist ein übersteigertes Selbstwertgefühl zugrunde, das sich in pathologischem Lügen wie aber auch in frappierender Furchtlosigkeit zeige. Die entsprechende Veranlagung sei meist schon im frühkindlichen Alter zu erkennen: „Das sind dann Jungen, die im Kindergarten ihre Kameraden bestehlen und anschließend so geschickt lügen, dass die Kindergärtnerin glaubt, sie seien Opfer statt Täter.“

Geschicktes Lügen wird ermöglicht durch eine auffällig ambivalente Form von Einfühlungsvermögen. Empathisch nämlich, sagt Roth, seien solche Täter lediglich auf kognitiver, nicht aber auf emotionaler Ebene. „Sie sind Meister darin, zu erkennen, was andere fühlen und denken, nutzen dieses Wissen aber schamlos zu ihrem eigenen Vorteil aus.“

Szenisch unterstützt von Schauspielern der Shakespeare-Company bringt Roth diese Eigenschaft anhand der zweiten Szene des ersten Aufzugs beispielhaft zur Geltung. Mitten im Trauerzug für Heinrich VI. und dessen von Richard getöteten Sohn Edward, kommt es zum Eklat. Der Mörder selbst springt aus dem Gebüsch und hält allen Ernstes um die Hand der Witwe an. Diese, der Ohnmacht nahe, glaubt, den Leibhaftigen zu sehen: einen „grausen Höllenboten“ und „Klumpen schnöder Missgestalt“. Doch kurz darauf ist sie mit ebendiesem „Höllenboten“ auch schon verheiratet. Wie das?

Rhetorisch gewitzt übt sich Richard in Reue und Demut, verlagert den Grund seiner Tat auf die Witwe („Nur deine Schönheit trieb mich in den Mord“), gibt sich selbst damit zugleich den Anschein eines Opfers. Mit dem Mut eines Spielers entblößt er schließlich seine Brust und fordert die Angebetete auf, ihn zu töten.

Kann so einer ein böser Mensch sein? Nein, sagt die umworbene Witwe und verschont den reuigen Sünder. Selbstverständlich, widerspricht ihr der Hirnforscher: „Alles auf eine Karte zu setzen, ist das typische Verhaltensmuster proaktiver Gewalttäter.“ Hitler etwa habe aus seiner Neigung zum Vabanquespiel kein Geheimnis gemacht. Die solchen Tätern eigene Furchtlosigkeit begünstigt diese Lust.

Doch es muss nicht einmal die Spielsucht sein, die Richard antreibt. Seine kognitive Empathie verleiht ihm die Gewissheit darüber, dass diese Frau nicht töten wird. Dass sie vielmehr aus der eigenen Erfahrung, Herrscher über Leben und Tod zu sein, ihre Abscheu in Liebe umwandelt.

Was für eine Kanaille und das alles nur wegen eines krummen Rückens! Doch so einfach, sagt Roth, verhalte es sich mit der Begründung für das Böse nicht. Denn weniger ein körperlicher Makel entscheide über die psychische Disposition solch hochgefährlicher Gewalttäter als spezifische familiäre Bedingungen. Hauptauslöser etwa sei ein vorgeburtliches Trauma, erlebt von der Mutter mit unmittelbaren Auswirkungen auf den Fötus. Komme in der Kindheit ein übermächtiger, strafender Vater hinzu, erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit einer späteren Verbrecherlaufbahn entschieden. Erlebt das Kind darüber hinaus eine Mutter, die es einerseits abgöttisch liebt, andererseits nicht vor dem Vater zu schützen vermag, so sei eine Karriere als Despot fast schon garantiert.

Shakespeare als Analytiker des Bösen: Gerhard Roth beweist an diesem erkenntnisreichen, spannenden Abend seine aktuelle Relevanz.

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